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Studie Fernuni Hagen: Radfahren verbindet und wirkt als Sozialfaktor

Raus aus dem Auto, rein ins Leben: Wer die Umgebung vom Sattel aus wahrnimmt, erlebt den öffentlichen Raum bewusster. Eine Studie legt nun nahe, dass das dem Gemeinwohl zugutekommt.

Radfahren bringt die Leute zusammen: Radsternfahrt des ADFC Bayern für ein Radgesetz im Sommer 2023. | Foto: ADFC
Radfahren bringt die Leute zusammen: Radsternfahrt des ADFC Bayern für ein Radgesetz im Sommer 2023. | Foto: ADFC
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Johannes Reichel

Eine psychologische Studie von Forschenden an der FernUniversität in Hagen hat jetzt gezeigt, dass Radfahren in Städten positiv mit der Orientierung am Gemeinwohl zusammenhängt. Hauptautor der Studie ist Harald Schuster, Doktorand im Hagener Lehrgebiet Community Psychology. Gemeinsam mit Dr. Jolanda van der Noll (FernUni-Lehrbeauftrage) und Lehrgebietsleiterin Prof. Dr. Anette Rohmann erforscht er in einem Projekt, wie das Mobilitätsverhalten von Menschen mit sozialem Zusammenhalt in Verbindung steht. Basis ihrer aktuellen Studie waren Umfragedaten einer repräsentativen Stichprobe der deutschen städtischen Bevölkerung aus dem Zeitraum zwischen 2014 und 2019 (GESIS Panel, Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften). Der urbane Raum erschien den Forschenden als besonders aussagekräftiges Untersuchungsfeld.

„Wir haben uns auf Großstädte konzentriert, weil hier viele diverse, heterogene Menschen aufeinandertreffen“, erklärt Schuster.

Die Perspektive der Community Psychology nehme Menschen in ihren sozialen und räumlichen Kontexten in den Blick, ergänzt Anette Rohmann. Die Bedeutung des Mobilitätsverhaltens für den sozialen Zusammenhalt in der Nachbarschaft zu untersuchen, sei eine spannende neue Perspektive. Insgesamt schaute sich das Team vier Aspekte von Gemeinwohlorientierung an: politische Partizipation, soziale Beteiligung an Organisationen, Nachbarschaftssolidarität und nachbarschaftliche Hilfsbereitschaft.

Radfahren beeinflusst Sozialverhalten: Öffentlicher Raum als Chance

Nachdem es die Ergebnisse um mögliche Störfaktoren wie Wohneigentum, Einkommen, Bildung oder Geschlecht bereinigt hatte, zeigte sich: Radfahren ist die einzige Variable, die einen signifikant positiven Einfluss auf alle vier Aspekte hatte. Leitfrage war, worin die Gründe für diesen Zusammenhang liegen und ob Fahrradfahren einfach gute Laune macht.

„Nein, aber wenn ich immer nur mit dem Auto unterwegs bin, vom Fahrstuhl über die Tiefgarage in den Wagen steige, dann sehe ich vielleicht gar nicht, dass beim Nachbarn die Regenrinne kaputt ist und er Hilfe benötigt“, verdeutlicht der Psychologe seinen Erklärungsansatz mit einem Beispiel.

Gerade alltägliche Begegnungen stärken das soziale Vertrauen. Und wer seine Nachbarschaft auch mal durchstreift, ohne eine Karosserie um sich zu haben, hat wahrscheinlich ganz automatisch Kontakt, bemerkt Positives oder Probleme – selbst wenn wir der Nachbarin nur beiläufig das Gartentor aufhalten, kurz beim Tragen der Einkäufe helfen oder uns über die Straße hinweg freundlich zunicken. Das Geflecht aus solchen kleinen Erlebnissen könne auch als sozialer Klebstoff angesichts wachsender gesellschaftlicher Polarisierung wirken. Wie die Prozesse genau aussehen, das untersucht Schuster in weiteren Studien seines Dissertationsprojekts.

„Meine Überzeugung ist, dass wir als Gesellschaft mit Blick auf die kommenden gesellschaftlichen Herausforderungen viel Zutrauen brauchen, um nicht auseinanderzufallen. Der öffentliche Raum ist hierfür ein Geschenk“, unterstreicht er einen Kerngedanken der Community Psychology.

Stadtverkehr anders gestalten

Schon seit vielen Jahren macht sich Harald Schuster deshalb auch dafür stark, den urbanen öffentlichen Raum aufzuwerten: Als Vorstand des Umweltschutz-Vereins RADKOMM gehört er zum Gründungskreis von „Aufbruch Fahrrad“ – einem großen Aktionsbündnis für nachhaltigere Mobilität. Dessen Mission verlief bislang äußerst erfolgreich: Über 200.000 Menschen in NRW trugen die Volksinitiative mit ihren Unterschriften mit. Seit 2022 ist Nordrhein-Westfalen das erste deutsche Flächenbundesland mit eigenem Fahrradgesetz. Es legt fest, dass Fuß- und Radverkehr dem Kraftfahrzeugverkehr in der Straßenplanung ebenbürtig sind. Bauprojekte, die in den nächsten Jahren in NRW beginnen, müssen das berücksichtigen.

„Ein Gesetz wirkt nicht nur auf Verwaltungsebene. Es hat auch Einfluss auf bestimmte Verhaltensmuster und kann ein Umdenken bewirken", betont der Psychologe.

Eine Tatsache, die Schuster bereits während seines Studiums an der FernUniversität erforscht hat, und die ihn damals zum überparteilichen Bündnis „Aufbruch Fahrrad“ anspornte. Schuster selbst liegt derzeit ein weiterer Forschungsgegenstand am Herzen: die Rolle des Fußverkehrs für den sozialen Zusammenhalt. Mit ihm befasst er sich in seiner nächsten Studie – wobei er durchaus ähnliche Erkenntnisse erwartet: „Nachbarschaften können eine unglaubliche Kraft darstellen!“ Man muss sie nur mit Leben füllen.

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