Streit um Energielabel für Autos: Wann ist grün wirklich grün?

Zwischen den Ministerien Verkehr, Wirtschaft und Umwelt tobt ein Streit um die Kennzeichnung von Kfz zum CO2-Ausstoß. Der Kompromissvorschlag des Wirtschaftsministeriums bleibt weit hinter den EU-Vorgaben und ließe sogar einen VW Touareg im "grünen Bereich" einsortieren.

Im grünen Bereich? Sogar ein VW Touareg läge nach dem Modell des Wirtschaftministeriums noch bei den "umweltfreundlichen" Fahrzeugen im Energielabel. | Foto: VW
Im grünen Bereich? Sogar ein VW Touareg läge nach dem Modell des Wirtschaftministeriums noch bei den "umweltfreundlichen" Fahrzeugen im Energielabel. | Foto: VW
Johannes Reichel

In der Koalition ist zwischen den Ministerien Verkehr, Wirtschaft und Umwelt ein Streit über die Ausführung des Energielabels für Automobile entbrannt. Das geht aus einem Brief des Umweltstaatssekretärs Jochen Flasbarth hervor, der dem Recherchekollektiv aus Süddeutscher Zeitung, WDR und NDR vorliegt und der die Fronten offenbart. Flasbarth wirft dem Wirtschaftsministerium vor, es wolle "explizit" mit dem CO2-Label "möglichst viele verbrennungsmotorische Volumenmodelle (...) fördern". Das sei weder mit den Klimazielen, noch mit "seriöser" Aufklärung der Kundschaft zu vereinbaren. "Verbraucherinformationen derart einseitig auf Industriebelange auszurichten, schadet auch der Glaubwürdigkeit der Politik und Kennzeichnungen zur Verbraucherinformation insgesamt", monierte der langjährige Umweltpolitiker.

Die geplante Neufassung der Verbrauchskennzeichnung nach dem Vorbild von Elektrogeräten soll die bisherige ablösen, die sich nach alten Emissionsangaben richtet, zudem das Gewicht eines Fahrzeugs positiv berücksichtigt und selten der Realität entspricht, aber auch die Basis für die Kfz-Steuereinstufung bildet. Mit der Umstellung auf den neuen WLTP-Zyklus will man den tatsächlichen Verbräuchen zumindest näher kommen. Die bisherigen Pläne schätzt aber auch der Chef des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen Klaus Müller als "Fortsetzung der Verbrauchertäuschung, wie wir sie kennen" ein.

Beteiligt an dem komplexen Neufindungsverfahren sind eben die drei Ministerien Wirtschaft (CDU), Verkehr (CSU) sowie Umwelt (SPD), deren Antipoden Verkehr und Umwelt bilden. Der Kompromissvorschlag des Wirtschaftsministeriums würde fast zwei Drittel aller Neufahrzeuge in die Stufen A,B und C einsortieren, die sämtlich in "Grüntönen" changieren. Mehr als ein Drittel fällt in die Kategorie C, die einen CO2-Ausstoß von 122 bis 143 g/km erlaubt. Dies liegt jenseits der Vorgaben der EU. Aus Sicht des Wirtschaftsministeriums orientiert man sich damit am aktuellen Verbrauchsschnitt aller Verbrenner für nächstes Jahr.

"Das Bundeswirtschaftsministerium versucht hier, die Verbraucherinnen und Verbraucher hinter die Fichte zu führen", kritisiert auch der Oppositionspolitiker Stephan Kühn von den Grünen laut SZ.

Es gehe um eine "grüne Ummantelung" von Autos, die alles andere als umweltschonend seien. Das Bundesumweltministerium will die Grenze für "grün" denn auch bei 120 g/km CO2 einziehen, den Rest zwischen gelb und rot einsortieren. Ebenfalls aus dem Wirtschaftsministerium stammt der Vorschlag einer Balkenskala, die im Umweltministerium auf Ablehnung stößt. Die Begründung von Flasbarth: Man könne hier sogar einen schweren SUV wie den VW Touareg noch in der Balkenmitte einordnen, da der Balken erst mit dem höchstemittierenden Modell endet - bei 382 g/km.

Was bedeutet das?

Eigentlich ist es ganz einfach: Der Verbraucher will wissen, was ein Auto verbraucht, wenn er es kauft. Doch dann wird es kompliziert. Denn er erfährt nie den realen CO2-Ausstoß, sondern nur den Zyklus-Wert. Der liegt selbst im neuen WLTP-Zyklus noch weit unterhalb der realen Verbrauchswerte, erst recht für die ach so beliebten PHEV-Modelle, die hier mit Fabelwerten von 1 bis 2 l/100 km das vordere Drittel der Tabelle belegen, weil zwei Drittel des Zyklus elektrisch, also emissionsfrei gefahren werden dürfen. Das ist natürlich Quatsch und auch Verbrauchertäuschung, mit der die Bundesregierung sowieso auch mal aufräumen sollte, indem sie die PHEVS nur dann alimentiert, wenn sie möglichst viel elektrisch gefahren werden. Doch das nur am Rande. Für den Rest der Skala gilt: Man sollte sich schlicht an den europäischen Vorgaben orientieren. Und da darf nur grün leuchten, was auch grün ist, sprich um die 95 g CO/km liegt. Solche Fahrzeuge sind auch als Verbrenner möglich, etwa Limousinen oder Kompaktwagen mit geschlossenem Hybridsystem oder Erdgasantrieb. Letzterer ließe sich mit Biomethan sogar fast klimaneutral betreiben. Und dann hätte er ein "quietschgrün" eher verdient als ein Geländewagen mit Feigenblattstromer. 

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