Sitzprobe BMW i7: (Zu) Großer Fortschritt (für Europa)

Mit dem neuen Siebener geht BMW wieder einen großen und mutigen Schritt – und treibt das Thema Digitalisierung und Komfort zu neuer Größe – leider auch die Abmessungen: Mit fast 5,4 Metern Länge bekommt man in Europa langsam massive Probleme in den Metropolen

 

Imposant: Der neue BMW i7 | Foto: BMW/Tom Kirkpatrick
Imposant: Der neue BMW i7 | Foto: BMW/Tom Kirkpatrick
Gregor Soller

Der neue 7er hebt das Level im Luxusmarkt wieder massiv an – Richtung Rolls-Royce. Kleiner hatten es die Bayern leider nicht, um der Konkurrenz zu zeigen, wo der Hammer hängen kann – vor allem mit Blick auf die arabischen, asiatischen und US-amerikanischen Kunden: Dorthin werden mittlerweile die meisten Siebener verkauft, weshalb man auch den „Kompromiss“ einging, das Wachstum an Luxus und Komfort auch in die Abmessungen zu geben, die gelinde gesagt dezent explodierten: 5,4 Meter Länge und rund 2,7 Tonnen Leergewicht wollen bewegt werden – gefüllt mit haptischer Opulenz.

400 Kilometer reale Reichweite dürften selbst im Winter immer drin sein

Und da noch nicht alle Märkte so elektroaffin sind wie Europa, wird es ihn mit mehreren Antrieben geben – wobei der „EU-Heimatmarkt“ mit dem Stromer i7 xDrive60 mit 400 kW 544 PS) startet, die allenfalls zum Anfahren gebraucht werden, sodass man sich mit sehr dezenten 70 kW (95 PS) Dauerleistung zufriedengeben kann. BMW gibt als Verbrauch 18,4 bis 19,6 kWh/100 km an, was dank 105,2-kWh-Akku nach WLTP für 590 bis 625 Kilometer gemäß WLTP reichen soll, in der Praxis reale 400 Kilometer eher plus als minus x, selbst im Winter.  

Und da in dieser Klasse genug auch zu wenig sein kann, schiebt BMW ab 2023 noch den i7 M70 xDrive nach, der dann 21,2 bis 26,4 kWh/100 km verbrauchen soll. Das Drehmoment dürfte analog zum iX M60 bis zu 1.015 Nm betragen, im Boost auf 1.100 Nm erhöhbar. Damit soll auch der Siebener in weniger als vier Sekunden auf 100 km/h beschleunigen. Die Leistung dürfte ähnlich wie beim iX 455 kW oder 619 PS betragen. Möglich macht das ein der Sechs-Phasen-Doppelinverter des Hochdrehzahlmotors, der bis 15.400 Umdrehungen dreht – das allerdings nur bei Topspeed – womit wir bei klassischem E-Motorentuning sind: Denn „M“ bedeutet hier einen längeren Rotor plus zweifach-Inverter und bis zu 1.200 Ampere Stromstärke.

Doch nehmen wir endlich Platz, zuerst im Fond: Alle Türen öffnen auf Knopfdruck elektrisch – Seitliche Ultraschallsensoren sollen erkennen, falls Hindernisse im Weg sind und stoppen die Türen notfalls in der Praxis fast etwas übervorsichtig: Da die Sensoren unter den Türen sitzen, genügt schon ein Bordstein, um ihre Öffnung zu stoppen. Aber für den Chauffeur Zauberstunde: Er muss die Portale nicht mehr per Hand öffnen – und kann hier endlich voll mit den elektrischen Schiebetüren der „biederen“ Vans gleichziehen.

Die Konfigurationsmöglichkeiten nähern sich den Bespoke-Modellen von Bentley und Rolls Royce

Dann erwartet uns im auf 188.000 Euro brutto hochkonfigurierten Vorsteller – der eines der offiziellen Fotoautos ist eine extrem einladende Sitzlandschaft in Kaschmirwolle und edlem Echtleder, die Basis startet mit „veganem“ Kunstleder, dessen Qualität aber von Echtleder nicht zu unterscheiden sein soll. Zwischen dem samt Kaschmirwolle und der „Basis“ liegen diverse Lederausstattungsniveaus.

Überhaupt die Ausstattungsniveaus: Sie werden üppiger als je zuvor ausfallen, inklusive Zweifarbton, bei dem „oben“ silber oder schwarz mit diversen „Unterfarben“ kombiniert werden kann. Dazu kommen 100 Standardfarben…Ihre ist nicht dabei? Auf Wunsch lackiert BMW gegen weitere Aufzahlung genauso, wie sie es sich vorstellen!

Über handyartige Touchflächen in den Türverkleidungen kann man es sich im Fond wohnlich einrichten: Den Sitz (fast) in waagrechte Schlafstellung bringen – der Beifahrervordersitz faltet sich dann automatisch nach vorn weg – im schlechtesten Fall mitten ins Sichtfeld des Beifahreraußenspiegels – dann hat der Chauffeur Pech gehabt. Für Mitfahrer ab 1,8 Meter kneift die Liegeposition zwar etwas – aber trotzdem ist ein megaentspanntes Lümmeln möglich. Etwas überrascht hat uns der Standardfußraum, der im 40 cm kürzeren und rund 300 Kg leichteren Lucid Air auch nicht knapper ausfällt – da hätten wir bei 5,4 Meter NOCH mehr erwartet…

Kino im Fond - mit Liegelounge

Wir lassen die 31-Zoll-Kinoleinwand aus dem Dach und freuen uns über das Programm, das aber in 8k aufgenommen sein sollte, sonst wird es unscharf…dann schälen wir uns aus dem penibel verarbeiteten kuscheligen Fond doch noch auf den Fahrersitz, wo der Siebener nicht ganz so opulent und „BMWiger wirkt“: Die neue Armaturenlandschaft ist ein Riesenfortschritt gegenüber dem Vorgänger und trotz leichter Blingbling-Routenattacke (anders als bei DS, wo man dieses Designthema ebenfalls liebt) in den beleuchteten Einlegern sieht das Alles frisch und fein aus – auch dank reichlich Alu, Holz, Leder und Stoff.

Das „multisensorische Fahrzeugerlebnis“ sollte man sich wie beim iX gut einrichten und dafür Zeit einplanen: BMW hat hier mittlerweile eine riesige Funktionsfülle hinterlegt, die sich aufgrund der Möglichkeiten oft nicht mehr in der ersten Ebene darstellen lässt. Dahinter steht das BMW Operating System 8. Dabei spannt BMW das Curved Display, den Interaction Bar, einen Intelligent Personal Assistant sowie mit zusätzlichen My Modes zusammen, sodass der intuitive Dialog zwischen Fahrer und Fahrzeug eine neue (sehr) komplexe Dimension erreichen soll – die den Fahrer wegen der Fahrzeuggröße ohnehin schon klein wirkenden Fahrer gefühlt noch kleiner machen kann, wenn der sich nicht auskennt. Die Highspeed-Vernetzung des neuen BMW 7er wird dabei durch das fahrzeugeigene, 5G-fähige Antennensystem sichergestellt – was in Deutschland wegen dem lückenhaften Netz eher schwer auf Dauer durchzuhalten sein dürfte…

An der vielgescholtenen Optik finden wir dagegen nichts negatives: Der Siebener punktet mit feinen Details und wenn man die Svarovsiki-Kristalle (Gott sei Dank Option – absoluter blinblingalarm!) als „Lidstrich“ und die Scheinwerfer darunter als eine moderne Interpretatioin des 2000 tilux sehen möchte, kann man das tun – und der war einst auch der King der „Neuen Klasse“.

Weshalb sich der Siebener mehr denn je Richtung Asien und USA orientiert, wo „bigger“ auch immer noch „better“ ist – dass das allerdings die einzige Grundidee des neuen Siebeners zu sein scheint – einfach viel mehr von Allem – das ist bitter.

Was bedeutet das?

Oh ja, BMW hat den Maßstab in der Luxusklasse wieder massiv angehoben. Allerdings auf die einfache Art, von allem MEHR zu machen. Ob, wo und wie zukunftsfähig das wirklich ist, werden die nächsten Jahre zeigen.

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