Selbstverpflichtung: E-Scooter-Sharing soll nachhaltiger werden

Mit Tier, Dott und Voi gehen größere Anbieter eine Selbstverpflichtung ein, die die E-Tretroller nachhaltiger machen soll, etwa durch Recycling-Anteil, tauschbare Akkus und Verteilung per E-Van.

Mehr Nachhaltigkeit für die Tretroller: Tier treibt die Entwicklung mit neuem Scooter samt Akkutauschkonzept voran. | Foto: Tier
Mehr Nachhaltigkeit für die Tretroller: Tier treibt die Entwicklung mit neuem Scooter samt Akkutauschkonzept voran. | Foto: Tier
Johannes Reichel

Die drei größeren E-Tretroller-Verleiher Tier, Dott und Voi haben eine freiwillige Selbstverpflichtung bekanntgegeben, mit der der Betrieb der E-Scooter künftig nachhaltiger werden soll. Zu den zehn kommunizierten Nachhaltigkeitsstandards zählt ab kommendem Jahr etwa die Verwendung von 20 Prozent recycelten Materialien bei den Neufahrzeugen und die Verwendung von Modellen, bei denen sich der Akku tauschen lässt. Zudem sollen keine funktionstüchtigen Roller verschrottet werden und die Einzelteile, die nicht mehr als Ersatzteile taugen, sollen ebenfalls dem Recycling-Prozess zugeführt werden. Für funktionierende Roller will man zudem "Second-Life"-Lösungen ermitteln.

Tier: Neues Modell mit Akku-Wechsel-System

Tier, der sich als Marktführer in Europa bei der Mikromobilität sieht, hatte hier jüngst ein neues Modell vorgestellt, inklusive einer Akkubox, die bis zu vier der großformatigen Batterien fasst und an der Nutzer selbsttätig die Batterien tauschen können sollen. Die von Tier betriebenen Wechselboxen, deren Technology von der jüngst akquirierten Hardware-Start-up Pushme stammt, will man in Läden, Cafés oder anderen Partnerbetrieben in ganz Europa platzieren. Startort für den neuen Roller und das Akkutauschkonzept ist die finnische Stadt Tampere, wo man gleich mit einer 1.000 Roller starken Flotte sowie 50 Tauschmodulen beginnen will. Für die weitere Verbreitung sucht man derzeit noch Kooperationspartner auf lokaler Ebene. Um die Sicherheit weiter zu erhöhen, ergänzte Tier zudem einen faltbaren Helm und am neuen Modell Blinker, die die Fahrtrichtung anzeigen. Dazu kommt das laut Hersteller größte Vorderrad, eine breitere Trittfläche, zwei Trommelbremsen sowie Vollfederung vorne wie hinten. Zuletzt hatte der Anbieter mit seinem Konzept Ausschreibungen in Paris und Lyon gewonnen.

Dott verteilt schon bisher teils mit E-Lastenanhänger und Rad

Der noch junge niederländische Anbieter Dott wiederum war von Anfang an mit tauschbaren Akkus und hohem Recycling- und Reparaturanteil in den Markt gestartet, verteilt die Scooter darüber hinaus teils mit Fahrrädern und E-Lastananhänger. Zudem soll die häufig kritisierte Verteilung der Scooter per konventionellem Transporter bis Ende 2021 per E-Van erledigt werden. Auch die Lagerhäuser will man bis Ende 2020 komplett mit grüner Energie versorgen, sprich auch den Ladestrom für die Scooter. Zudem versprechen die Anbieter, die CO2-Emissionen über den Lebenszyklus regelmäßig zu analysieren und zu kompensieren. Außerdem will man Maßnahmen ergreifen, "zur Minderung des Risikos, dass E-Scooter in Gewässern landen und zur Bündelung von Ressourcen zur Bergung von E-Scootern aus Gewässern, in Städten in denen alle Anbieter aktiv sind", wie es im Wortlaut heißt. 

"Es ist wichtig, dass wir Verantwortung für unsere Praktiken übernehmen", erklärte Tier-Co-Founder Lawrence Leuschner bei der Präsentation der Selbstverpflichtung.

Darüber hinaus verspricht man ein "verantwortungsbewusstes Wachstum, ohne die Straßen zu überschwemmen", auch dies ein häufig kritisierter Punkt. Die Vereinigung der drei Anbieter will ein unabhängiges Gremium einsetzen, das die Fortschritte bei allen Verpflichtungen überwacht, bewertet und transparent darüber berichtet.

„Nachhaltigkeit ist der Kern unserer Branche und der Mehrwert, den unser Service bringt. Es ist wichtig, dass wir Verantwortung für unsere Praktiken übernehmen und die höchsten Standards einhalten, damit Nutzer und Städte volles Vertrauen in den Sektor und unsere Arbeitsweise haben können“, propagieren gemeinsam Henri Moissinac, CEO und Mitgründer von Dott, Lawrence Leuschner, CEO und Mitgründer von TIER, Fredrik Hjelm, CEO und Mitgründer von Voi.

Man lade alle anderen derzeit in Europa tätigen Unternehmen ein, sich der Verpflichtung zu Nachhaltigkeitsstandards anzuschließen.

Noch keine große Konsolidierung

Unterdessen ist eine größere Konsolidierung in der Branche bisher ausgeblieben, bis auf die Übernahme des deutschen Verleihers Circ durch den US-Anbieter Bird. Tier hat sein Spektrum in Richtung Multimodalität erweitert um die ausgemusterten E-Motorroller der einstigen Bosch-Tochter Coup und der Anbieter Lime übernahm die E-Bikes von Uber Jump. Ob das Konzept aufgeht, dass auch Bike-Abo-Anbieter wie Swapfiets oder Grover E-Tretroller zu recht günstigen Preisen zwischen 25 und 44 Euro monatsweise vermieten, bleibt allerdings abzuwarten. Aus Sicht von Lime-Chef Jashar Seyfi, der die Corona-Krise mit fast Null-Umsatz für die Scooter-Sharing-Dienste als überstanden ansieht, bleibt die Mikromobiliät "spontane Mobilität", wie er gegenüber der Süddeutschen Zeitung erklärte.

Schule macht dagegen das Modell bei den Sharing-Diensten, keine Entsperrgebühr zu verlangen, wenn man Wochen- oder Monatspakete bucht. Das könnte dazu beitragen, dass wie von den Anbietern propagiert und von Städten gewünscht die "letzte" oder "erste" Meile etwa zur nächsten ÖPNV-Station künftig per E-Scooter zurückgelegt wird. Anbieter wie Tier sind konsequenterweise auch schon in die Apps von ÖPNV-Unternehmen integriert, etwa bei der Münchener MVG. Allerdings hat sich Tier auch schon in die Share-App des Vermieters Sixt implementieren lassen. Der Trend geht also klar in Richtung Multimodalität.

Was bedeutet das?

Angriff ist die beste Verteidigung - und es ist der richtige Schritt, verlorenes Vertrauen in ein mit hohem Anspruch angetretenes neues Transportmittel zurückzugewinnen. Man hätte sich so viel Nachhaltigkeitsbewusstsein zwar von Anfang an gewünscht und damit hätten sich die E-Scooter-Sharing-Anbieter viele Diskussionen erspart und wild abgestelltes Roller, kurze Lebenszyklen, fragwürdige Ökobilanz bei der Verteilung etc. Trotzdem: Es ist nicht zu spät, und die Scooter noch immer ein junges Medium, dessen Potenziale zweifellos vorhanden sind. Wenn man jetzt neben Akkutauschsystemen und der produktbezogenen Umweltbilanz auch noch die systemische Nachhaltigkeit in Form der besseren Anbindung ins ÖPNV-Netz verbessert, könnten die leichten E-Mobile noch zu einer tragenden Rolle finden im Verkehrsmix der Zukunft. Denn mehr als einen E-Scooter braucht man für viele Wege oft nicht - und das Auto kann immer öfter stehen bleiben. Oder noch besser: Abstellplätzen für E-Scooter Platz machen. Denn die dürfen bisher laut Gesetz nur auf dem Bürgersteig parken, was für viele Probleme sorgt. Hier braucht es neue und klare Regularien, etwa Abstellplätze für geteilte Mikromobilität, die durchaus auch zulasten der meist ja sehr lange "ruhenden" Automobile gehen kann.

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