Seat-Zukunft: Bis 2025 sollen fünf Milliarden Euro investiert werden

Mit den Untermarken Seat Mó und Cupra will sich Seat breiter aufstellen denn je.

Der Seat- und Cupra-Vorstand stand Rede und Antwort. Christian Stein, Carsten Isensee und Wayne Griffiths (v.l.) bei der Pressekonferenz in der Casa Seat . | Foto: Seat
Der Seat- und Cupra-Vorstand stand Rede und Antwort. Christian Stein, Carsten Isensee und Wayne Griffiths (v.l.) bei der Pressekonferenz in der Casa Seat . | Foto: Seat
Gregor Soller

Es war eine große Ankündigung, trotzdem hinterließ die Corona-Pandemie merkliche Spuren im ganz großen Seat-Zukunftsaufschlag: Den im ersten Quartal 2020 rutschte man trotz weiteren Wachstums (nochmal plus sechs Prozent bis Februar 2020 gegenüber dem vergleichbaren Vorjahreszeitraum) coronabedingt mit 48 Millionen Euro ins Minus und das zweite Quartal wird laut Carsten Isensee, Vorstandsvorsitzendem der Seat S.A. und Vorstand für Finanzen, erstmal noch röter werden, doch man erkennt schon wieder eine Erholung – und plant, zwischen 2020 und 2025 fünf Milliarden Euro in unterschiedliche Bereiche zu investieren: Im Seat Technical Centre sollen neue Projekte der Forschung und Entwicklung vor allem zur Elektrifizierung der Flotte vorangetrieben werden. Zudem bekommen die Werke in Martorell und Barcelona neue Produktionsanlagen. Damit bereitet sich SEAT auf die Entwicklung neuer Modelle und die Produktion neuer Fahrzeuge in Martorell vor und will so den Erhalt von Arbeitsplätzen und die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens sicherstellen – wenngleich sich Isensee hier auf Nachfrage auch keine Garantien mehr zutraute.

Trotzdem will man die Marke stärken und irgendwie auch unabhängiger von Wolfsburg machen. Das sagte Isensee so nicht direkt, aber er erklärte:

„Unser Ziel ist es, in Martorell ab 2025 vollelektrische Fahrzeuge zu fertigen, sobald der Markt für Elektroautos gewachsen ist.“

Und nachdem Seat ähnlich wie Skoda in Tschechien mittlerweile eine Macht in Spanien ist (ein Prozent des Bruttoinlandsproduktes erwirtschaftet nur Seat) fordert er mehr Kooperation mit den Zentral- Regional- und der Lokalregierungen, denn:

„Wir wollen die Transformation der Automobilindustrie in Spanien vorantreiben. Mehr denn je ist heutzutage Zusammenarbeit der Schlüssel. Um die Zukunft der spanischen Automobilindustrie zu sichern, benötigen wir die Zusammenarbeit mit den zentralen, regionalen und lokalen Regierungen. Ohne Kooperationen geht es nicht. Insofern ist der von der spanischen Regierung abgesegnete Plan ein Schritt in die richtige Richtung, um den Automobilsektor weiter auszubauen.“

Künftig mit Dreimarkenstrategie

Auch Cupra wird wichtiger, außerdem hob man mit Seat Mó eine urbane Mobilitätsmarke aus der Taufe, die zwar nur am Rande gestreift wurde, aber weiter in die Zukunft weist als der Ausbau der Marke Cupra, denn: Seat Mó fokussiert sich auf die Entwicklung von Lösungen für urbane Mobilität – sowohl mit Produkten als auch mit Dienstleistungen. Damit könnte Seat selbst den Dreh vom Autzohersteller zum Mobilitätsanbieter schaffen, ein Thema das drängt und im schlechtesten Fall von externen Digitalmarken übernommen werden könnte. Die Idee: Den Händler zum Hub umzugestalten und hier laut Isensee die „Kapillarität“ des Händlernetzes zu nutzen. Mó richtet sich dann auch an jüngere Generationen und Fahrer in Stadtgebieten.

Am 9.7.2020 startet Mó in Barcelona mit der tages-, wochen- und monatsweisen Mietmöglichkeit des vollelektrischen Seat Mó eScooter 125 – inklusive Versicherung, Wartung und Kosten für das Aufladen sowie ohne feste Vertragslaufzeit. Die Preise beginnen ab 149 Euro pro Monat. In den kommenden Wochen wird mit dem Mó eScooter 125 auch der Sharing-Dienst in Barcelona an den Start gehen. Die Heimatstadt bezeichnet Isensee als „Test-Spielplatz“, um neue Ideen auszuprobieren.

Der Stromer El Born wird als Cupra, nicht als Seat starten!

Isensee folgte Seats Marketing-Chef und der CEO der noch jungen Marke Cupra, Wayne Griffiths. Der kann sich über mehr als 40.000 verkaufte Cupra-Modelle seit der Markengründung 2018 freuen.   Seit der Geburtsstunde der Marke im Februar 2018 wuchs die Marke exponentiell und übertraf bisher alle Erwartungen. Um diese Entwicklung weiter voranzutreiben, entschied man, den in Zwickau montierten Zwilling des VW ID.3 nicht als Seat, sondern als Cupra El Born auf den Markt zu bringen. Damit muss man ihn nicht neben oder unter dem ID.3 positionieren, sondern darüber, womit sich die Marge verbessert und sich beide Modelle nicht ins Gehege kommen. Und: Der ID.3 wird immer den klaren Stückzahlvortritt haben. Entsprechend dürften beim Cupra El Born die Basisversionen des ID.3 gar nicht angeboten werden. Seat bleibt als reiner Stromer der Mii electric, der 2020 stückzahlenseitig so knapp kalkuliert war, das er schon wieder ausverkauft ist. Der El Born soll jetzt 2021 auf den Markt kommen.

Außerdem soll der Cupra-Umsatz massiv steigen und das Seat-Gesamtergebnis mit höheren Margen verbessern. Mit der Einführung des Formentor soll Cupra auch bei den Zulassungsbehörden und den Zulassungen als eigene Marke geführt werden. Griffiths betonte:

„Der aktuelle Wandel in der Automobilindustrie ist für neue Marken wie Cupra eine Riesenchance zur Weiterentwicklung. Das Potenzial der Marke ist so groß, dass wir einen Umsatz von einer Milliarde Euro erreichen können, sobald die gesamte Produktpalette auf dem Markt verfügbar ist. Der Cupra  Formentor markiert den nächsten Meilenstein in der Entwicklung der Marke und erschließt neue Kundengruppen.“

Das SUV Formentor kommt als Verbrenner und Plug-in-Hybrid und wird in der Größe zwischen Seat Ateca und dem Tarraco stehen, wobei der Ateca zum Jahresende noch geliftet wird. Doch der Form,entor ist sportlicher und höher eingepreist. Mit Cupra möchte man die enge sportliche Nische zwischen Großserie und Premium besetzen, wie Fiat es mit Abarth versucht – wobei Seat mit Cupra hier viel umfassender und erfolgreicher voranschreitet. Wayne Griffiths, Vorstand für Vertrieb und Marketing sowie CEO von Cupra ergänzte deshalb:

„Die Marken Seat und Cupra sind essenziell für die weitere Entwicklung des Unternehmens. Beide spielen eine entscheidende Rolle, haben ganz eigene Profile und sprechen gänzlich unterschiedliche Kunden an. Sie ergänzen sich, anstatt miteinander zu konkurrieren. Seat ist der Türöffner für den Volkswagen Konzern zu völlig neuen Kundengruppen. Seat zieht vor allem junge Kunden an, die im Vergleich zu denen der Mitbewerber rund zehn Jahre jünger sind – darunter viele Neukunden.“ Cupra hingegen erreicht einen ganz neuen Markt, der sich zwischen dem Volumen- und dem traditionellen Premiumsegment ansiedelt. Das Wachstumspotenzial ist enorm.“

Dass der Formentor eines Tages mit dem Audi-Fünfzylinder zu neuen Leistungsspektren Richtung 400 PS aufsteigen könnte, schloss Griffiths auf Nachfrage nicht aus. Aktuell sei man mit dem Produktionsanlauf und en Plug-in-hybriden voll ausgelastet. Zumal auch der neue Leon wieder als Cupra kommen wird. Seat stellt Cupra das Produktionsvolumen, um Wachstum zu fördern – in den Bereichen Forschung und Entwicklung sowie Personal. Und Cupra ermöglicht Seat bessere Margen. Isensee fügte hinzu:

„Die Gewerkschaften und die Unternehmensführung verfolgen eine gemeinsame Vision, und wir arbeiten Hand in Hand an der Zukunft des Unternehmens und seiner Marken.“

Das Investitionsvermögen beider Marken basiert auf der Struktur von Seat, hängt aber auch von Werten des Unternehmens wie seinen rund 15.000 Mitarbeitern und den drei Produktionsstandorten ab: Seat Martorell, Seat Barcelona und Seat Componentes. Der Unternehmenssitz sowie das kreative und technologische Potenzial, das im Technical Centre und im Design Centre gebündelt ist, sind ebenfalls in der Unternehmensstruktur in Martorell beheimatet. Ganz in der Nähe, in Barcelona, liegen die Casa Seat und das Software-Entwicklungszentrum Seat:Code. An La Rambla, im Herzen Barcelonas wird Seat:Code ein weiteres Büro eröffnen: 150 Software-Ingenieure sollen hier die digitale Transformation des Unternehmens vorantreiben und digitale Produkte und Lösungen für die spanischen Marken sowie für den gesamten Volkswagen Konzern entwickeln. SEAT hat bereits 20 neue Spezialisten bei Seat:Code eingestellt und wird in den kommenden Monaten rund 100 weitere Personen akquirieren.

Verhaltener Optimismus für die zweite Jahreshälfte

Dass sich Seat seit jeher oft neu erfinden musste und viele Jahre tiefroter Zahlen kennt, kommt den Spaniern jetzt zu Gute und könnte eine Stärke sein, denn wieder einmal erfindet sich Seat neu, trotz der Corona-Krise. Isensee sagte dazu:

„Die erste Jahreshälfte war wohl eine der größten Herausforderungen in der Geschichte von Seat. Die Vorhersage für die Fiskaljahre 2020 und 2021 war ohnehin schwierig, jetzt kommt noch der Einfluss durch COVID-19 auf die Automobilindustrie hinzu.“

Dennoch ist Isensee mit Blick auf die Unternehmensentwicklung in den nächsten Monaten verhalten optimistisch: „In den vergangenen Wochen konnten wir bereits leichte Verbesserungen beim Absatz beobachten. Wir sind sicher, dass sich eine teilweise Erholung zumindest in der zweiten Jahreshälfte 2020 einstellen wird.“

Das Seat-Werk in Martorell hat seine übliche Produktionskapazität fast wieder erreicht und produziert mittlerweile rund 1.900 Fahrzeuge täglich. Auch das Werk in Barcelona und das Komponentenwerk produzieren mit nahezu den üblichen Produktionsvolumina. Am freiwerdenden Nissan-Werk in Barcelona sei man nicht interessiert. Das Werk in Martorell startet nun in die zweite Jahreshälfte, die durch den Produktionsstart des neuen Cupra Formentor, dem ersten reinen Cupra-Modell, des neuen Leon und der Cupra-Leon-Plug-in-Hybridmodelle geprägt sein wird. Die Themen Erdgas oder Brennstoffzelle wurden nicht angeschnitten: Ersteres dürfte Geschichte sein, Letzteres bei Audi mit Traton liegen – auch Seat möchte jetzt die Elektromobilität vorantreiben. Und ab 2025 auch selbst herstellen.

Was bedeutet das?

Seat hat große Pläne, tastet sich aber wegen der Corona-Krise vorsichtiger voran: Auf der großen Pressekonferenz wurden nur aktuelle oder bekannte Neuerungen bestätigt, der El Born ging von Seat an Cupra (und damit dem sehr baugleichen ID.3 aus dem Weg) und über weitere Modelle schwieg man sich aus. Auch die Entwicklung eines Kompaktstromers unter dem MEB-Baukasten, den Seat mit chinesischen Partnern entwickeln sollte, holte man federführend nach Wolfsburg zurück, nachdem der chinesische Markt sich schwach entwickelte. Außerdem ist VW dort mit JAC (Sol – diese Marke hätte von Seat befeuert werden sollen) und Jetta selbst schon im Billigsegment unterwegs, während Skoda nicht so recht fliegen will. Weshalb man den Tschechen auch Osteuropa überlässt, während Seat seine Präsenz in Lateinamerika, Mexico und Nordafrika ausbauen will. All das sind überschaubare, aber realistische Pläne. Das größte Potenzial hat unserer Meinung nach aber Seat Mó – denn als umfassender Mobilitätsanbieter könnte man nach 2025 besser aufgestellt sein wie als reiner Autohersteller! Hier sollte VW trotz immer noch kaum vorhandener Margen investieren, bevor es ein IT-Unternehmen tut. Amazon sollte VW und Co. warnendes Beispiel sein.

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