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Schweizer Firmen wollen rentable Tankstellen-Infrastruktur mit grünem Wasserstoff schaffen

In der Schweiz hat sich ein Förderverein, bestehend aus mehreren Unternehmen, zum Ziel gesetzt, die Wasserstofftankstellen-Infrastruktur sukzessive auszubauen.

Die Handelskette Coop gehört zu den Treibern des Wasserstofftankstellennetzes. | Foto: Coop
Die Handelskette Coop gehört zu den Treibern des Wasserstofftankstellennetzes. | Foto: Coop
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Gregor Soller

Die Schweiz zieht ein Netz von Wasserstofftankstellen hoch. Parallel zur Erstellung des Netzes haben die teilnehmenden Betriebe bereits angefangen, ihre Fuhrparks auf H2-betriebene Fahrzeuge umzustellen, damit von Anfang an die Rentabilität der Tankstellen sichergestellt werden kann. Produziert wird der CO2-neutrale Wasserstoff in einem Wasserkraftwerk. Das Ingenieurbüro Haas Engineering war von Anfang an in dieses Vorhaben involviert und erbrachte alle zur Wasserstoff-Produktion notwendigen Ingenieurdienstleistungen. Friedrich Haas, Geschäftsführer der Haas Engineering GmbH & Co. KG, erklärt dazu:

 „Viele Betriebe haben erkannt, dass Wasserstoff großes Potential für eine klimafreundliche Produktion bietet. So wird der Energieträger etwa in der Stahl- und Metallindustrie, bei der Glasherstellung oder bei der Siliziumproduktion genutzt.“

Während der Einsatz in der Industrie bereits zum Alltag gehört, wird er im Bereich der Mobilität noch skeptisch betrachtet. Ein Grund dafür ist unter anderem das lückenhafte Tankstellennetz, aufgrund dessen bisher noch keine flächendeckende Versorgung mit Wasserstoff gewährleistet ist. Ein weiteres, finanzielles Hindernis stellt die sogenannte EEG-Umlage dar, die nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) bei der Herstellung von H2 anfällt. Im Gegensatz dazu wird die batteriebetriebene Elektromobilität durch Kaufprämien subventioniert.

Auch in der Schweiz spielte die Nutzung von Wasserstoff in der Mobilität bisher nur eine unbedeutende Rolle, bis die Coop Genossenschaft, ein dort ansässiger, europaweit tätiger Handelskonzern, im Jahr 2008 beschloss, bis spätestens 2023 CO2-neutral zu werden. Das Unternehmen integrierte zunächst sechs Lkw mit Batterieantrieb in die betriebseigene Flotte. Dazu erklärt Jörg Ackermann, der bei Coop für den energietechnischen Wandel mit verantwortlich ist:

„Die Anforderungen an unsere Fahrzeuge waren sehr hoch: Sie mussten in der Lage sein, einen Diesel-LKW mit Anhängerbetrieb der 34-Tonnen-Klasse und identischem Leistungsvermögen zu ersetzen, sprich: in erster Linie eine ähnliche Reichweite generieren. Dies konnten gewöhnliche Elektrofahrzeuge bisher nicht leisten.“

2013 stieß Ackermann 2013 auf die Wasserstofftechnologie, die in der Schweiz bis dato kaum praxiserprobt war. Um gemeinsam den Aufbau eines flächendeckenden Wasserstoffnetzes voranzutreiben sowie in Kooperation mit den zuständigen Behörden die notwendigen regulatorischen Grundlagen zu erarbeiten, führte Coop verschiedene Partner und Forschungsanstalten zusammen. Aus diesen Bemühungen heraus entstand im November 2016 die erste Wasserstofftankstelle in der Schweiz, die von einem nahen, CO2-neutralen und schadstofffreien Wasserkraftwerk versorgt wird.

2018 folgte die Gründung des Fördervereins H2 Mobilität Schweiz mit heute 17 Mitgliedsunternehmen, dem Ackermann als Präsident vorsteht. Zu den am Projekt beteiligten Unternehmen zählt auch Haas Engineering, das bereits vor 20 Jahren erste Pläne für H2-betriebene Industrie- und Mobilitätsanlagen erfolgreich umsetzte. Das Schweizer Projekt nimmt auch für die erfahrenen Ingenieure von Haas Engineering eine Sonderrolle ein, da eine ungewohnte Ausgangslage vorliegt. Dies betrifft insbesondere die gesetzlichen Richtlinien und Genehmigungsverfahren für die Elektrolyseanlagen und Tankstellen.

Doch mit dieser ersten einzigen Tankstelle gab sich der Schweizer Förderverein nicht zufrieden, wie Ackermann sich erinnert:

„Die Umrüstung des Fuhrparks auf wasserstoffbetriebene Fahrzeuge lohnt sich nur, wenn die Infrastruktur flächendeckend vorhanden ist. Damit sich ein solches Tankstellennetz jedoch rentiert und ausgelastet ist, müssen wiederum genügend Fahrzeuge auf den Straßen unterwegs sein, die mit Wasserstoff betrieben werden.“

Der Förderverein hat es sich deshalb zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2023 ein flächendeckendes Wasserstofftankstellennetz in der Schweiz aufzubauen. Die aktuell 17 Mitgliedsunternehmen betreiben bis jetzt zusammen insgesamt 2.000 konventionelle Tankstellen und einen Fuhrpark mit circa 4.000 schweren Nutzfahrzeugen. Dadurch ist der Verein in der Lage, die notwendige Infrastruktur mit einem vergleichsweise moderaten Aufwand selbst zu etablieren und diese durch einen eigenen Fuhrpark auch wirtschaftlich zu nutzen. Auf diese Weise entsteht wiederum ein Anreiz für andere Unternehmen und Privatpersonen, ebenfalls auf mit Wasserstoff betriebene Fahrzeuge umzusteigen.

Eine Hürde, die der Förderverein zu meistern hatte, war ein Mangel an Lastkraftwagen, die den Leistungsanforderungen der Unternehmen entsprachen. Dafür arbeitete der Verein eng mit der H2 Energy AG zusammen, welche wiederum eine Kooperation mit Hyundai Motor einging. Im Rahmen dieser Kooperation wird der südkoreanische Hersteller bis 2023 circa 1.000 wasserstoffbetriebene Lastkraftwagen der 34-Tonnen-Klasse an die Mitgliedsunternehmen in der Schweiz liefern. Durch diese Vorgehensweise schließt sich ein CO2-neutraler, für alle beteiligten Unternehmen wirtschaftlicher Wasserstoffkreislauf von der Herstellung des Energieträgers am Wasserkraftwerk über den Transport zur Tankstelle mittels brennstoffzellenbetriebener Fahrzeuge bis zur schadstofffreien Nutzung im betriebseigenen Fuhrpark.

Während Unternehmen in der Schweiz bereits einen wichtigen Schritt in Richtung CO2-Neutralität im Verkehr gemacht haben, steht Deutschland erst am Anfang der Entwicklung, wie Haas bemerkt:

 „Deutschland und die Schweiz unterscheiden sich vor allem in steuerlicher und wirtschaftlicher Hinsicht. Die CO2-freie Mobilität wird in der Schweiz vorteilhafter behandelt als hierzulande. Außerdem sind die Genehmigungsverfahren für die notwendigen Anlagen kürzer, was die Umsetzung der Projekte vereinfacht.“

In den vergangenen Monaten ist jedoch ein zunehmendes Interesse der Öffentlichkeit an der Brennstoffzellenthematik und der CO2-Freiheit zu bemerken. So wurden erst kürzlich beim vom Bundeswirtschaftsministerium ausgelobten Ideenwettbewerb „Reallabore der Energiewende“ zahlreiche Projekte ausgezeichnet, die sich im industriellen Maßstab mit Wasserstofftechnologien befassen. Friedrich Haas hofft:

„Wenn diese Stimmung anhält und langfristig die politischen Rahmenbedingungen verbessert werden, stehen die Chancen für ein Projekt wie in der Schweiz durchaus gut. Dies setzt aber voraus, dass sich einerseits Investoren finden, um die notwendigen Technologien voranzutreiben, und andererseits Unternehmen bereit stehen, die gewillt sind, solche Projekte zu unterstützen und mitzutragen.“

Ackermann ist mit dem bisherigen Projektverlauf in der Schweiz sehr zufrieden:

 „Aus meiner Sicht hat das System dann dauerhaft Erfolg, wenn ausschließlich grüner Wasserstoff eingesetzt, ein privatwirtschaftlicher Ansatz verfolgt und die Wirtschaftlichkeit für alle Beteiligten sichergestellt wird.“

Was bedeutet das?

Deutschland scheint aktuell rechts und links von der Geschichte überholt und abgehängt zu werden: Während man hierzulande mühevoll ein Wasserstofftankstellennetz für einige wenige Pkw aufbaut, sorgt man in der Schweiz gleich zu Beginn für Nachfrage und Kapazitäten, indem man das Thema über den Lkw einsteuert. Und bei den Eidgenossen scheint es ein vielfaches einfacher zu sein, ein Konsortium zu gründen, um das Thema mit verschiedenen Interessenten weiterzutreiben. Wenn sich dann zusätzliche Lkw- und (gern auch private) Pkw-Kunden finden, umso besser. Doch die Infrastruktur und der Transport stehen, womit das Thema Brennstoffzelle bei den Eidgenossen in viel kürzerer Zeit viel besser etabliert sein dürfte als in Deutschland.

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