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Report Volvo 360c: Nur liegen ist schöner!

Mit einem Konzept lotet der Hersteller aus, inwieweit sich autonom fahrende Plattformen für neue Mobilitätsangebote wie Übernachtshuttles oder als mobiles Büro nutzen lassen. Eine Idee, die Potenzial hat: Als persönlicher „Nachtzug“ den Flieger ersetzen. Wir fuhren und lagen Probe und beleuchten Volvos Pläne.

Touch and Feel mit der Zukunft: Volvo entwickelt mit dem 360c seine Vision von der "Automobilität" der Zukunft. | Foto: J. Reichel
Touch and Feel mit der Zukunft: Volvo entwickelt mit dem 360c seine Vision von der "Automobilität" der Zukunft. | Foto: J. Reichel
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Johannes Reichel

Visionen gibt es genug, die Idee vom autonomen Fahren beflügelt die Designer aller Orten. Bisher haben zwar diverse Hersteller super schicke Hüllen auf die Räder gestellt vom Mercedes-Benz Concept F015 oder Vision Urbanetic, BMW Vision Next 100, Renault E.Z. Ultimo, Volkswagen Sedric oder auch Rinspeed „Snap“-Konzept. Aber noch keines der aus Volvo-Sicht eher auf die technische Seite der Materie fokussierten Konzepte hat sich so richtig damit befasst, wie man die autonome Fahrtechnologie für ganz neue Mobilitätsangebote nutzen könnte. Das will Volvo mit dem 360c aufzeigen. Denn genau da will der kleine, aber feine schwedische Anbieter hin: Weg vom Autoverkäufer hin zum Mobilitätsanbieter, wie Volvo-Chef Håkan Samuelsson als Maxime des Handelns vorgibt. Das ehrbare Leitmotiv bei dem elektrisch angetriebenen, autonomen Konzeptmobil ist nicht weniger als: Kurzstreckenflüge völlig überflüssig machen. Denn kein Zweifel, von den drei Nutzungsideen, mobiler Arbeitsplatz, Partylounge oder rollendes Hotelzimmer den größten Charme, wie VM vor Ort hautnah "erliegen" konnte.

Statt nervigem Check-In-Gestehe wird man einfach abgeholt

Wozu sich noch in aller Frühe zum Flieger quälen, elend lange am Check-in herumstehen, nervige Leibesvisitationen über sich ergehen lassen und dabei auch noch massiven Umweltschaden anrichten, wenn einen der Flieger quasi zu Hause abholt und über Nacht ans Ziel bringt. Zuvor hat der autonome Shuttledienst noch schnell das Lieblingsessen vom Food-Service abgeholt und kühle Getränke gebunkert. Los kann die elektrisch-leise Fahrt durch die Nacht gehen. „Wir wollen die Quality Time den Passagieren zurückgeben, Fliegen ist doch alles andere als angenehm, wenn wir ehrlich sind“, erklärt Mårten Levenstam, Senior Vice President Corporate Strategy.

„Man verbringt doch mehr Zeit mit dem Weg zum Flughafen, mit Anstehen und nervigen Kontrollen als man dann im Flugzeug unterwegs ist“, analysiert der Stratege.

Aus seiner Sicht ist die Luftfahrtindustrie ein gewaltiges Business und es würde sich demgemäß in höchstem Maße lohnen, eine bessere Alternative zum Fliegen zu finden. So gesehen wäre Volvo dann ein Flugzeug-Hersteller.

Dezentraler Ansatz: Der Bahnhof kommt quasi nach Hause

Zwar haben die Volvo-Vordenker aus dem Designcenter in Göteborg primär Kurzstreckenflieger im Visier, die der 360c mal erübrigen könnte. Aber eigentlich taugt das Konzept auch als „Nachtzug reloaded“, quasi ein Nachtzug, bei dem der Bahnhof zu einem nach Hause kommt statt umgekehrt viel Verkehr auf dem Weg zum Bahnhof zu verursachen oder an der Station Parkbedarf zu produzieren, wie Tisha Johnson, Head of Interior Design erklärt. Weg von der „Hub-Orientierung“ sozusagen, hin zum individuellen Bahnhof.
 

Platz ohne Ende, wenn das Cockpit wegfällt

Mit den immer größeren Reichweiten der Akkus könnte man auch größere Distanzen mit dem elektrisch angetriebenen Fahrzeug bewältigen, über dessen Technik der Hersteller nicht viele Worte verliert. Das steht hier auch nicht so sehr im Mittelpunkt. Man prognostiziert bei den Speichern eine weiterhin sehr dynamische Entwicklung in den nächsten Jahren. Außerdem rechnen die Volvo-Ingenieure mit durchaus greifbaren Technologien wie induktivem Laden während der Fahrt. Damit könnte ein Konzept wie der 360c zum besseren Flugzeug mutieren, das dem Nutzer aber viel mehr Komfort bieten kann.

Abends noch einen Film schauen? Schon fährt der Screen vor der Heckscheibe aus, der Film beginnt. Die Lieblingsmusik hören, kein Problem! Über einem Buch einschlafen? Gerne! Während man die Beine ausstreckt und das Bett bereitet, fällt einem auf, wie viel Platz in normalen Autos verschwendet wird und wie beengt man noch immer sitzt. Im Volvo-Konzept steht auf der Fläche eines XC90 fast der gesamte Raum zur Nutzung für die Passagiere zur Verfügung, die Achsen wurden so weit wie es nur geht auseinander gespreizt, wie Mikael Gordh, Director Strategic User Experience Design erläutert.

Eingestiegen und losgefahren: Mit VR-Brille auf Tour

Zugegeben, unsere virtuelle Probefahrt ist sehr idealisiert, da gibt es keinen Stau, keinen Lärm, sondern nur eine herrliche Allee, durch die man lautlos dem Horizont entgegengleitet. Wohlbehütet, wohlgemerkt, denn als Marke, in deren Genen das Thema Sicherheit tief verankert ist, tüfteln die Volvo-Ingenieure natürlich an einer Technologie, die auch im Liegen ein Rückhaltesystem für den Fall des (Un)Falles ermöglicht. Zentrale Rolle soll hierbei die High-Tech-Decke spielen, die Malin Ekholm, Vice President im Volvo Safety Centre vorführt. Natürlich ist für die Ingenieurin auch ein Doppelbett denkbar. Ihre Vision: Mit einem Buch aus echtem Papier dem Schlaf entgegendämmern, einfach nur durch die großzügigen Glasfenster, die zudem Ambiente-mäßig illuminiert werden können, in den Sternenhimmel gucken, während draußen Weizenfelder und Wälder vorbeifliegen. Trotzdem, der Gedanke hat was.

Pendler-Shuttle und mobiler Konferenzraum

Keine Lust auf Stau, auf dem Weg zum morgendlichen Termin – und auch keine Zeit dafür? Die Volvo-Designer glauben auch hier, mit dem 360c eine interessante Lösung machen zu können. Zuhause einsteigen, Rechner aufklappen, loswerkeln – wenn das nicht der Traum eines jeden Business-Man ist. Unterwegs displayed man noch die Power-Point-Präsentation oder Graphiken auf die Seitenscheibe oder den interaktiven Schreibtisch. Und wenn doch Stau ist? Kein Problem, in der schönen neuen Volvo-Welt gäbe es eine Spur für autonom fahrende Autos, auf die man kurzerhand gelenkt würde – und schon zieht man an den Wartenden vorbei und pünktlich zum Date. Hier wäre auch denkbar, in Platoons viel kürzere Distanzen zwischen den Fahrzeugen zuzulassen und so deutlich raumeffizienter unterwegs zu sein.

„Wir überlegen uns mit dem Konzept, wie wir die Mobilität aufrechterhalten können, ohne die Umwelt so massiv zu schädigen. Oder besser: Wie wir die Mobilität zurückholen, denn so wie im Moment ist das Stillstand auf hohem Niveau“, meint die Ingenieurin.

Geteilt kann so ein Fahrzeug viel luxuriöser sein

Für Designer Gordh ist auch klar: Ein so luxuriös ausgestattetes Fahrzeug wie den 360c müsste man nicht selbst besitzen, man könnte ihn teilen – und so das Dilemma der meisten privat besessenen Fahrzeuge lösen, die ja doch die meiste Zeit nur Stehzeuge sind, wie Designer Mikael Gordh weiter ausführt. Der 360c würde dann von Providern wie der eigens gegründeten Mobilitäts-Marke „M“ bei Volvo betrieben, die sich um die Instandhaltung kümmerten und dass am Zielort die Fahrzeuge wieder startklar für die nächste Tour gemacht werden. Und noch einen Aspekt betont die Ingenieurin: „In vielen Städten herrscht jetzt schon Büroknappheit. Warum nicht ein Meeting gleich im Fahrzeug abhalten, wenn alle Beteiligten abgeholt sind“.

Party-Time: Die mobile Lounge

Cool kommt man sich bei der virtuellen Fahrt schon vor, wenn draußen die Stadt pulsiert und man mittendrin auf dem Weg zum Restaurant seinen Aperitiv nimmt, untermalt von hipper Musik und illuminiert von psychedelischem Lichtergeorgel. Am Zielort angekommen, müsste man sich nicht um Parkplätze kümmern, sondern kann einfach aussteigen, während der Shuttle den nächsten Auftrag annimmt oder einen autonom einen Parkplatz sucht. Natürlich kommuniziert auch ein Volvo nach Außen, wie es andere Hersteller auch schon gezeigt haben: Hält er an, steigt jemand aus, fährt er an, sieht er mich, all das wird per Lichtsignalen und Sounds nach außen übertragen. Deshalb soll das 360c-Konzept auch noch klar erkennbar eine Front- und eine Heckpartie besitzen, obwohl das eigentlich nicht mehr nötig wäre, wie Mikael Gordh erklärt.

Und wie realistisch ist das jetzt alles?

Es werden wohl noch viele Jahre vergehen, bis man sich bei Volvo „M“ seinen persönlichen Nachtzug buchen kann, das ist den Verantwortlichen in Göteborg klar. „Es sind so viele komplexe Fragen technologischer, rechtlicher und infrastruktureller Art zu klären“, meint Tisha Johnson. Trotzdem habe man schon mal aufzeigen wollen, wohin die Reise im wahrsten Sinne des Wortes gehen könnte. Und: Man legt Wert auf die Feststellung, das all die verbauten Features technologisch plausibel und potenziell machbar wären.

Was sind die nächsten Schritte?

Für den Martin Kristensson, den Senior Director Autonomous Driving ist eines ganz wesentlich: Die Unterscheidung zwischen assistiertem Fahren und automatisiertem Fahren. „Dem Fahrer muss immer klar sein, ist er jetzt in der Fahrverantwortung oder die Maschine“, erklärt er. Im Moment befindet man sich im Stadium des assistierten Fahrens, strebt aber mit Macht – und mit Ubers Hilfe – voran. Schon 2020 will man dem US-Mobilitätsdienstleister die nötige Technologie für autonomes Fahren zur Verfügung stellen, jüngst wurde der erste quasi serienreife Prototyp vorgestellt. Und ebenso wichtig: Für ihn ist das Autonome Fahren kein technologischer Selbstzweck, sondern eng verquickt mit der „Mission Zero“ bei den Unfällen, also der Sicherheit zum einen und zum anderen mit mehr Nachhaltigkeit in der Mobilität.

„Autonomes Fahren heißt für uns zugleich elektrische, geteilte, ökonomische Mobilität“, unterstreicht der AD-Chef.

Klassisches Uber-Revier: Erste Szenarien in Ballungsräumen

Die ersten Szenarien wird man also in den klassischen Uber-Revieren der großen Ballungsräume und Metropolen sehen. „Hier kann der Dienstleister auch bei Order eines Fahrzeugs prüfen, ob das angegebene Ziel für ein AD-Auto geeignet ist oder man einen konventionellen Wagen mit Fahrer schickt“, meint Kristensson. Volvo will dann aber zügig andere Felder wie Parkautomatisierung oder Autobahnbetrieb erschließen. Im Fahrbetrieb selbst will man übrigens nicht abhängig sein von einer stabilen Netzverbindung oder Cloud-Konnektion. „Wir nutzen die Konnektivität im Vorfeld der Tour, etwa wegen Wetterdaten – oder als Komfortfeature für die Passagiere. Aber es darf nicht für die Sicherheitsfunktionen Kriterium sein, dass man ein Netz hat“, erklärt der AD-Experte.

Volvo wähnt sich vorn: Sicherheit in den Genen

Dass man hier überhaupt so weit vorne mitspielt, in einer Liga mit Google/Waymo und weit vor den deutschen Premium-Anbietern liegt und sich im Prinzip „AD ready“ sieht, erklärt der Ingenieur mit der tiefen Verwurzelung des Themas Sicherheit und Fahrerassistenz in den Volvo-Genen, Kristensson nennt es „Safety heritage“. Aber auch die Ambitionen des chinesischen Eigentümers Geely dürften hier natürlich eine nicht unbeträchtliche Rolle spielen, weshalb ausgerechnet ein feiner, aber kleiner Hersteller aus Schweden den Teutonen vormacht, wie es geht. Wobei man sich, das hatte auch schon Volvo-Chef Håkan Samuelsson mehrfach versichert, sehr offen zeigt für Kooperationen. Man habe im übrigens ja schon bisher über die Zulieferer einen intensiven Austausch der Assistenzsysteme gehabt.

„Die Entwicklung des autonomen Fahrens ist eine extrem teure Angelegenheit, das geht nicht ohne Zusammenarbeit – und ohne gemeinsame Standards etwa bei der Kommunikation der Fahrzeuge nach außen oder der Auslegung der Systeme schon gar nicht“, macht der Ingenieur klar.

Und was wird aus dem Fahrspaß?

Also lässt man sich künftig nur noch fahren und greift nicht mehr selbst ins Lenkrad, obwohl das einem heute ja zumindest wenn mal die Piste frei ist, auch noch einen unheimlichen Spaß bereitet? Hier widerspricht Kristensson klar:

„Die Leute gehen ja heute auch noch mit dem Segelboot auf Tour, nur eben nicht mehr als Transportmittel wie früher“, meint der AD-Leiter.

Also, vielleicht mietet man sich künftig eben ein statt dem selbstfahrenden Auto ein Auto zum Selbstfahren.

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