"Renaulution" 1: Die Zukunft ist elektrisch

Auch wenn es Renault-Deutschland-Geschäftsführer Uwe Hochgeschurtz nie so formulieren würde: Die Zukunft seiner Marke sieht er im rein elektrischen Antrieb

Renault-Deutschland-Geschäftsführer Uwe Hochgeschurtz am neuen Twingo electric: Bis 2022 will man acht reine Stromer im Programm haben. | Foto: Renault
Renault-Deutschland-Geschäftsführer Uwe Hochgeschurtz am neuen Twingo electric: Bis 2022 will man acht reine Stromer im Programm haben. | Foto: Renault
Gregor Soller

Nach der Präsentation der Zahlen für 2020 lud Renault Deutschland noch zu einer Question-and-Answer-Session ein, die sehr aufschlussreich war. Klare Ansage von Geschäftsführer Uwe Hochgeschurtz:

„Individuelle Mobilität wird es immer geben. Sie bleibt die wichtigste Strömung in der Gesellschaft.“

Doch sie wird eher elektrisch sein, was man schon aus den 2020er-Zahlen ablesen konnte. Denn mit dem Höhenflug des Zoe auch 2020 hat Renault erfolgreich gegen die Pandemie ankämpfen können, den Marktanteil verbessert und trotz Markteintritt des VW ID.3 weiter den Elektro-Topseller auf dem deutschen Markt gestellt. Dass vor allem Mégane und die Vans kräftig Federn lassen mussten war in der Gemengelage irgendwo klar – ein Schicksal, dass man mit vielen anderen Herstellern teilt, die ähnliche Modelle im Portfolio haben.

Die aktuellen neuen Benziner sind fit für Euro 7, aber…

Deshalb startet man Ende 2021 auch mit dem elektrischen Mégane auf Basis der neuen allianzplattform, die laut Hochgeschurtz natürlich viel mehr Modelle hergibt – wie Nissan auch schon mit dem Ariya bewies. Dazu kommt die aufwändige Euro-7-Norm, für die aber auch die kompakten Renault noch fit sein sollen. Klare Ansage: Clio und/oder Dacia Sandero sind fit für Euro 7, aber: der E-Anteil wird steigen, was laut Hochgeschurtz auch gut sei, denn die Umwelt profitiert maximal davon. Denn der Wirkungsgrad eines E-Autos sei mit 70% unschlagbar. Und weil er gerade so in Fahrt ist, argumentiert der als rheinische Frohnatur bekannte Renault-Deutschland-Chef auch gleich mit regionaler Energie- respektive Stromerzeugung, die allemal besser sei als aufwändige und energetisch fragwürdige Rohölimporte aus teils fragwürdigen Staaten. Hochgeschurtz schließt vor diesem Hintergrund:

„Bis 2030 dürfte die Mehrheit der Klein- und Kompaktwagen rein elektrisch unterwegs sein.“

Hinter den Kulissen arbeitet Renault auch genau darauf hin: 2021 kommen in kurzer Folge Twingo electric, der Dacia Spring electric, der neue Kangoo electric und zum Jahresende ein elektrischer Kompakter neben dem Mégane auf den Markt, womit man die neue elektrische CMF-EV-Allianzplattform eher von unten aufzäumt, während Nissan mit dem Ariya von oben kommt. Und: dacia und Renault sollen künftig stärker differenziert werden, was man bei Twingo electric und Dacia Spring electric schon mal vorexerziert.

Die CMF-EV-Plattform passt für das komplette Renault-Programm ab dem Mégane

Und jetzt planen wir mal ganz frech das Renault-Programm weiter, dass wir wie folgt umbauen würden: Neben den Mégane stellen wir ein SUV, das den Kadjar ins Grab geleitet, während wir aus Espace, Scenic und Koleos ein großes, raumgreifendes SUV mit richtig viel Platz mit fünf oder sieben Sitzen stricken (den wir im Nissan schon ersitzen konnten) und bieten das Ganze optional auch als Coupé an. Den Talisman ersetzen wir durch ein schlankes elektrisches Fließheck-Flaggschiff mit viel höherer Effizienz und ebenfalls viel Platz. Und vielleicht findet sich irgendwie auch noch ein Dreh, eine irgendwie leichte elektrische Alpine aus CMF-EV zu stricken – unter 1,5 Tonnen leicht aber dafür ziemlich kräftig…und die ersten Daten des Nissan Ariya lassen hier gute Werte erwarten.

Fragt man Hochgeschurtz nach dem aktuellen Verbrennerprogramm, äußert er sich nämlich weit weniger euphorisch als bei Zoe, Twingo electric und Co.: Ja, die Hybride und Plug-in-Hybride bei Clio, Captur und Mégane wären am Jahresende noch bei zehn bis 20 Prozent Marktanteil gelandet, aber erst dieses Jahr könne man gewichtbare Aussagen zu deren Anteil innerhalb der Baureihen treffen. Eine nachträgliche Renault-interne Recherche ergab: Der Clio hat mittlerweile 12,5% Hybridanteil und bei Captur und Mégane liegt der Plug-in-Anteil gar bei je 35 Prozent zum Marktstart. Die neuen Modelle seien 2020 erst sehr spät in den Markt gekommen, der noch dazu pandemisch „verzerrt“ war.

Hybrid und Plug-in-Hybrid: Eher eine Übergangstechnik

Auf die Frage, ob Plug-in-Hybrid und Standard-Hybrid dann nur Übergangslösungen sein, antwortet Hochgeschurtz ganz klar: Es müsse auch Übergangstechniken geben und immer noch hätten viele Kunden Reichweitenangst. Mit einem Plug-in-Hybrid könne man immerhin dort, wo es wichtig ist, in Ballungszentren lokal emissionsfrei fahren. Aber wenn man ihn so direkt frage: Ja, der klassische Hybrid-Verbrenner seit tatsächlich eine Übergangslösung, denn:

„Es gibt in den nächsten 20 Jahren keine Alternative zur E-Mobilität.“

Die Brennstoffzelle wird weiterentwickelt

Und wie sieht es mit der Brennstoffzelle bei den Nutzfahrzeugen aus? Hier bittet Hochgeschurtz, weiter zu forschen, um Alternativen zu haben, doch die Energiebilanz sei aktuell nicht vergleichbar mit Batterieelektrik: Sie sei drei bis fünf Mal schlechter. Und wolle man wirklich grünen Wasserstoff erzeugen, koste das fünfmal so viel Geld, wie wenn man Wasserstoff mit Erdgas oder Methan erzeuge. Deshalb dürfte Renault auch bei den leichten Nutzfahrzeugen mehr und mehr auf batterieelektrische Versionen umstellen.

Trotzdem unterzeichnete man jetzt ein Memorandum of Understanding (MOU) mit Plug Power, um bis Ende des ersten Halbjahres 2021 ein 50-50-Joint-Venture mit Sitz in Frankreich zu gründen. Damit möchte man einen Anteil von über 30 % am Markt für brennstoffzellenbetriebene leichte Nutzfahrzeuge in Europa erreichen. Das Joint-Venture soll in Frankreich hochmoderne Innovations- und Fertigungskapazitäten für Wasserstoff-Brennstoffzellensysteme und deren Integration in Fahrzeuge aufbauen.  Die Partnerschaft soll komplette Brennstoffzellen-Fahrzeuglösungen mit Wasserstoff als Kraftstoff samt Betankungsinfrastrukturen und Dienstleistungen bieten. Man bleibt also dran bei Renault, denn wie gesagt, die Zukunft ist elektrisch – nicht nur bei Tesla, VW und neuerdings auch GM, sondern auch bei Renault!  

Was bedeutet das?

VW-Boss Herbert Diess wird oft für seine starke Ausrichtung des Konzerns hin zur E-Mobilität kritisiert. Doch betrachtet man die anderen Volumen- und Premiumhersteller hat er Recht: Denn die Absatzzahlen des Jahres 2020 sprechen eine klare Sprache: Die Elektromobilität wird kommen – und so wie der Zoe dem Clio in die Parade fährt, wird das der ID.3 beim Golf tun, oder auf Renault übertragen: Clio, Mégane, Talisman, Scenic und Espace dürften bis 2030 zumindest in Europa allesamt rein elektrischen Alternativen gewichen sein – mit dem CMF-EV-Skateboard hat Renault die passende Basis dafür in der Hand.

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