Renault Twingo Z.E.: Leicht, leise und erst als Stromer in Bestform

Vorläufig für Ende 2020 avisiert ist die lang ersehnte E-Variante, die mit kompaktem Akku, knapp 200 km Reichweite und flexibler Ladetechnik punktet. Sie dürfte den lärmigen, durstigen Verbrenner obsolet machen.

Endlich Ruhe im Karton: Der Twingo Z.E. ist seinen Verbrenner-Geschwistern akustisch und emissionstechnisch weit überlegen. | Foto: Renault
Endlich Ruhe im Karton: Der Twingo Z.E. ist seinen Verbrenner-Geschwistern akustisch und emissionstechnisch weit überlegen. | Foto: Renault
Johannes Reichel

Wie angekündigt hat der französische Automobilhersteller Renault die vollelektrische Variante des Twingo vorgestellt, die auf den Zusatz Z.E. hört. Obwohl die Plattform von Anfang an auch für batterieelektrischen Antrieb konzipiert war, gab es bisher keine E-Variante. Lediglich Daimler hatte beim Smart Fourfour ein Elektro-Fahrzeug auf der identischen Plattform und mit Renault-Technik im Sortiment. Diese Lücke wird jetzt geschlossen und damit auch das Portfolio unterhalb des elektrischen Bestsellers Zoe und oberhalb des L7e-Modells Twizy arrondiert.

Praxisnah: Bordlader mit breiter Spanne bis 22 kW

Der fünftürige Kleinwagen verfügt demnach über einen 60 kW/82 PS und 160 Nm starken Elektromotor anstelle des Benzinaggregats im Heck. Für Energie sorgt eine nur 165 Kilo schwere Lithium-Ionen-Batterie mit einer Kapazität von 21 kWh, die nach WLTP-Testzyklus eine Reichweite von bis zu 250 Kilometern im Stadtverkehr und 180 km im Mischbetrieb ermöglichen soll. Vom Kompaktwagen Zoe wiederum übernimmt der Twingo Z.E. das Batterieladesystem, das die Energieversorgung des Akkus mit einer breiten Spanne von Ladeleistungen und Stromstärken bis 22 kW und bei 230 oder 400 Volt erlaubt. In einer halben Stunde sollen sich so 80 Kilometer Reichweite speichern lassen, von null bis 80 Prozent dauert es im Bestfall eine Stunde. An einer 7,4-kW-Wallbox sind die Speicher binnen vier Stunden befüllt.

Der Elektromotor, Untersetzungsgetriebe und Leistungselektronik des heckgetriebenen Kleinwagens sind vom Renault Zoe abgeleitet. Der Antriebsstrang im französischen Cléon, wo auch alle weiteren Elektroaggregate des französischen Herstellers produziert werden. Die Endmontage erfolgt im slowenischen Novo Mesto, wo auch die weiter verfügbaren Benzinvarianten des City-Cars vom Band rollen.

Innovation bei Renault: Wassergekühlte Batterie

Interessant ist, dass der Twingo als erstes Z.E.-Modell über eine wassergekühlte Batterie verfügt. Die soll dafür sorgen, dass der Stromspeicher etwa bei hoher Last und extremen Temperaturen stets im optimalen Betriebsbereich bleibt. Der kompakte Akku wurde in bewährter Zusammenarbeit mit LG Chem entwickelt und ist auch bei Seitenaufprall crashsicher innerhalb des Radstands unter dem Fahrer- und Beifahrerplatz platziert, was das Platzangebot im Innenraum und das Ladevolumen von 240 Liter unbeeinträchtigt lässt. Zu den üblichen Features gehören ein spezieller Eco-Mode, eine zweistufige Rekuperation sowie das akustische Warnsystem "Z.E. Voice".

Mit 1,1 Tonnen ein Leichtgewicht unter den Stromern

Für Konnektivität sorgt optional das Infotainmentsystem Easy Link mit 7"-Touchscreen, das die kabelbasierte Verbindung des Smartphones per Apple Carplay oder Android Auto erlaubt. Ebenfalls bekannt ist die Smartphone-App "My Renault", mit der sich diverse Fahrzeugfunktionen wie Klimatisierung oder Ladestand aus der Ferne regeln respektive abrufen lassen, etwa auch die Fahrzeuglokalisierung. Optisch macht der 3,61 Meter kurze Twingo Z.E. nur durch blaue Zierstreifen und Dekore auf sich aufmerksam. Wie beim Verbrenner ist der Wendekreis mit 8,75 Meter kompakt, das Gestühl im Innenraum lässt sich zu einer ebenen Fläche umklappen und der Beifahrersitz ist ebenfalls klappbar. Die Zuladung des leer zwischen 1,1 und 1,2 Tonnen schweren Kompaktstromers beträgt zwischen 350 und 416 Kilogramm.

Der Twingo Z.E. soll in Deutschland zum Jahreswechsel 2020/2021 in den Handel kommen und ist eines von acht rein elektrischen Fahrzeugen, die der Hersteller bis 2022 avisiert hat. Über die Preise wurde noch nichts bekannt gegeben, sie dürften aber deutlich unter 20.000 Euro ohne Prämie starten.

Was bedeutet das?

Warum gab es eigentlich einen Elektro-Twingo nur bei Daimler respektive Smart (oder eben auch nicht, sieht lange Lieferzeiten)? Niemand hat jemals so ganz verstanden. Endlich räumt Renault mit diesem massiven Geburtsfehler der vor gut vier Jahren präsentierten Kleinwagenbaureihe auf, die, wie man ja selbst konstatiert, von Anfang an für Elektroantrieb konzipiert gewesen war. Hätte man ihn denn mal nur als E-Modell gebracht, man hätte sich einen Haufen Ärger mit dem Heckantriebskonzept erspart. Das ist in Sachen realer Emissionen mäßig beleumundet und bietet schon thermisch eingeklemmt im Heckboden schlechte Voraussetzungen für eine wirkungsvolle Säuberung der Abgase. Die Fahrzeuge waren anfangs auch als Rußschleudern verrufen. Außerdem liegt das kleine Dreizylinder-Saug-Motörchen im Verbrauch auf dem Niveau manches Großen und brüllt lautstark aus dem Heck, ohne jetzt übermäßiges Temperament zu entfalten. Selbst in der jüngst gelifteten Variante sind es laut ADAC-Test noch 6,0 l/100 km, zu großer Durst für einen kleinen Wagen. Zumal auch noch der Ausstoß an Kohlenmonoxid im kalten Zustand zu hoch ist.

Kurz: Mit dem Stromer wird der Verbrenner obsolet. Jede Wette: Der beste Twingo ist der elektrische Twingo! Und er hätte es schon längst sein können - wenn nicht müssen. Auch jetzt dauert es noch in Zeichen von Corona mindestens bis Ende des Jahres, bis die ersten Twingos aus dem Werk stromern. Dann muss er sich mit der aufkommenden Konkurrenz aus dem VW-Konzern sowie von Newcomern wie eGO herumschlagen. Was für ein strategisches Versäumnis und unverständlich, wo der Hersteller doch sonst bei E-Autos konsquent voranfuhr und unter Europas Autobauern Maßstäbe setzt.

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