Renault tanzt Elektro-Pop und will E-Autos demokratisieren

Hersteller erhöht Schlagzahl in Sachen preiswerter, über die gesamte Kette nachhaltiger E-Mobilität, setzt auf originäre Motor- und Akku-Technologie sowie Fertigung, ergänzt um gezielte Kooperationen. Ziel: "Grünste" und "populärste" EV-Marke in Europa werden.

Starke Ansagen: Der Ex-Seat-Chef Luca de Meo macht der Renault-Gruppe mächtig Dampf und skizziert eine umfassende Elektrifizierungsstrategie, die vom Akku bis zur Leistungselektronik viel Know-How im Konzern und im Land bündeln will. | Foto: Screenshot
Starke Ansagen: Der Ex-Seat-Chef Luca de Meo macht der Renault-Gruppe mächtig Dampf und skizziert eine umfassende Elektrifizierungsstrategie, die vom Akku bis zur Leistungselektronik viel Know-How im Konzern und im Land bündeln will. | Foto: Screenshot
Johannes Reichel

Im Rahmen der Veranstaltung „Renault eWays“ hat die Renault Group eine deutliche Beschleunigung ihrer Elektromobilitätsstrategie und zehn neuen BEV-Modellen bis 2025 angekündigt. Pfeiler dafür sollen eine breite Modelloffensive, der neue Elektro-Industriepol „Renault ElectriCity“ in Nordfrankreich, die E-Powertrain MegaFactory in der Normandie, die bereits avisierte strategische Partnerschaft mit Envision AESC zum Bau einer 9 GWh-Batterie-Gigafactory in Douai sowie ein gemeinsames Projekt der Entwicklung nachhaltiger Hochleistungsbatterien mit dem französischen Start-up Verkor sein. Bis 2030 will man dann auch die Umstellung auf die temperaturfeste Feststoffakkutechnologie mit Partner ASSB vollzogen haben.

Zudem kündigt der Hersteller neue Entwicklungen im Bereich E-Powertrain und ein umfassendes Batterie-Lifecycle-Management an. Mit den zehn neuen EVs will das Unternehmen die nachhaltigste Modellpalette in Europa anbieten und strebt einen E-Anteil von über 65 Prozent an. Zum Portfolio zählen auch der neue Renault 5 sowie ein aktuell als „4ever“ bezeichnetes "ikonisches" Modell, eine weitere Neuauflage eines Markenklassikers, so das Versprechen. Ab 2024 folgt eine vollelektrische Alpine.

Stromgeber: Fast komplett elektrische Palette bis 2030

Bis 2030 sollen dann bis zu 90 Prozent der verkauften Rhombus-Modelle über einen vollelektrischen Antrieb verfügen. Das Unternehmen sieht sich als Schlüsselakteur auf dem Weg zur erschwinglichen Elektromobilität. Vor allem durch Standardisierung der Zellarchitektur sollen die Kosten für Batterien bis 2030 um 60 Prozent sinken, zudem die Skaleneffekte innerhalb der Allianz mit Nissan und Mitsubishi genutzt werden.

Ebenso soll ein neuer E-Antriebsstrang entwickelt werden, der sich um 30 Prozent günstiger produzieren lässt. Dennoch gab Renault-CEO Luca de Meo die Parole aus, dass man mit jedem Elektrofahrzeug bereits heute auch als Unternehmen Geld verdiene. Man baue keine Autos, die sich nicht rentierten. Dennoch versprach er eine Verdoppelung der Energiedichte bei den Akkus bei Halbierung der Kosten. Der Kaufpreis eines EV solle nicht mehr über dem eines Verbrenners liegen, avisiert de Meo.

„Der heutige Tag hat historische Beschleunigung für die EV-Strategie der Renault Group und für das ,Made in Europe’. Indem wir unser kompaktes, effizientes und hochtechnologisches Elektro-Ökosystem Renault ElectriCity in Nordfrankreich zusammen mit unserer E-Powertrain Megafactory in der Normandie bauen, schaffen wir zuhause die Voraussetzungen für unsere Wettbewerbsfähigkeit“, wirbt de Meo.

Gezielte Partnerschaften erweitern Know-How

Man investiere und schließe Partnerschaften mit etablierten und aufstrebenden Best-in-Class-Akteuren ein wie ST Microelectronics, Whylot, LG Chem, Envision AESC und Verkor. Es sollen zehn neue Elektromodelle entwickelt und bis 2030 bis zu eine Million Elektrofahrzeuge hergestellt, von erschwinglichen Stadtfahrzeugen bis hin zu sportlichen Fahrzeugen der gehobenen Klasse, avisierte de Meo weiter. Neben Effizienz will man auch mit "ikonischen Designs" wie den beliebten R5 der Elektrifizierung den "Renault Touch" zu verleihen und Elektroautos populär machen, verspricht de Meo.

EESM als Zauberwort: E-Motor ohne seltene Erden

Als nach eigener Ansicht erster OEM habe die Gruppe zudem einen eigenen E-Motor entwickelt, der keine Seltenen Erden, sprich keine Dauermagnete benötigt, und auf der Technologie des elektrisch erregten Synchronmotors (EESM) basiert. Ab 2024 sollen weitere technologische Verbesserungen eingeführt werden mit dem Ziel höherer Effizienz und geringerer Kosten. Zudem verweist die Gruppe auf eine Partnerschaft mit dem französischen Start-up Whylot für einen sogenannten Axialfluss-E-Motor. Diese Technologie werde zunächst bei Hybrid-Antriebssträngen eingesetzt, um die Kosten um fünf Prozent zu senken und gleichzeitig den CO2-Ausstoß nach WLTP um bis zu 2,5 Gramm pro Kilometer zu reduzieren. Man will damit der erste Hersteller sein, der den Axialfluss-E-Motoren ab 2025 in großem Maßstab produziert.

Eigene Leistungselektronik: Mehr Effizienz und weniger Kosten durch kompakte Bauweise

Im Bereich der Leistungselektronik wolle man die Kontrolle über die Wertschöpfungskette erweitern, indem sie den Wechselrichter, den DC-DC-Wandler und das On-Board-Ladegerät (OBC) in eine Box aus eigener Produktion integriert. Mit einem kompakten Design soll dieses „One- Box"-Projekt 800-Volt-konform sein. Da es sich über alle Plattformen und Antriebsstränge (BEV, HEV, PHEV) hinweg einsetzen lasse und über weniger Teile verfügt, reduzierten sich auch die Kosten, skizziert der Hersteller. Die Leistungsmodule für Wechselrichter, DC-DC-Wandler und OBC sollen auf Siliziumkarbid bzw. Galliumnitrid basieren, wobei man von der strategischen Partnerschaft mit ST Microelectronics profitieren will.

Alles in Einem: Superkompakter E-Antriebsstrang

Zusätzlich arbeitet die Gruppe an einem kompakteren E-Antriebsstrang, dem sogenannten All-in-One-System. Dieser E-Antriebsstrang soll den E-Motor, das Untersetzungsgetriebe und die Leistungselektronik in einem einzigen Paket (One Box Project) integrieren. Man verspricht eine Volumenreduzierung um insgesamt 45 Prozent. Hinzu komme eine Kostenreduzierung von 30 Prozent für den gesamten Antriebsstrang und ein um 45 Prozent geringerer Energieverbrauch nach WLTP. Das resultiere in einer zusätzliche Reichweite von bis zu 20 Kilometern, so das Versprechen.

Zwei neue Plattformen für E-Fahrzeuge - bis 580 km Reichweite

Durch eigens entwickelte Plattformen für Elektrofahrzeuge will die Gruppe die Effizienz ihrer E-Fahrzeuge weiter steigern. Die federführend von Nissan in Japan entwickelte, höher positionierte Allianzplattform CMF-EV werde künftig im C- und D-Segment zum Einsatz kommen, kündigte man an. Allein bis 2025 sollen auf Allianz-Ebene 700.000 Fahrzeuge auf dieser Technikbasis gebaut werden. Dank niedrigen Gewichts und eines hochmodernen Wärmemanagements soll die CMF-EV Architektur eine WLTP-Reichweite von bis zu 580 Kilometern schaffen.

Auch der neue MéganE, der ab 2022 in Douai produziert wird, basiert auf der CMF-EV Plattform. Im B-Segment ermögliche die CMF-BEV Plattform, erschwingliche Elektroautos für breite Kundenkreise anzubieten, versprechen die Franzosen. Im Vergleich zur aktuell für den ZOE eingesetzten Plattform sinken die Kosten der CMF-BEV Plattform um 33 Prozent. Die CMF-BEV Plattform erlaubt Reichweiten von bis 400 Kilometern. Auch der neue, vollelektrische Renault 5 basiert auf der CMF-B EV-Plattform, die wiederum bei Renault in Frankreich entwickelt wird, die preiswertere Spanne an E-Fahrzeugen abdecken soll und auch im Rahmen der Allianz für Nissan-EV-Modelle zur Verfügung steht, wie de Meo betonte.

Industriepolitik: Moderne Batterien „made in France“

Eine zentrale Rolle in der E-Mobilitätsstrategie der Gruppe sollen NMC-Batterien (Nickel, Mangan und Cobalt) spielen. Diese lieferten bei wettbewerbsfähigen Kosten bis zu 20 Prozent mehr Reichweite als andere Batterielösungen und ließen sich darüber hinaus leichter recyceln, begründet man. In allen künftigen E-Fahrzeugen der Gruppe soll die leistungsfähige Technik zum Einsatz kommen. Bis 2030 sollen auf Ebene der Allianz Renault-Nissan-Mitsubishi bis zu eine Million E-Fahrzeuge mit NMC-Akkus ausgerüstet werden. Diese sieht man als Speicher mit dem besten Preis-Leistungsverhältnis an.

Think big in France: Mega-Factory für Batterien

Zentraler Bestandteil der Strategie ist dabei die Partnerschaft mit dem Batteriehersteller Envision AESC. Ziel ist die Errichtung einer Batterie-Megafactory mit einer Kapazität von 9 GWh im Jahr 2024, die perspektivisch auf bis 2030 auf 24 GWh steigen soll. In Nachbarschaft zum neuen elektrischen Industriepol Renault ElectriCity in Nordfrankreich wird der Standort modernste, kostengünstige, kohlenstoffarme und sichere Batterien für Elektromodelle, darunter den zukünftigen Renault 5, produzieren. Unter dem Dach von Electricity werden drei Produktionsstandorte in Nordfrankreich gebündelt: Douai, Maubeuge und Ruitz. Diese sollen zum "wettbewerbsfähigsten und effizientesten Produktionsverbund für Elektrofahrzeuge in Europa" werden und eine Jahresproduktion von 400.000 Fahrzeugen bis 2025 realisieren.

Verkor soll für Hochleistungsakkus in Premiummodellen helfen

Die 20 Prozent-Beteiligung an dem französischen Start-up-Unternehmen Verkor soll der gemeinsamen Entwicklung einer Hochleistungsbatterie für das C-Segment und höhere Fahrzeugklassen der Stammmarke sowie für die Fahrzeuge der Marke Alpine dienen. Eine Pilotproduktion von Batteriezellen und Modulen soll ab 2022 in Frankreich starten. In einem zweiten Schritt will Verkor ab 2026 die erste Gigafactory für Hochleistungsbatterien in Frankreich bauen mit einer Anfangskapazität von 10 GWh für die Renault Group, die bis 2030 auf 20 GWh steigen könnte.

Kosten für Akku-Packs sollen um 60 Prozent sinken

In weniger als zehn Jahren will die Gruppe so die Kosten von Batterie-Packs schrittweise um 60 Prozent senken. Ziel sind weniger als 100 Dollar/kWh im Jahr 2025 und weniger als 80 Dollar/kWh mit der ab 2030 geplanten Einführung der Feststoffbatterien in der Allianz Renault-Nissan-Mitsubishi.

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