Regierung: Deutschland soll bei Wasserstoff führend werden

Die Bundesregierung erkennt, dass man für die Klimawende Wasserstoff braucht, nicht zuletzt für den Einsatz in Trucks, Loks oder Schiffen und beschließt nach Verzögerung eine "Nationale Wasserstoffstrategie". Die Ideen sollen jetzt konkret werden. VDIK sieht Importeure führend, BEM betont Anwendung in Nfz und Industrie.

Wasserstoff Marsch! Die Bundesregierung will es Ländern wie Japan oder China gleichtun und sieht H2 als zentralen Baustein der Klimawende, etwa auch im Lkw-Verkehr. Hier will Iveco bis 2023 gemeinsam mit dem US-Start-up Nikola einen Fuel-Cell-Truck für den Fernverkehr entwickeln. | Foto: Iveco/Nikola
Wasserstoff Marsch! Die Bundesregierung will es Ländern wie Japan oder China gleichtun und sieht H2 als zentralen Baustein der Klimawende, etwa auch im Lkw-Verkehr. Hier will Iveco bis 2023 gemeinsam mit dem US-Start-up Nikola einen Fuel-Cell-Truck für den Fernverkehr entwickeln. | Foto: Iveco/Nikola
Johannes Reichel

Die Bundesregierung hat im Rahmen des jüngsten Konjunkturpakets Pläne bekanngegeben, Deutschland zu einer führenden Nation in Sachen Wasserstofftechnologie machen zu wollen und hat im Kabinett mit einem halben Jahr Verzögerung die geplante "Nationale Wasserstoffstrategie" beschlossen. Der Energieträger sei "vielseitig einsetzbar und ein zentraler Bestandteil unserer Dekarbonisierungsstrategie", heißt es aus der Koalition. Ziel soll es sein, Deutschland "bei modernster Wasserstofftechnik zum Ausrüster der Welt zu machen", so das Eckpunktepapier wörtlich. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmeier (CDU) postulierte:

"Deutschland wird dabei eine Vorreiterrolle einnehmen, wie wir es vor 20 Jahren bereits mit der Förderung der Erneuerbaren Energien getan haben.“

Insgesamt soll die Technologie mit bis zu neun Milliarden Euro an Fördergeldern unterstützt werden, 310 Millionen Euro im Forschungsbereich.

"Die Nationale Wasserstoffstrategie wird Deutschland doppelten Schub verleihen - für den Klimaschutz und die nachhaltige Erholung unserer Wirtschaft nach der Corona-Krise", glaubt Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD).

Sie betont zudem, Grüner Wasserstoff biete die Chance, Klimaschutz in den Bereichen voranzubringen, wo wir bisher noch keine Lösungen hatten, zum Beispiel in der Stahlindustrie oder im Flugverkehr.

"Das funktioniert, weil die Strategie vor allem auf die Förderung von „grünem Wasserstoff“ ausgerichtet ist", glaubt Schulze.

Dazu müsse man aber auch "Ja sagen zu Windenergie". Für grünen Wasserstoff brauche es zusätzlichen grünen Strom. Deswegen müsse und werde man die erneuerbaren Energien konsequent ausbauen, kündigte die Ministerin an.

Demonstration im industriellen Maßstab

Damit man den Einsatz dieser Technologien auch in Deutschland im Industriemaßstab demonstrieren könne, will die Regierung bis 2030 industrielle Produktionsanlagen von bis zu 5 GW Gesamtleistung errichten, einschließlich der dafür erforderlichen Offshore-und Onshore-Energiegewinnung. Das Augenmerk liegt grundsätzlich auf der Erzeugung von "grünem Wasserstoff" aus regenerativen Energien. Für den Zeitraum bis 2035 würden "nach Möglichkeit" weitere 5 GW zugebaut, bis 2040 die weiteren 5 GW. Die Mengen waren zuletzt schwer umstritten in der Koalition aus Union und SPD, weil man den Bedarf im Jahr 2030 auf 110 Terawattstunden taxiert. SPD-Fraktionsvize Matthias Miersch kritisierte den Zwist um Zielmarken und meinte:

"Wenn das einmal rollt, wird sich schnell zeigen, dass wir eher mehr Wasserstoff produzieren müssen als jetzt geplant".

Skeptisch reagierte die Opposition: "Die Bundesregierung setzt mit großem Tamtam auf Wasserstoff, ohne zu erklären, wo der erneuerbare Strom herkommen soll, den man braucht, damit Wasserstoff klimafreundlich wird", monierte die Sprecherin für Energiewirtschaft der Grünen-Bundestagsfraktion, Ingrid Nestle, im Interview mit der ARD. Um den Hochlauf zu beschleunigen, will die Regierung die Mehrkosten, die bei der Umstellung auf H2 entstehen, erstatten.

"Neben der Prüfung, ob die Wasserstoffproduktion über Ausschreibungen von Elektrolyseleistungen gefördert werden kann, soll der Umstieg von fossilen Energieträgern auf Wasserstoff insbesondere bei industriellen Prozessen in der Entwicklung und Prozessumstellung gefördert werden", formuliert die Regierung.

Dabei will man bei den Fördermaßnahmen darauf achten, dass alle Regionen Deutschlands von den neuen Wertschöpfungspotenzialen der Wasserstoffwirtschaft profitierten. Ausgebaut werden soll auch die Infrastruktur, um etwa Lkw, Lokomotiven, Schiffe oder gar Flugzeuge mit dem neuen Kraftstoff zu versorgen. Auch Lieferantenstrukturen ins Ausland will man aufbauen. So soll im Anschluss an das Treffen der Koalition eine Vereinbarung mit Marokko unterzeichnet werden unter Federführung von Entwicklungshilfeminister Gerd Müller (CSU).

Vision: Export von H2-Technologie "Made in Germany"

Es gehe darum, "außenwirtschaftliche Partnerschaften mit solchen Ländern aufbauen, in denen aufgrund der geographischen Lage Wasserstoff effizient produziert werden kann", formuliert das Papier, auf Basis der Technologien "Made in Germany". Damit will man "in Partnerschaft ein wirtschaftliches Standbein in diesen Ländern durch den Wasserstoffexport aufzubauen, deren Wirtschaft von fossilen Energieträgern unabhängiger zu machen und Deutschlands Wasserstoffbedarf zu decken". Im gleichen Kontext sollen auch geeignete Wasserstoffspeicherverfahren für den globalen, kosteneffizienten Transport von Wasserstoff entwickelt werden. Die Gründung einer europäischen Wasserstoffgesellschaft zur Förderung und Erschließung gemeinsamer internationaler Produktionskapazitäten und -infrastrukturen werde ausgelotet, heißt es weiter.

„Der Klimawandel ist längst die Überlebensfrage der gesamten Menschheit. Mit der Wasserstoffstrategie machen wir einen Quantensprung hin zu CO2-neutralen, Kraftstoffen und damit zu einer globalen Energiewende", glaubt der Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Gerd Müller.

Grüner Wasserstoff und seine Folgeprodukte wie Methanol könnten "das saubere Öl von morgen" werden. Vor allem Länder in Nordafrika sind geeignete Produktionsstandorte, da hier die Sonne nahezu unbegrenzt scheint, meinte Müller weiter und kündigte zugleich eine Kooperation mit Marokko zur Entwicklung der ersten industriellen Anlage für „Grünen Wasserstoff“ in Afrika an.  

VDIK: Deutschland hat lange gezögert

Der Verband der Importeure von Kraftfahrzeugen (VDIK) begrüßte in einer ersten Reaktion die Verabschiedung der Nationalen Wasserstoffstrategie. "Wasserstoff aus erneuerbaren Energien hat als Kraftstoff neben dem Pkw-Segment insbesondere im Transport- und Schwerlastbereich ein enormes Potential", so die Einschätzung des Verbandes. Bei Wasserstoffantrieben seien die internationalen Hersteller Technologieführer. Bisher gibt es lediglich von Hyundai und Toyota Serien-Pkw mit Fuel-Cell-Antrieb, den Crossover-SUV Nexo sowie die Limousine Mirai. Hyundai startet derzeit zudem mit einem Brennstoffzellen-Truck in den Praxiseinsatz in der Schweiz.

"Neben der Batterie-Elektromobilität sind Brennstoffzellenantriebe dabei unverzichtbar. Deutschland hat mit einer entschlossenen Forcierung von Wasserstoff lange abgewartet. Daher ist jetzt umso mehr Tempo gefragt", meinte VDIK-Präsident Reinhard Zirpel.

Er lobte zugleich, dass Deutschland beim Aufbau einer Wasserstofftankstellen-Infrastruktur schon gut vorangekommen sei. Bis 2021 solle ein H2-Tankstellennetz für 60.000 Brennstoffzellen-Pkw und 500 Nutzfahrzeuge geschaffen werden. Der konsequente weitere Ausbau der H2-Infrastruktur für Pkw, Busse sowie schwere Fahrzeuge sei unerlässlich, so der Verband weiter.

BEM stellt klar: Nicht für Pkw, sondern für Lkw und Schiffe

Der Bundesverband e-Mobilität stellte in dem Kontext klar, dass man die Hauptanwendungsgebiete für die Wasserstoff- und Brennstoffzelltechnologie nicht im Individualverkehr sieht. "Im Pkw- und im leichten Nutzfahrzeugbereich sind Wasserstoffautos ökonomischer und ökologischer Unsinn", meint BEM-Präsident Kurt Sigl entgegen den Plänen einiger Hersteller wie Hyundai, Toyota oder auch BMW, die den Antrieb für Fernstrecken und schwerere Pkw durchaus für plausibel halten.

Die Hoffnungen des Verbandes für die Technologie liegen stattdessen im Schwerlastverkehr, bei Tankern in der maritimen Wirtschaft, Kreuzfahrtschiffen und "im größten Maße" in der Industrie beim Turbinenantrieb und die Grundlastversorgung für Kraftwerke, wie Sigl präzisierte.

Was bedeutet das?

Spät kommt Ihr, doch Ihr kommt, um es einmal mehr mit Schiller zu sagen. Während Länder wie Japan, aber auch China und die USA die Chancen und Potenziale des Energieträgers Wasserstoff für industrielle Anwendungen, aber auch im Schwerlast-Verkehr längst erkannt haben, "dieselt" Deutschland hinterher und stellt erst jetzt die Weichen, vorerst nur einmal mit einer "Ideensammlung", deren Umsetzung ein steiniger und langer Weg wird. Hoffentlich nicht zu spät. Autohersteller wie Toyota oder Hyundai, die zugleich auch als Industriekonzerne agieren, packen das Thema längst ganzheitlich an, inklusive Erzeugung und Vertrieb von grünem Wasserstoff. Eigentlich hätte Olympia für die Japaner zum großen Wasserstoff-Aufschlag werden sollen ...

Schade für die hiesige Forschung, schließlich stammten in der Frühzeit der Hydrogen- und Brennstoffzellenentwicklung zahlreiche Patente aus Deutschland, wie auch bei den Batterien war das Land in der Grundlagenforschung führend, meinen viele Leute, die sich damit auskennen. Auch Daimler und BMW waren übrigens vorne mit dabei, VW-Tochter Audi kooperiert eigentlich mit Hyundai, bis VW-Chef Herbert Diess das Thema vor kurzem kassierte. BMW will ab 2022 mit dem schweren SUV X5 i Hydrogen in die Kleinserie einsteigen. Daimler nimmt das Thema jetzt mühsam auf "Wiedervorlage", allerdings ausschließlich für Trucks und stationäre Anwendungen. Es lief ja lange super mit den fossilen Energieträgern, wozu etwas ändern. Das fällt der Regierung nun auf die Füße und sie muss mit Hochdruck wie in einem Wasserstofftank aufholen, was versäumt wurde.

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