Power2Drive 2022 THINK TANK: Zur Mobilitätswende "Umparken im Kopf"

Antriebswende oder Mobilitätswende: Warum es mehr braucht als den Wechsel von Fossil auf Elektro, so das Thema des VISION mobility THINK TANK auf der Power2Drive in München. BEM-Vorstand Markus Emmert forderte eine gezieltere Förderung auch für leichte Elektrofahrzeuge. Mit Next e.GO Mobile und Evum lieferten zwei Hersteller downgesizte Gegenmodelle zum monströsen E-SUV-Trend. Und der Elexon-Chef warb für Mobilitätsbudget mit "No-Car"-Prämie im Betrieb.

Gut gefüllt: Im Forum der Power2Drive herrschte reges Interesse am drängenden Thema der Zeit. | Foto: G. Soller
Gut gefüllt: Im Forum der Power2Drive herrschte reges Interesse am drängenden Thema der Zeit. | Foto: G. Soller
Johannes Reichel

Mit einem THINK TANK auf der Messe Power2Drive in München hat sich die Redaktion VISION mobility einem drängenden Thema gewidmet: Während viele Politiker und nicht zuletzt der Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) den Eindruck erwecken, es genüge, nur den Antrieb auszutauschen und die Mobilität ansonsten weitgehend beizubehalten in der Zentrierung auf den motorisierten Individualverkehr, fordern Klimawisschenschaftler und Verkehrsexperten ein komplettes Umdenken, um Deutschlands Klimaziele im Sektor einhalten zu können, skizzierte Moderator und stellvertretender Chefredakteur Johannes Reichel einleitend.

Die Ampel-Koalition hat sich 15 Millionen Elektroautos bis 2030 zum Ziel gesetzt und will Deutschland zum Leitmarkt für Elektromobilität machen. Zugleich steigen die Zulassungszahlen weiter, bald sind 49 Millionen Fahrzeuge registriert, auf 1.000 Einwohner kommen 585 Pkw. Ungelöst bleibt dabei das Platzproblem. Auch der Strombedarf, die Gesamtökobilanz und die Ressourcenkonflikte werfen Fragen auf, ob der MIV in dieser Form zukunftsfähig ist, fossil oder elektrisch. Für eine echte Wende brauche es aber mehr als einen Antriebswechsel. Es gehe um nicht weniger als die Frage, wie man mehr Mobilität bei weniger Verkehr realisieren können. Ausgangspunkt der Debatte war der "Aufreger der Woche", der im Verkehrsministerium laut einem Handelsblatt-Bericht offenbar erwogene drastische Erhöhung der Förderprämien für E-Autos bis auf 11.000 Eurodem. Prompt folgte ein entschiedenes Dementi aus dem Wissing-Haus: Man plane weder eine Erhöhung der Umwelt-Prämie noch eine Abwrackprämie für Verbrenner beim Kauf eines E-Autos, hieß es.

Zum Markthochlauf ist Förderung berechtigt, jetzt immer weniger

Generell sei für die Markthochlaufphase einer neuen Technologie die Förderung wünschenswert und bei der E-Mobilität unerlässlich gewesen, plädierte der Vorstand des Bundesverbands eMobilität, Markus Emmert. Auch die Early Adopter seien mit ihrem Investment ins Risiko gegangen, daher sei die Incentivierung selbst für höherpreisige Fahrzeuge gerechtfertigt, so Emmert, auch wenn es mittlerweile eine gewisse "soziale" Schieflage in der Förderung gebe. Allerdings sei im Koalitionsvertrag ein Auslaufen der Prämie bis 2025 vereinbar und das sei auch die richtige Zeitschiene in Anbetracht der Tatsache, dass E-Autos auch von den Gesamtbetriebskosten längst auf Augenhöhe mit Verbrennern führen.

Der BEM-Vorstand bemängelte, dass es keine Differenzierung der E-Auto-Prämie nach Effizienz gebe, sondern alle mit "Null Gramm CO2" angerechnet würde. Reichel verwies in dem Kontext auf eine Forderung des Chefs der Deutschen Umwelthilfe Jürgen Resch, der angeregt hatte, wie bei Kühlschränken und Leuchtmitteln zwischen sparsamen und ineffizienten Modellen zu unterscheiden, fordert Jürgen Resch, Chef der Deutschen Umwelthilfe. „Warum ist es bislang völlig irrelevant, wie effizient oder ineffizient ein Elektroauto fährt beziehungsweise lädt", hatte Resch moniert.

Wo bleiben Incentives für leichte E-Mobile?!

Was Emmert zudem fehlt, ist die Förderung auch von leichter Elektromobilität im privaten wie auch gewerblichen Bereich. Hier gebe es eine Fülle an kreativen, umwelt-, platz- und ressourcenschonenden Lösungen und zahlreiche Anbieter, die bisher kaum bekannt oder im Blick der Öffentlichkeit stünden. Der E-Mobility-Experte zeigte sich optimistisch, dass die Wende im Sektor Verkehr noch zu schaffen ist und verwies auf die Erfahrung bei der Durchsetzung neuer Technologien wie dem Smartphone, die nach allmählichem Start exponentiell erfolgte, obwohl zuvor kaum Nachfrage dafür prognostiziert worden sei. Für zentral hielt es Emmert, die E-Mobilität als attraktiv und "sexy" für den Nutzer darzustellen, mit der man etwas gewinne - und nicht verliere. E-Mobilität müsse und dürfe auch Spaß machen. 

Der Anti-SUV: e.GO gibt mit dem e.wave X ein Beispiel

Ein Beispiel dafür lieferte Kenneth Hölscher vom Aachener E-Auto-Start-up Next e.GO Mobile, der die jüngst gelaunchte Crossover-Variante e.wave X präsentierte - und darin ein Gegenmodell zu immer größeren und immer schwereren Elektro-Fahrzeugen der etablierten Autoherstellern sieht. "Weniger ist mehr", sei die Devise. Und Hölscher verwies auch auf die gesamte Produktions- und Wertschöpfungskette des Fahrzeuges, das mit deutlich weniger Energie- und Ressourceneinsatz etwa durch den Wegfall von Presswerk oder Lackiererei in einer voll vernetzten Fabrik produziert werde. Für die Alltagswege genüge nach den Erkenntnissen des Herstellers sowohl die Reichweite als auch das Platzangebot des nur 3,35 Meter kurzen und nur gut eine Tonne schweren E-Minis, der dennoch vier Sitzplätze bietet.

Micro- statt Giga-Factory!

Für ihn sei nicht die "Giga-Factory" das Zeichen der Zeit, sondern die dezentrale "Micro-Factory", wie sie in Aachen Realität wurde. Zudem sei das Fahrzeug auf einem korrosionsfreien Alu-Space-Frame und einer kratzfesten und robusten Polymer-Hülle für eine Laufzeit von 50 Jahren konzipiert, mit einem langlebigen und sparsamen Elektromotors sowie einer "vernünftig" und nicht überdimensionierten Batterie mit Acht-Jahres-Garantie auf 70 Prozent Kapazität. Dennoch bereite das Fahrzeug mit einem 80-kW-Motor und einem dynamischen Fahrwerk großen Spaß, so das Versprechen, ganz im Sinne von BEM-Mann Emmerts Diktum.

Maximal reduziert: E-Trucks wie der Evum a-Car

Statt Spaß steht wiederum bei Evum Motors der Nutzen im Mittelpunkt, bei dem vollelektrischen Leicht-Allrad-Lastwagen a-Car. Der entstand seit 2013 aus einem TU-München-Projekt für Schwellenländer mit hohem Nachhaltigkeitsanspruch und konsequentem Downsizing mit Reduzierung auf's Wesentliche. Alles, was kaputtgehen könne und nicht unbedingt notwendig sei für den Betrieb und den Einsatz, habe man weggelassen, warb Evum-Gründer und Ko-Geschäftsführer Sascha Koberstaedt für das alternative Lkw-Konzept. Die meisten Kunden kämen sowohl mit 200 Kilometer Reichweite wie auch mit einer Höchstgeschwindigkeit von 70 km/h klar, warb Koberstaedt für den "Bonsai-Unimog", der aber dennoch 1.100 Kilo Nutzlast und eine Tonne Anhängelast und zudem hohe Aufbaufreundlichkeit biete. Bis zu 80 Prozent CO2 spare der asketische 48-Volt-Leichttruck im Betrieb an Emissionen, der dem Nutzer zudem massive Reduzierung der Betriebskosten ermögliche.

Es geht auch ohne Auto: Mobilitätsbudget und "No-Car"-Prämie

Für ein komplettes Umdenken auch stärker weg vom Automobil und dem motorisierten Individualverkehr plädierte schließlich Marcus Scholz, Geschäftsführer beim E-Mobilitäts-Spezialisten Elexon. Er verwies etwa auf das realisierte Konzept nachhaltiger Betriebsmobilität bei der Babor Kosmetik Gruppe. Hier habe man als 360-Grad-Systemintegrator neben der Flottenelektrifizierung mit umfangreicher Ladeinfrastruktur nebst Lastmanagement sowie der Sektorkopplung zu einer eigenen Photovoltaikanlage vor allem auch Ansätze wie Mobilitätsbudget für die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel umgesetzt.

Danach werden Mitarbeitende belohnt, wenn sie nicht mit dem Auto in die Firma kommen, sondern mit ÖPNV, Pedelec oder Fahrrad. Krönung ist eine sogenannte "No Car"-Prämie, die einem auf das Budget angerechnet wird. Wer auf das Auto angewiesen ist, dem steht dafür eine ausgeklügelte Ladeinfrastruktur am Arbeitsplatz zur Verfügung, mit Eigenstrom vom Dach. Und weil man am besten bei sich selbst anfängt: Die brandneue DC-Ladesäule von Elexon brachte man nicht physisch mit nach München, sondern virtuell: Sie konnte per VR-Brille besichtigt und erprobt werden, was üppig CO2 für den Transport einsparte - und mindestens so viel Spaß machte. Womit man wieder beim Thema wäre.

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