Portagon-Chef: "Zu wenig Investition in automotive Innovation"

Im VM-Gespräch mit Johannes Laub, Mitgründer und CEO von portagon warnt der Finanzexperte davor, dass die Innovation in der Automobilbranche aufgrund fehlender Finanzierung stocken könnte und warum es eine Lücke zwischen der Absicht und dem Handeln für mehr Nachhaltigkeit gibt.

Klein, aber innovativ: Originelle Start-ups wie ACM City dienen als Treiber der Entwicklung und bringen die Großen auf Trab - allerdings fließt hierzulande zu wenig Geld in den Sektor, findet portagon-CEO Laub. | Foto: J. Reichel
Klein, aber innovativ: Originelle Start-ups wie ACM City dienen als Treiber der Entwicklung und bringen die Großen auf Trab - allerdings fließt hierzulande zu wenig Geld in den Sektor, findet portagon-CEO Laub. | Foto: J. Reichel
Johannes Reichel

VM: Krise, welche Krise? Die Automobilbranche verkündet Milliardengewinne. Die Wettbewerber aus China sind ebenfalls äußerst finanzkräftig respektive sogar staatlich subventioniert. Warum glauben Sie dennoch, dass die Finanzierung von Innovationen stocken könnte?

Johannes Laub: In der Tat ist die Automobilbranche eine der globalen Schlüsselindustrien. Vor allem in Deutschland ist sie mit Abstand die wichtigste Industrie, von der derzeit (Stand 2020) über 800.000 Arbeitsplätze direkt abhängen. Dennoch droht hier eine besonders große Innovationsgefahr. Obwohl die globalen Venture-Capital-Investitionen im Automotive-Bereich 2018 bei rund 25 Mrd. US-Dollar und damit fast gleichauf mit den weltweiten Forschungs- und Entwicklungs-Aufwendungen von etablierten Unternehmen wie VW, BMW und Daimler zusammen lagen, floss davon lediglich 0,5 Prozent in deutsche Automotive-Start-ups. Auch innerhalb des Mobility-Sektors liegt der Autmotive-Bereich im Hinblick auf das Investitionsvolumen im letzten Jahr an letzter Stelle. Das ist fatal. Denn besonders die neuen und innovativen Start-ups bringen Veränderung und Innovation in die Industrie.

VM: Aber die Konzerne verkünden doch ein Modernisierungsprogramm nach dem anderen?

JL: Die Milliardengewinne, welche aktuell verkündet werden, zielen auf die Innenfinanzierung der Industrie ab. Etablierte Konzerne modernisieren in der Tat. Dennoch kommen aus ihnen selten die großen Innovationen. Stattdessen braucht es eben die neuen Marktteilnehmer:innen, die den Anspruch haben, die Regeln der Industrie auf den Kopf zu stellen und neu zu schreiben. Beispielsweise wäre der Trend hin zu Elektroautos wahrscheinlich derzeit nicht so weit vorangeschritten, hätte es Tesla nicht gegeben. Solche neuen Unternehmen und Ideen werden derzeit noch viel zu wenig gefördert. Wir wollen das ändern und auch neuen Marktteilnehmer:innen den Zugang zu Kapital ermöglichen.

VM: Beispiel Sono: Das Start-up entwickelt seit 2016 und will erst 2023 mit dem Fahrzeug an den Start gehen. Die großen OEMs haben das frühe Projekt längst überholt mit eigenen, durchaus erschwinglichen E-Autos. Auch Tesla hat über 20 Jahre gebraucht, um wirklich Fuß zu fassen. Ist die Fahrzeugentwicklung einfach zu komplex und zu kostenintensiv für komplett neue Unternehmen ohne Finanzkraft im Hintergrund? 

JL: In der Tat gehört die Produktion von Fahrzeugen zu den teuersten und komplexesten der gesamten Industrie. Prototypen müssen gebaut werden, Lager für die Produktion hochgezogen und die Autos auf Fahrtüchtigkeit getestet werden. Für ein neues Unternehmen sind die aufzubringenden Mittel also sehr hoch im Vergleich zu den etablierten und routinierten Unternehmen der Branche. Dennoch sind genau diese neuen Firmen wichtig für die Automobilbranche. Denn sie bringen neue Impulse in den Markt und challengen den Status quo, wie beispielsweise Sono Motors es derzeit mit dem Solarauto tut. Da braucht es schon eine gewisse Finanzkraft. Das müssen aber eben nicht immer die traditionellen Kreditgeber wie etwa Banken, sondern können auch alternative Finanzierungsformen sein. Sono Motors hat das benötigte Geld zum Beispiel in der eigenen Community gesammelt. Und das hat sehr gut funktioniert. In 50 Tagen kamen mittels Schwarmfinanzierung 53 Millionen Euro zusammen.

Spüren Sie in der „Finanzwelt“ einen wirklichen Zug in Richtung Nachhaltigkeit im Hinblick auf Investments – oder ist da viel „Green washing“? 

JL: Wie in jeder Branche wird sicherlich auch in der Finanzwelt “Green Washing” betrieben – etwa werden gewisse Standards wie etwa der „Global Compact" oder der „Deutsche Nachhaltigkeitskodex" festgelegt, diese dann aber schlussendlich nicht in das Handeln integriert. Gründe für die mitunter zögerliche Umsetzung sind laut einer interessanten Studie von Deloitte vor allem die Erwartung von Aktionär:innen und Investor:innen oder auch die problematische Rechtfertigung des ROI.

VM: Aber zwischen Ankündigen und Handeln besteht ja noch mal ein Unterschied?

JL: Dennoch denke ich, dass man hier einen großen Unterschied zwischen Unternehmen, die den privaten Kapitalmarkt bedienen und institutionellen Anleger:innen machen muss. Denn solche “Herausforderungen” bei der Umsetzung sind für Erstere vergleichsweise gering. Immerhin treffen sie auf Anleger:innen, die nach sinnvollen Impact-Investments suchen und auch bereit sind, ihre Erwartungen dafür entsprechend anzupassen. Bei institutionellen Anleger:innen existiert indes immer noch eine Lücke zwischen der Absicht, nachhaltig zu investieren und dem tatsächlichen nachhaltigen Handeln. Auch wenn es bereits einige Regulierungspläne in diese Richtung gibt. Die Europäische Union (EU) hat schon 2018 einen Aktionsplan zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums aufgesetzt. Damit sollen Kapitalflüsse auf den Umbau zu einer nachhaltigen Wirtschaft ausgerichtet, Nachhaltigkeit in das Risikomanagement integriert und die Transparenz bei Finanzprodukten gefördert werden. Doch auch hier stellt sich die Frage, ob Innovationen davon letztendlich profitieren werden.

VM: Wie beurteilen Sie die Impulse der vergangenen IAA Mobility? Geht es in die richtige Richtung? 

JL: Ich denke, es geht in eine gute Richtung. Die IAA hat gezeigt, dass es derzeit eine sehr große Nachfrage nach innovativen Produkten und Businessmodellen in der Automobilbranche gibt. Denn die Menschen sehnen sich nach mehr Flexibilität und vor allem sauberen, verkehrsärmeren Städten. Immerhin sind emissionsfreie Städte ein wesentlicher Schritt hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft. Hier gilt es künftig den Status quo der traditionellen Industrie zu hinterfragen und mit neuen Angeboten herauszufordern. Dabei bieten sich sowohl Chancen und Potenziale für etablierte Unternehmen des Automobilsektors, aber auch für Start-ups und Technologieunternehmen. Zudem wurde im Zuge der IAA deutlich, dass es bereits Unternehmen gibt, die sich bereit erklärt haben, die Regeln der Automobilindustrie neu zu schreiben und auch das Auto zu einem grünen Thema zu machen. Ein wichtiger Impuls von einer der größten und international bedeutendsten Automobil-Fachmessen. Dennoch reicht ein Impuls allein nicht. Jetzt müssen auch Taten folgen. 

VM: Worin liegen die Vorteile von Start-ups gegenüber Konzernen?

JL: Die Transformation zur Elektromobilität wird dabei mit enormen Umstrukturierungen und Investitionen einhergehen müssen. Geschäftsmodelle wie die von Start-ups sind aufgrund ihrer meist geringeren Kapitalintensität grundsätzlich im Vorteil. Jedoch wurden in den letzten 12 Jahren laut Deloitte nur etwas mehr als 160 Millarden Euro in Start-ups investiert, die im weiteren Automobilumfeld tätig sind. Nur rund 6 Prozent dieses Betrags sind hierbei in Fahrzeugtechnologie und – Hardware geflossen. Hier gibt es noch viel Potenzial. Um die Neustrukturierung zu ermöglichen, muss dafür in Deutschland weitaus mehr in den Sektor und vielversprechenden Start-ups investiert werden.

VM: Welche Innovationen sehen Sie, die möglicherweise an mangelnder finanzieller Unterfütterung scheitern, etwa auch im Bereich E-Cargobikes oder Leicht-Elektrofahrzeuge? 

JL: Hier ist eine pauschale Aussage schwierig. Am stärksten investiert wurde grundsätzlich in den letzten Jahren in Start-ups mit Produkten und Services für den Markt im Bereich der Endverbraucher:innen. Am Beispiel Ladeinfrastruktur für Elektroautos sehen wir bereits, dass eine hohe Akzeptanz und ein Anleger:innenvertrauen für das Thema vorherrscht. Unternehmen aus diesen Bereichen weisen vergleichsweise hohe Bewertungen auf. Auch im Vergleich zu anderen Bereichen aus dem Mobilitätsökosystem. Mit den CO2-Flottenvorgaben, die Hersteller:innen in Europa zudem erfüllen müssen, wird das Thema weiter an Fahrt gewinnen. Doch auch hier gilt: Die Bewertung und auch die Finanzierung durch Investor:innen hängt oft von den bestehenden Marktanteilen des jeweiligen Unternehmens ab. Kleinere Anbieter:innen und auch gute Innovationen können hier meist nicht mithalten. Der Fokus institutioneller Investor:innen liegt laut Deloitte auf den Aspekten Einnahmen, Partnerschaften und Investments. Hier gibt es weiterhin eine ganz klare wirtschaftliche Orientierung. Dabei bleiben kleine, innovative Unternehmen oft auf der Strecke. 

Über Johannes Laub

Johannes Laub ist Gründer von portagon (ehem. CrowdDesk), einem Softwaredienstleister für digitale Finanzierungen. Mit der SaaS-Lösung haben Unternehmen die Möglichkeit, einfach und verlässlich online Kapital einzusammeln. Auf Basis seiner jahrelangen Expertise ist der studierte Investmentfondskaufmann bei portagon für Finanz- und Vertriebsfragen zuständig. Bisher hat das FinTech mit seiner Softwarelösung mehr als 500 Projekte mit einem Volumen von rund 850 Millionen Euro begleitet.  

 

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