Pirelli-Interview mit Pierangelo Misani und Paolo Brivio: Start in die nächsten 150 Jahre

Die Markteinführung des neuen Winterreifens Cinturato 2 und der 150. Geburtstag er Marke Pirelli gab Anlass für ein Interview mit Pierangelo Misani, Vice President Research & Developement and Cyber bei Pirelli und Paolo Brivio, Head of Product Developement bei Pirelli. Dabei ging es nicht nur um das Thema Winterreifen, sondern auch um Nachhaltigkeit und einen Ausblick auf die Zukunft. 

Feierte jetzt einen fulminanten 150. Geburtstag mit dem weltbekannten großen "P": Die Reifenmarke Pirelli. | Foto: Pirelli
Feierte jetzt einen fulminanten 150. Geburtstag mit dem weltbekannten großen "P": Die Reifenmarke Pirelli. | Foto: Pirelli
Gregor Soller

Der neue Cinturato 2 soll neue Maßstäbe unter den Winterreifen setzen. Sind die Winter noch so hart wie früher? Müssen Sie nicht mehr Wert auf Nasshaftung, Laufleistung, Geräuschentwicklung und Rollwiderstand legen?

Pierangelo Misani: (lächelt): Viele Fragen auf einmal und grundsätzlich richtig. Die Wahl eines griffigen, spezifischen Winterreifens wie der Cinturato 2 hängt sehr stark von den Regionen und den Fahrprofilen ab. Und wie Sie sagen: Ein Winterreifen ist nie ein reiner Schneereifen, sondern ein Spezialist, der auch auf Schnee sehr gut performt - zusätzlich zu den hervorragenden Handlingeigenschaften bei Nässe und niedrigen Temperaturen.

Neigen Kunden und Flotten nicht viel mehr zu Ganzjahresreifen?

Pierangelo Misani: In der Tat gibt es einen Trend zu Ganzjahresreifen, vor allem in klimatisch milderen Regionen, und der Weg hin zu diesem Ziel war nicht einfach: Es bedurfte einer enormen Anstrengung, damit das 3PMSF-Symbol, also die Schneeflocken-Symbol im dreizackigen Bergpiktogramm, auch auf Ganzjahresreifen erscheinen kann. Denn sie müssen dann bei Kälte, Eis und Schnee einen starken Grip aufweisen.

Wie haben Sie den schwierigen Kompromiss erzielt, viel Grip bei möglichst geringem Rollwiderstand zu bieten? Liegt es nur an der Mischung oder auch an der Lauffläche?

Pierangelo Misani: Genau darin liegt die größte Herausforderung! Aber mit neuen Materialien und einer digitalen Modellierung anstelle jener Methode, die wir in der Vergangenheit eingesetzt haben, können wir diese bestehenden Widersprüche in der Reifenentwicklung recht gut auflösen.

Können Sie hier mehr ins Detail gehen?

Pierangelo Misani: Ohne hier irgendwelche Geheimnisse zu verraten, ist es die Präzision, die durch die Simulation massiv zunimmt. Grob gesagt können wir hier unser Entwicklungspotenzial um 50 Prozent steigern, weil wir von Anfang an kleinste Details abbilden und simulieren können - und genau diese machen den Unterschied! Das beginnt bei der Struktur der Karkasse und reicht bis zu kleinsten Details des Profils. So können wir uns auf verschiedene Themen konzentrieren, derzeit vor allem auf Rollwiderstand, Geräuschentwicklung und Laufleistung.

Benötigen Sie überhaupt noch echte Testfahrten?

Pierangelo Misani: (lächelt): Immer! Wir können mit der Simulation viele Schritte im Voraus klären und sehr genaue Vorhersagen machen - aber die Validierung dieser Vorhersagen wird auch in Zukunft immer durch praktische Tests erfolgen.

Und wie sieht es auf der Materialseite aus?

Paolo Brivio: Die Materialien entwickeln sich derzeit in allen Branchen rasant! Das hat zur Folge, dass die Fenster, in denen Reifen arbeiten, deutlich größer werden. Das wiederum gibt uns mehr Spielraum, um scheinbar diametral entgegengesetzte Eigenschaften wie Rollwiderstand, Laufleistung oder Geräuschemissionen zu optimieren, während die gleichen grundlegenden Eigenschaften wie Grip oder Nasshandling erhalten bleiben. Das Spektrum der neuen Materialien reicht von Füllstoffen und Polymeren über neue Mischungen bis hin zu recycelten Materialien.

Letztere werden angesichts knapper werdender Rohstoffe immer wichtiger - bieten sie die notwendigen Eigenschaften?

Paolo Brivio: Für die Kunden und das Marketing müssen wir erst einmal Maßstäbe setzen. Eco-Safe-Design ist unser Mantra und dabei gehen wir keine Kompromisse ein! Bei Winterreifen bedeutet das vor allem Grip und Nasshaftung. Die neuen Modellierungsmethoden und Materialien geben uns zusätzliche Möglichkeiten, Rezyklate stärker zu nutzen, Geräusche zu reduzieren und noch mehr auf Nachhaltigkeit zu setzen. In Zukunft wird aber auch der Komfort noch wichtiger werden. Und bei Elektroautos vor allem: Das Geräusch! Das ist immer noch ein Thema, vor allem bei Winterreifen. Deshalb haben wir den Cinturato 2 als “Champion of Noise" entwickelt. Es ist uns gelungen, das Abrollgeräusch um bis zu anderthalb Dezibel zu reduzieren - das ist eine Welt! Aber zurück zur Nachhaltigkeit: Auch die Lebensdauer konnten wir massiv erhöhen. Als Beispiel zeigen wir Ihnen gerne Verschleißtests mit der Lauffläche: Der neue Cinturato 2 hat nicht nur eine 30 Prozent höhere Laufleistung als sein Vorgänger. Am Ende seiner Lebensdauer hat er fast die doppelte Rillen- und Lamellendichte. Das bedeutet: Die Lenkpräzision bleibt viel länger erhalten.

Das heißt, Sie sparen Material und Gewicht und bieten trotzdem mehr Laufleistung?

Paolo Brivio: Genau! Wir konnten die Laufleistung um bis zu 35 Prozent steigern - das zahlt auch massiv auf die Nachhaltigkeit ein.

Inwieweit planen Sie den Einsatz von Recyclaten und alternativen oder nachwachsenden Rohstoffen?

Pierangelo Misani: Die Nachhaltigkeit und die Ökologie spielen eine zentrale Rolle in der Reifenentwicklung. Die große Herausforderung besteht darin, Materialien aus erneuerbaren Quellen zu entwickeln, welche die ständig wachsenden Anforderungen an die Reduzierung des Rollwiderstands, die Performance sowie die Laufleistung des Produkts ohne Kompromisse erfüllen. Eine zunehmend wichtige Rolle spielt selbstverständlich auch die Entwicklung von Materialien, die aus Recyclingströmen zurückgewonnen und generiert werden, um daraufhin in Reifen wiederverwendet zu werden. Das stellt einen Entwicklungsschwerpunkt dar.

In wieweit können in der Reifenbranche überhaupt geschlossene Stoffkreisläufe geschaffen werden?

Pierangelo Misani: Es ist eine enorme Herausforderung, aus einem Reifen nach Ende seiner Nutzung Materialien wiederzugewinnen und diese in einem Neureifen wiederzuverwenden, ohne Kompromisse bei der Leistung oder der Integrität einzugehen. Hier arbeitet man in verschiedene Richtungen, aber eines der vielversprechendsten Verfahren ist die Pyrolyse. Die Entwicklungen gehen in Richtung der Extraktion von Ölen und Ruß direkt aus der Pyrolyse und deren Verwendung in den Reifenmischungen. Man geht sogar noch einen Schritt weiter: Ein Ziel der Entwicklung ist es, zu den einzelnen Komponenten zurückzukommen, die dann im Folgenden zu neuen reinen Rohstoffen verarbeitet werden können.

das Interview führte Gregor Soller

Was bedeutet das?

Auch die Reifenbranche befindet sich im Umbruch - und muss weiterhin Gegensätze wie Grip und Rollwiderstandsarmut vereinen - hat dazu aber neue digitale Mittel. 

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