Meinungsbeitrag

Öffentliche Ladesäulen: Große Kisten mit Tentakeln

Warum müssen öffentliche Ladestationen wie Münzstaubsauger oder Parkautomaten aussehen, von denen schwarze Tentakel herabhängen?

Markus Anlauff ist Diplom-Designer und New Mobility-Experte bei Go Fore. | Foto: Anlauff
Markus Anlauff ist Diplom-Designer und New Mobility-Experte bei Go Fore. | Foto: Anlauff
Redaktion (allg.)

Bereits beim Anfahren des Ladeplatzes fällt mir das Paar auf, das unsicher auf dem Display der Säule herumtippt. Ich wundere mich, da gar kein E-Auto in der Nähe zu sehen ist. Auf mein Hilfeangebot erfahre ich, dass man gerade versucht, einen Parkschein zu ziehen. „Wir kommen von auswärts, wissen sie?“

Wir Elektroautofahrer haben uns inzwischen an die Unzulänglichkeiten der öffentlichen Ladesäulen gewöhnt. Aber wie wird die Technologie allgemein wahrgenommen, und warum sehen Ladesäulen eigentlich so aus, wie sie aussehen?

Wuchtige Blechkuben, die an Münzstaubsauger oder Parkautomaten erinnern und von denen schwarze Tentakel herabhängen. Meistens noch flankiert von gestreiften Metallpfosten in Signalfarben. Vermutlich hat man sich ursprünglich mal an der klassischen Zapfsäule orientiert. Jeder Hersteller baut seither nach eigenem Gusto, immer so, wie es günstig herzustellen ist.

Als positive Botschafter für eine innovative nachhaltige Technologie taugen diese Säulen nicht. Im Gegenteil: Studien belegen, dass viele Benutzer schon aufgrund der Erscheinung Berührungsängste haben, insbesondere bei feuchter Witterung oder im Dunkeln.

Die Bedienung ist zudem häufig wenig nutzerfreundlich gestaltet. In den seltensten Fällen findet man z.B. einen Blend- oder Regenschutz für das Display. Bei einigen unserer örtlichen Säulen ist der AC-Anschluss hinter einer Klappe auf der Seite versteckt. Genau da, wo das Pärchen die Parkscheinausgabe vermutete.

Vereinheitlichung hilft beim (ästhetischen) Vereinfachen

Da gesetzlich nur die Messung der Stromabgabe vorgegeben ist, ist offenbar nichts unmöglich. Dabei sind wir in Europa Normungsweltmeister. Brüssel schreibt vor, wie stark Bananen gekrümmt sein dürfen oder wo Traktorensitze angebracht werden müssen. Es gibt aber keine Normierung für die Position der Ladebuchse am Auto oder an der Ladesäule. Als Folge müssen die Säulen mit extralangen Kabeln aufwarten, um alle Fahrzeugecken erreichen zu können. Diese liegen dann unkontrolliert bis auf dem Pflaster und werden zur Stolperfalle.

Die öffentliche Möblierung ist in der EU sehr stark genormt - warum nicht die Ladesäule?

Sucht man einem Postbriefkasten, Wasserhydranten oder ein Taxi, hilft ein genormtes Farbschema. Bei der Suche nach einer Ladestation hat man es deutlich schwerer. In jeder Stadt findet man andere Bauformen und Farben. Die hilflos umhersuchenden Fahrer sind besonders in Parkhäusern ein Ärgernis.


Zuständig für Vorgaben ist die Nationale Leitstelle für Ladeinfrastruktur, sie fördert und überwacht den Ausbau in ganz Deutschland. Das Amt hat aber vorrangig den zahlenmäßigen Ausbau im Auge. Die qualitativen Mängel der Ladestellen werden wenig thematisiert. Die Erkenntnis, dass unbedingt auch die Bedienung und Erscheinung verbessert werden muss, ist oben noch nicht angekommen. Erfahrungen, Knowhow und Kreativität von Experten und Fahrern müssen gesammelt werden, nur so lässt sich eine bessere User Experience erreichen.

Was bedeutet das?

Ganz klar, eine vereinheitliche, schöne und benutzergerechte Gestaltung könnte letztlich auch die Ladesäule zur ästhetischen Ikone werden lassen, genauso wie einst die englische Telefonzelle.

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