Nissan Ariya: Zurück an die Strom-Spitze

Nicht nur mit neuem Antrieb, zwei Akkukapazitäten, Reichweiten von 300 bis 500 Kilometer will der Ariya wieder auf Augenhöhe mit Tesla fahren. Sondern auch auf den Feldern Konnektivität und Fahrerassistenz.

Doppelt neu: Mit aktualisiertem Logo und dem Ariya bläst Nissan zur Attacke. | Foto: Nissan
Doppelt neu: Mit aktualisiertem Logo und dem Ariya bläst Nissan zur Attacke. | Foto: Nissan
Johannes Reichel

Er soll nicht weniger als die Spitze der Stromer zurückerobern, die Nissan als Elektro-Pionier einst mit dem Leaf oder dem eNV200 einst einnahm: Der Ariya hat zentrale, wenn nicht entscheidende Bedeutung für den nicht erst durch die Corona-Krise schwer gebeutelten japanischen Hersteller. Gelingen soll das ab dem zweiten Halbjahr 2021 durch die Kombination der aus eigener Sicht "Kernkompetenzen" Elektro und Crossover, auf einer komplett neuen EV-Plattform, mit Fahrerassistenz auf hohem Niveau - und mit einem Design im "zeitlosen japanischen Futurismus" (O-Ton Nissan), das vor allem mit einem Element spielt, das Wertigkeit und Langlebigkeit suggeriert: Kupfer.

Abgekupfert wie bei den diversen Überarbeitungen des Nissan Leaf, der auf der weitgehend unveränderten alten Plattform allmählich in die Jahre kam, wurde also beim Ariya nicht mehr viel, sondern komplett neu angesetzt. Das betonen bei der virtuellen Live-Übertragung aus dem Nissan Pavillon im japanischen Yokohama nicht nur CEO Makoto Uchida und COO Ashwani Gupta, die ansonsten ihre "Leidenschaft" für Autos pointieren und den Ariya als Fahrzeug deklarieren, das das Leben der Leute bereichert. Sondern vor allem auch die Designer Alfonso Albaisa und Giovanny Arroba. Die neue Basis, die erstmals konzernweit, also auch bei Renault und Mitsubishi eingesetzt werden soll, habe es ermöglicht, vor allem den Frontüberhang drastisch zu reduzieren und den Innenraum durch einen flach bauenden Lithium-Ionen-Akku deutlich luftiger zu gestalten.

„Die äußeren Proportionen des Ariya zeigen, was mit der vollelektrischen Fahrzeugplattform von Nissan möglich ist“, erklärt Senior Design Director Giovanny Arroba“, meint  Senior Design Director Arroba.

Das soll aus seiner Sicht auch die neu entwickelte Zweifarblackierung „Akatsuki“ transportieren: Die Kombination aus Kupfer und einem schwarzen Dach unterstreicht den dynamischen Charakter des Elektroautos, während der Kupferton selbst auf die Leitfähigkeit und den Moment vor Sonnenaufgang und damit auf den Anbruch einer neuen Automobil-Ära hinweist, wie der Designer weiter schwelgt.

Flache Akkus für luftiges Raumgefühl

Wobei schon der Vorgänger Leaf es nicht an Platz mangeln ließ, eher an vielen kleinen Nicklichkeiten im Detail. Platz soll es also geben in Hülle und Fülle, der gegenüber dem Leaf zehn Zentimeter längere Kompakt-Crossover mit 4,59 Meter Länge, stämmigen 1,85 Meter Breite und noch vertretbaren 1,66 Meter Höhe soll im C-Segment so viel Raum bieten wie ein Mittelklasse-Fahrzeug. Vor allem soll der topfebene Boden à la Tesla vorne wie hinten sowie die schlanken Sitze für Luft und Beinfreiheit sorgen.

An Tesla erinnert übrigens auch die "cleane" Gestaltung des Armaturenbretts, das deutlich versachlicht wurde und aufräumt mit der etwas zusammengewürfelten und fisseligen Landschaft des Vorgängers. Es kommt weitgehend ohne klassische Bedienknöpfe und -schalter aus. Im zentralen Bereich gibt es lediglich kapazitive haptische Schalter für die Klimaanlage, die bei Berührung durch Vibrationen das gleiche Gefühl wie mechanische Schalter vermitteln sollen und erst bei eingeschaltetem Motor erscheinen. Das Kofferraumvolumen legt ebenfalls zu, von 385-435 Liter auf 468 Liter beim Fronttriebler sowie 415 Liter beim Allrad.
 

Neue Vielfalt: Zwei Akkus, Front- oder Allradantrieb

Womit man beim komplett neuentwickelten Herzstück, dem Antrieb wäre. Der Ariya kommt in zwei Antriebssträngen und Akkugrößen mit nutzbaren 63 kWh (65 kWh nominell) und 87 kWh (90 kWh nominell) sowie Front- und Allradantrieb. Der kombiniert einen zweiten Elektromotor an der Hinterachse, ist ebenfalls in beiden Akku-Kapazitäten erhältlich und differenziert in der Motorleistung von 205 über 225 bis hin zu 290 kW in der sogenannten Performance-Version. Von der Beschleunigung dürfte das kaum einen Unterschied machen: 5,9 oder 5,7 Sekunden auf 100 km/h. Zudem liegt das Drehmoment schon im "Basis-Allradler" bei 560 Nm statt 600 Nm.

Wichtiger ist hier: Die Anhängelast des weiter im C-Kompaktsegment angesiedelten Crossover steigt auf beachtliche 1.500 Kilo. Die Fronttriebler begnügen sich mit ebenfalls schon üppigen 300 Nm Drehmoment, bei Leistungen von 160 und 178 kW, je nach Akkugröße. Auch hier bestand nicht unbedingt Handlungsbedarf: Der Leaf fuhr 320 und 340 Nm bei 110 und 160 kW Leistung auf und beschleunigte völlig ausreichend nachdrücklich.

Knackigeres Eigenlenkverhalten

Die mittig unter dem Fahrzeug platzierte Hochvoltbatterie soll den Schwerpunkt weiter senken und für eine ausgewogene Gewichtsverteilung sorgen. Das flache Design des Batteriepacks und der im Akkugehäuse integrierte Querträger würden dabei nicht nur die Aerodynamik verbessern, sondern auch die strukturelle Steifigkeit. Die Aufhängung soll die elektrospezifischen Vorteile auf die Straße bringen so zum stabilen Handling und komfortablen Fahrverhalten beitragen. Am Heck setzt man dafür auf eine Mehrlenker-Hinterachse, eine spezielle Federung und mit Allradantrieb auch ein weiterer Elektromotor zum Einsatz. Hier orientierte man sich an der aktiven Drehmomentverteilung ATTESA E-TS aus dem Nissan GT-R sowie Patrol.

Nissan verspricht eine hochsteife Karosseriestruktur, die mit der reaktionsschnelle Zahnstangenlenkung für ein knackiges Einlenkverhalten sorgen soll, gepaart mit ausgewogener Gewichtsverteilung von 50:50 vorne/hinten, was wiederum zum deutlich agileren Kurvenverhalten beitragen soll, definitiv ein Manko des eher etwas schwammig und hochbeinig agierenden Leaf. Dank eines kompakten Wenderadius will der Ariya aber auch in der Stadt und beim Einparken eine gute Figur machen.

Endlich mit CCS-Standard laden

Geladen wird im DC in Europa endlich in CCS statt im japanischen CHAdeMO in DC und zwar mit bis zu 130 kW Leistung, binnen 30 Minuten sollen die Speicher auf 80 Prozent sein. Der AC-Lader zeigt sich mit 22 kW aber auch schon stark. Die Reichweite soll minimal bei 340 km liegen, im Bestfall der FWD-Version mit 87 kWh-Akku dann sogar bei 500 km, nach WLTP, wie der Hersteller anmerkt.

Rekuperation auch über die Hinterräder

Bei der Fahrerassistenz setzt man den im Leaf eingeschlagenen Weg mit dem ProPILOT fort: Das System hält Fahrspur, Geschwindigkeit und Abstand zu vorausfahrenden Fahrzeugen und bezieht jetzt auch Navigationshinweise und Kartendaten mit ein, um das Tempo frühzeitig an Geschwindigkeitsbegrenzungen oder Routenverläufe wie eine scharfe Kurve anzupassen. Der sogenannte ProPILOT Park soll selbst eine passende Parklücke suchen und in drei Schritten "einlochen" – parallel zur Fahrbahn oder vor- bzw. rückwärts in einer Parklücke. Besonders betont man das sogenannte "e-Pedal", mit dem der E-Crossover meist mit dem Gasfuß dirigiert wird, bei Nissan bis zum vollständigen Stillstand.

Auf rutschiger Fahrbahn wird das Fahrzeug mit Bremsen und Motorbremse gleichzeitig an allen vier Rädern sicher verzögert. Bei den mit e-4ORCE ausgestatteten Modellen wird das regenerative Drehmoment nicht nur auf die Vorderräder, sondern auch auf die Hinterräder verteilt. Der sogenannte Safety Shield bündelt schließlich Assistenten wie ein Notbremssystem, einen Querverkehrswarner mit Kollisionswarner beim rückwärtigen Ausparken und einen Around View Monitor für 360-Grad-Rundumsicht.

Konnektiviät auf neuem Level

In Sachen Konnektivität macht der Hersteller ebenfalls einen großen Schritt: Mithilfe der NissanConnect-App lässt sich der Ariya aus der Ferne temperieren oder die Route planen, inklusive Erinnerung an die rechtzeitige Abfahrt. Unter Berücksichtigung von Straßenverhältnissen und Verkehrsbedingungen werden außerdem alternative Routen vorgeschlagen. Die Türen entriegeln selbstredend automatisch. Ein Gimmick: Scheinwerfer und Rückleuchten, aber auch das neue und "digitaler" gestaltete Markenemblem leuchten zur Begrüßung auf. Beim Öffnen der Türen soll die Ambientebeleuchtung das komplette, übrigens als "loungeartig" beworbene Interieur in Szene sezen und mit ihrer "Andon"-Beleuchtung an japanische Kunsthandwerker erinnern. Fahrersitz, Lenkrad und die verschiebbare Mittelkonsole fahren automatisch in Position, sie nutzen hierfür das im Fahrzeugschlüssel (Intelligent Key) gespeicherte Fahrerprofil. Fehlt nur noch der Start über den - selbstverständlich - pulsierenden Knopf.

Sprachsteuerung mit natürlichem Verständnis

Als zentrales Bedien- und Informationselement dienen zwei 12,3 Zoll große Displays, direkt hinter dem Lenkrad und der zentrale Bildschirm daneben, die vernetzt sind. Dabei lässt sich zwischen den Anzeigen „blättern“ und diese sich zur besseren Ablesbarkeit sogar zwischen den Displays verschieben. Das zusätzliche Head-up-Display soll einen der größten Farbbildschirme in diesem Segment bieten.

Viele Funktionen kann man auch per Sprachbefehl steuern, mittels einer "hybriden" Spracherkennung, die natürliches Sprachverständnis haben soll. Aktiviert wird mit „Hallo Nisan“ oder „Hey Nissan“ und etwa Sehenswürdigkeiten („Points of Interest“) entlang der Fahrtroute abfragen. Auch die Musikwiedergabe und die Temperatureinstellung sind mittels Sprachbefehl möglich, ohne dass der Fahrer die Augen von der Straße nehmen muss. Die Technik ermöglicht eine normale Konversation, bei ungewöhnlichen Formulierungen soll die integrierte mobile Internet-Verbindung (4G) weiterhelfen. Man darf gespannt sein, was da noch alles folgt, auf dieser neuen Basis - von der man dann ruhig "abkupfern" kann.

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