Nissan Ariya: "Mehr als ein neues Auto und Logo-Tausch"

Im Gespräch mit VM kündigt die EV-Chefin Helen Perry einen grundlegenden Wandel an - und will mit dem Ariya die einstigen Marken-USPs Crossover und Elektro-Limousine vereinen.

Digitale Premiere: Im Nissan-Pavillon in Yokohama wurde der Hoffnungsträger der Marke offiziell und mit Livestream-Übertragung enthüllt. | Foto: Nissan
Digitale Premiere: Im Nissan-Pavillon in Yokohama wurde der Hoffnungsträger der Marke offiziell und mit Livestream-Übertragung enthüllt. | Foto: Nissan
Johannes Reichel

Bei einem Roundtable-Gespräch anlässlich der Präsentation des Nissan Ariya hat Helen Perry, seit 2019 Head of Electric Passenger Cars & Infrastructure bei dem japanischen Hersteller eine große Elektro-Offensive angekündigt. Im Rahmen des Strategieplans Nissan NEXT sollen bis zum Jahr 2023 75 Prozent der europäischen Fahrzeuge im Nissan-Portfolio elektrifiziert sein, in einem rasant hochlaufenden Markt, wie sie prognostiziert. Innerhalb von 18 Monaten sollen weltweit zwölf neue Modelle auf den Markt rollen. Bis zum Ende des Geschäftsjahrs 2023 soll der Absatz elektrifizierter und vollelektrischer Modelle in absoluten Zahlen auf mehr als eine Million Einheiten pro Jahr steigen. Parallel dazu will das Unternehmen autonome Antriebstechnik in über 20 Modellen in 20 Märkten anbieten und mehr als 1,5 Millionen entsprechend ausgestattete Fahrzeuge verkaufen.

"Mit dem Ariya geht mehr einher als ein neues Auto und ein bloßer Logotausch. Das wird ein Aufbruch für die ganze Marke, eine neue Ära", kündigte sie gegenüber VM an.

Mit dem Modell kombiniere man Kernprodukte der Marke, mit denen man eine Pionierrolle gespielt habe: Den Crossover Nissan Qasqai, der 2007 auf den Markt kam sowie den Nissan Leaf, von dem man in zehn Jahren eine halbe Million E-Fahrzeuge verkauft habe. Der Ariya sei nun beides: Ein vollelektrisch angetriebener kompakter Crossover. Auf dieser komplett neuen Plattform sollen künftig auch weitere Produkte der Allianz mit Renault und Mitsubishi basieren, kündigte Perry weiter an. Die Zusammenarbeit gerade mit Renault beim Thema E-Fahrzeuge soll deutlich verstärkt und synchronisiert werden.

 

Ab der zweiten Hälfte des nächsten Jahres soll die Elektrifizierung vor allem das jüngst präsentierte, rein elektrisch angetriebene Kompakt-Crossover-Modell Ariya treiben, das in fünf Antriebsvarianten respektive Leistungsstufen (160/178/205/225/290 kW) sowie zwei Akku-Kapazitäten kommt.

"Eigentlich handelt es sich dabei um mehrere Fahrzeuge in einem: Pendler-tauglicher Fronttriebler,  geländegängiger Allradler oder performanter Sportwagen", erklärt Thomas Chretien, Chief Marketing Manager für die BEV bei Nissan.

CCS für Europa, aber die meisten laden zuhause

Zudem verweist er auf die Möglichkeit, bei den beiden Versionen mit den jeweils zwei Akku-Größen von 63 und 87 kWh je nach Anwendungsfall zu differenzieren und das Fahrzeug mehr für den urbanen Einsatz oder sogar längere Reisen zu wappnen. Darüber hinaus krönt eine Performance-Variante als fünfte und besonders leistungsstarke Version die Baureihe. Die Reichweite soll beim 1,8 Tonnen schweren Fronttriebler zwischen 360 und 500 Kilometer liegen, beim 2,3 Tonnen schweren Allrad zwischen 340 und 460 Kilometer. Und schließlich verfügt das Fahrzeug über eine Schnellladeeinheit mit bis zu 130 kW Leistung sowie einen leistungsstarken AC-Bordlader mit 22 kW.

Bezüglich der Lademöglichkeiten sieht Perry im Übrigen für Europa den Standard CCS als essentiell für das neue Modell an, hält aber die ChaDEMo-Technik in Japan noch nicht für "tot". Generell hält die EV-Managerin die Debatte um öffentliche Ladeinfrastruktur für überschätzt: "80 Prozent der E-Auto-Fahrer laden zuhause", verweist sie und lenkt damit den Blick auf die zuletzt auch von diversen Verbänden wie dem VDA angemahnte Förderung privater Ladeinfrastruktur. Aus dem Grund habe man auch keine Pläne, etwa dem von deutschen Herstellern gegründeten HPC-Ladenetzwerk Ionity beizutreten.

Preis-Frage: Perry verweist auf Mehrwert zum Leaf

Zu den Preisen des Ariya äußerte sich Perry noch nicht konkret. Sie deutete aber an, dass man bei dem neuen Fahrzeug, das in Europa wohl auch den Leaf ersetzt, deutlichen Mehrwert realisiert habe. Er werde preislich  "im Herzen des C-Klasse-SUV-Segments" rangieren, wobei der Markt derzeit hochvolatil sei. Dafür erhält der Kunde etwa deutlich mehr Platz, ein agileres Handling, hochwertige Fahrerassistenz sowie Konnektivität und eine weit höhere Reichweite im Vergleich zum aktuellen Leaf. Laut Hersteller soll der Ariya auf 4,59 Meter Länge des Kompaktsegment soviel Platz bieten wie im D-Segment der oberen Mittelklasse. Das Kofferraumvolumen beträgt 418 Liter beim Allrad und 468 Liter beim Fronttriebler.

Generell setzt Perry bei den Elektrifizierungsplänen allerdings nicht nur auf reine Elektrofahrzeuge, sondern auch auf die in Japan bereits sehr erfolgreiche geschlossene Hybrid-Technologie, die Nissan unter der Bezeichnung e-Power auch nach Europa bringen will. Wie bei einem Range-Extender wird dabei die Batterie von einem Benzinmotor geladen, das Fahrzeug selbst fungiert immer als reines E-Modell, allerdings ohne externe Nachlademöglichkeit. "Das wird für viele Menschen der Türöffner in die reine Elektromobilität und in die BEV-Klasse", glaubt Perry.

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