Nio fährt fünf Milliarden Dollar Verlust ein

Erst kürzlich hat der chinesische Autohersteller einen ES8 nach Europa geholt, zugelassen und den Marktstart für 2021 festgezurrt – doch laut Automotive News China kämpft Nio mittlerweile ums Überleben.

Spätestens 2021 will Nio mit dem ES6 auch in Europa starten. | Foto: Nio
Spätestens 2021 will Nio mit dem ES6 auch in Europa starten. | Foto: Nio
Gregor Soller

Auch Nios Start verläuft viel holpriger als gedacht: Mittlerweile konnte das Unternehmen nach eigenen Angaben gut 20.000 Elektro-SUV verkaufen und sich in Chinas Edel-SUV-Segment mit alternativen Antrieben einen gewissen Namen erarbeiten, da scheint der Höhenflug jäh gestoppt worden zu sein. Denn während Tesla rund 15 Jahre „brauchte“, um fünf Milliarden Dollar Verlust einzufahren, hat Nio das binnen vier Jahren geschafft.

Zwei Analystenschätzungen gehen davon aus, dass die in Shanghai ansässige Nio Inc. im zweiten Quartal weitere 2,6 Milliarden Yuan (369 Millionen US-Dollar) verloren haben könnte. Womit die kumulierten Verluste des Unternehmens, das vom Technologiekonzern Tencent Holdings unterstützt wird, auf etwa 5,7 Milliarden US-Dollar ansteigen würden, seit es William Li 2014 gegründet hat.

Laut Automotive News China hat die schwache monetäre Performance von Nio mehrere Gründe, die teils nicht so ubekannt sind: Man kennt Ähnliches von anderen Newcomern sowie neue Modellanläufe etablierter Hersteller, als da wären: Einerseits laufen gern Entwicklungs- und Markteinführungskosten (inklusive Produktions- und Vertriebsstart) aus dem Ruder, dann gibt es Rückrufe und zu allem Übel entwickeln sich die Stückzahlen bei Weitem nicht so wie geplant. So auch bei Nio: Gut 20.000 Edel-SUV von den Abmessungen eines Mercedes-Benz GLS in China sind zwar ein Achtungserfolg, aber per se keine Großserie im Sinne der Autoindustrie. Außerdem hat China die EV-Bezuschussungen an allen Enden schnell und dramatisch zurückgefahren, was die Planungen der Start-ups zusätzlich erschwert.

Siyi Mi, Analyst bei Bloomberg NEF spricht von einer EV-Blase, die China selbst geschaffen hat, welche das Land aktuell selbst aber gerade wieder zum Platzen bringen könnte, denn die Investoren sind bezüglich Start-ups viel vorsichtiger geworden:

„Früher war Risikokapital hinter ihnen her, aber das ist nicht mehr der Fall."

Der Gesamtumsatz mit Elektrofahrzeugen in China, wo die Hälfte der weltweiten Elektroautos verkauft werden, ging im Juli erstmals zurück, nachdem die Regierung die Subventionen zurückgefahren hatte. Die Auslieferungen gingen im August erneut zurück, was Zweifel aufkommen lässt, dass eine der letzten Stärken des breiteren chinesischen Automobilmarkts, der in den letzten 15 Monaten um 14 Prozent gesunken ist, ins Wanken gerät.

China hat die Subventionen für Neufahrzeuge - rein elektrische Autos mit Brennstoffzelle und Plug-in-Hybride - seit 2017 schrittweise zurückgefahren, um der Branche mittelfristig dabei zu helfen, auf eigenen Beinen zu stehen und eine „Elektro-Blase“ eben zu vermeiden. Dies hat das Wachstum massiv abgeschwächt und die führenden chinesischen Elektroautohersteller wie BYD Co. dazu veranlasst, kürzlich davor zu warnen, dass die Gewinne sinken werden.

Was bedeutet das?

Noch sind weder Elektrofahrzeuge noch Start-ups fähig, die Stückzahlen zu generieren, die nötig wären, um solide wirtschaften zu können. Nachdem in China wegen der Subventionen ein regelrechter „Wildwuchs“ an neuen Elektro-Autoherstellern stattfand, beschloss die Regierung, die Subventionen massiv zu kappen. Das trifft jetzt auch Hersteller wie Nio, die ihre Produkte bereits gelauncht haben, aber noch nicht die Stückzahlen haben, um solide wirtschaften zu können. Die aktuelle Entwicklung in China dürfte aber auch bei Europas Autoherstellern die ein oder andere Sorgenfalte auf die Stirn bringen.

 

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