Nio baut erste Batteriewechsel-Station in Europa

Der chinesische Autobauer eröffnet zusammen mit Shell die erste Wechselstation in Norwegen.  

Akku-Wechselsystem von Nio, in Zukunft in Kooperation mit Shell. |Foto: Nio
Akku-Wechselsystem von Nio, in Zukunft in Kooperation mit Shell. |Foto: Nio
Thomas Kanzler

Das Auto parkt sich selbst ein, von unten aus dem Boden nimmt eine Maschine die leere Batterie aus dem Auto heraus und setzt die Neue ein. Das alles läuft automatisiert und dauert in etwa so lange, wie eine Betankung bei einem Verbrenner- in ca. vier Minuten ist der Akku-Tausch vollzogen. Das Konzept, den Stromspeicher nicht lange laden zu müssen sondern schnell wechseln zu können, erfordert den Aufbau einer eigenen Wechsel-Infrastruktur.

István Kapitány, Global Executive Vice President von Shell Mobility, sagte: „Die Dekarbonisierung ist eine globale Herausforderung, die weitreichende, facettenreiche Lösungen erfordert. Das bedeutet, dass wir Shell Recharge-Hochgeschwindigkeitsladen an NIO-Standorten anbieten und den Batteriewechsel an günstigen Shell-Standorten verfügbar machen und gleichzeitig NIO-Kunden unsere besten Ladelösungen für Privathaushalte und Unternehmen anbieten werden.“

Nio hatte bis Ende 2021 500 Standorte zum Akku-Wechsel angekündigt- und dieses Ziel weit übertroffen. In China wurde bereits die 700. Station in Betrieb genommen.

William Li, Gründer und CEO von NIO, sagte: „Die Zusammenarbeit zeigt die Entschlossenheit von Shell, die Energiewende zu beschleunigen, und das Engagement, weltweit zu einer nachhaltigen Entwicklung beizutragen. Wir glauben, dass die Zusammenarbeit zwischen NIO und Shell den Nutzern von Elektrofahrzeugen weltweit bessere Dienstleistungen und Erfahrungen bringen wird.“

Fast pleite und jetzt auf Wachstumskurs

Nio stand 2020 kurz vor dem aus, bevor chinesische Banken mit Krediten über umgerechnet 1,3 Milliarden Euro einsprangen. Im Jahr darauf meldete das chinesische Unternehmen, bereits 100.000 Fahrzeuge produziert zu haben. Auf dem Heimatmarkt sind aktuell neben dem 2021 vorgestellten Flaggschiff ET7 drei elektrisch angetriebene SUV-Modelle erhältlich. Die Verkaufszahlen wachsen rasant, nun soll der europäische Markt erobert werden.

Nio zuerst in Norwegen

Wie die meisten E-Fahrzeugbauer starteten sie ihre Europa-Strategie im Stromer-Land Norwegen. Seit Sommer 2021 ist dort der ES8 bestellbar, ein SUV ungefähr in der Größe des Audi Q7. Der ES8 wird als Sechs- und als Siebensitzer mit einem 100 kWh Akku ausgestattet sein, der laut WLPT bis zu 500 Kilometer Reichweite bieten soll. Etwas außerhalb der Hauptstadt Norwegens Oslo liegt nun die erste Batteriewechsel-Station Europas. Zuerst sollen die fünf größten Städte und einige verkehrsreiche Routen mit Stationen versehen werden. Zu der Wechsel-Möglichkeit wird auch ein eigenes Supercharger-Netzwerk entstehen. Die Stationen sollen gemeinsam mit Shell betrieben werden.

Luxuslimousine ab 2022 in Deutschland

Im vierten Quartal 2022 soll der Vertrieb in Deutschland beginnen. Hierzulande betreibt der chinesische Hersteller bereits ein Design-Studio und seine Europa-Niederlassung. In Deutschland soll im ersten Schritt der Nio ET7 angeboten werden. Die Limousine basiert auf einer weiterentwickelten Plattform der SUV-Modellen. Die Chinesen sehen den ET7 in Konkurrenz zu Tesla Model S, Mercedes EQE und dem kommenden Audi A6 E-Tron. In China wird der ET7 sogar mit Feststoff-Akkus angeboten und soll bis zu 1.000 Kilometer schaffen. Damit stellen die Chinesen selbst Tesla in den Schatten. Vergleichbare Reichweiten versprach zuletzt Mercedes mit dem gerade vorgestellten Forschungsfahrzeug EQXX.

"Im Jahr 2022 ist eins sicher: Wir werden unsere Autos in Deutschland sehen. Das ist 100 Prozent sicher", kündigte William Li an.

Auch die Nio Stationen mit Akku-Wechsel-Möglichkeit und Superchargern sollen in Deutschland aufgebaut werden. Im Rahmen eines Abo-Modells können Nio-Kunden leere Batterien innerhalb weniger Minuten austauschen oder konventionell aufladen.

Nio-Houses und Nio-Spaces

Nio sieht sich als Premium-Marke, die ihren Kunden unter anderem eigene mobile Service-Fahrzeuge und Hol- und Bring-Dienste bietet. In „Nio-Houses“ werden die Fahrzeuge präsentiert, zudem wird ein Gastronomieangebot geben. Kleinere „Nio-Spaces“ außerhalb der Metropolen sollen der Marke zu einer flächendeckenden Präsenz verhelfen. Bestellungen sind in Norwegen ab sofort möglich, ab März 2022 sollen die Fahrzeuge ausgeliefert werden. Die zugehörige Batterie kann gekauft oder gemietet werden. In Deutschland soll der Vertrieb im vierten Quartal 2022 starten.

Was bedeutet das?

Nio will in Europa eine komplette Infrastruktur für die Batterietauschstationen aufbauen. Eine Unternehmensberatung hatte die Kosten für den Ausbau einer dieser Stationen mit mehr als 100.000 Euro beziffert. Das Unternehmen wurde vor zwei Jahren mit viel Geld des chinesischen Staates gerettet. Jetzt hat Nio für seine Expansion nach Europa Shell mit ins Boot geholt, sollten aber nicht weitere Partner einsteigen, könnte das Konzept „Wechsel-Akku“ zum Scheitern verurteilt sein.

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