Netze BW-Ladeprojekt in Tiefgarage: So viel Strom braucht es gar nicht

Ein Versuch mit 60 E-Autos in der Tiefgarage eines Mehrfamilienhauses ergibt: So viel Strom ist gar nicht nötig, um die Fahrzeuge mit Energie zu versorgen. Voraussetzung: Intelligentes Lademanagement.

Von wegen Starkstrom: Um eine Flotte von 60 E-Autos zu laden, braucht es keine größeren netzseitigen Verstärkungen, ergab ein Versuch der Netze BW in Tamm. | Foto: Netze BW
Von wegen Starkstrom: Um eine Flotte von 60 E-Autos zu laden, braucht es keine größeren netzseitigen Verstärkungen, ergab ein Versuch der Netze BW in Tamm. | Foto: Netze BW
Johannes Reichel

Entgegen den allgemeinen Annahme lässt sich die Tiefgarage eines Mehrfamilienhauses auch ohne größere Netzverstärkungen für die Energieversorgung von Elektroautos nutzen. Das ist das Fazit eines Pilotprojekts des Verteilnetzbetreibers Netze BW in Tamm. Der Ladebedarf in einer elektrifizierten Tiefgarage war dabei mit einem Bruchteil der maximal abrufbaren Ladeleistung zu decken, die die E-Autos eigentlich abrufen könnten. Die maximale Ladeleistung von 124 kW in dem Gebäude war kein einziges Mal abgerufen worden.

Das Projekt der EnBW-Tochter ergänzt die theoretischen Modellen des Netzbetreibers in der Realität, in so genannten NETZlaboren. In einem 16-monatigen Feldtest, dem E-Mobility-Carré in Tamm bei Ludwigsburg, wurde untersucht, ob die bisherige Anschlussleistung auch für nachträglich in der Tiefgarage installierte Ladestationen noch ausreicht oder wie man bestenfalls ohne zusätzliche Netzverstärkungsmaßnahmen mit dem bestehenden Hausanschluss auskommt – und zwar ohne Komforteinbuße für die Bewohner*innen.

Läuft: Alle Nutzer stiegen für das Projekt auf E-Autos um

Für das Projekt in Tamm hatte die Netze BW die Tiefgarage der Wohnanlage Pura Vida mit 58 Ladepunkten ausgestattet und den Teilnehmer*innen 45 E-Autos für den täglichen Gebrauch zur Verfügung gestellt. Das Nutzerprofil reichte von Familien mit Kindern, über Paare und Rentner und bildete Gelegenheits- wie Vielfahrer ab. Diese hatten ihren Benziner oder Diesel zeitweise stillgelegt und waren binnen kürzester Zeit nur noch elektrisch unterwegs, mit wachsender Begeisterung, wie der Netzbetreiber erfreut berichtet. Im Schnitt brachte es Teilnehmer am Versuch auf eine monatliche Fahrleistung von 1.100 Kilometern, trotz Homeoffice und coronabedingten Einschränkungen ein beachtlicher Wert. Die Projektfahrzeuge seien inzwischen zwar wieder abgeholt worden, viele der Tammer „E-Pionier*innen“ überlegten aber, sich jetzt ein Elektroauto zuzulegen, bilanziert der Betreiber.

Intelligentes Lademanagement glättet Lastspitzen

In dem Projekt ging es im Schwerpunkt auch darum, wie sich der Hausanschluss von Mehrparteien-Wohnobjekten für den zusätzlichen Verbrauch durch Ladestationen optimieren lässt. Ein idealer Anschluss stelle ausreichend Leistung zur Verfügung, ohne überdimensioniert zu sein, so die Feststellung. Das wäre allerdings der Fall, wenn man davon ausgehen würde, dass dort alle E-Autos zur selben Zeit geladen würden.

Jedoch habe sich E-Mobility-Carré gezeigt, dass nie mehr als 13 Ladevorgänge parallel stattfanden – bei insgesamt 58 zur Verfügung stehenden Ladepunkten. Die sich auf das Netz belastend auswirkende „Gleichzeitigkeit“ betrug also lediglich 22 Prozent. Damit lag der Wert noch deutlich unter den bei einem ähnlichen Feldtest in Ostfildern gemessenen 50 Prozent. Fast während der Hälfte der Zeit wurde sogar überhaupt kein Auto geladen.

"Das zeigt das Potenzial von flexibilisierten Ladevorgängen. Wichtigstes Instrument dafür war ein für das Projekt installiertes intelligentes Lademanagementsystem", so der Betreiber.

Damit habe man die Anschlussleistung der Ladepunkte absenken und so Lastspitzen reduzieren können. Bestehende Netzanschlüsse von Mehrfamilienhäusern ließen sich dadurch optimal ausnutzen. Darüber hinaus gebe ein intelligentes Lademanagement Netzbetreibern zukünftig Zeit für sinnvolle, effiziente und nachhaltige Netzverstärkung. Dafür müsse lediglich zeitweise eine etwas längere Ladezeit in Kauf genommen werden. Dadurch hätten sich aber über 90 Prozent der Projektteilnehmerinnen und -teilnehmer überhaupt nicht eingeschränkt gefühlten, eine weitere wichtige Erkenntnis aus dem E-Mobility-Carré, zieht der Betreiber Bilanz.

Schulterschluss zwischen Politik, Wissenschaft und Energiebranche

Für die Transformation seien gleichermaßen Politik und Wissenschaft aber auch andere Wirtschaftszweige wie die Energiebranche gefragt, erklärte Martin Konermann, Technischer Geschäftsführer der Netze BW.

„Wir sind zu diesem Schulterschluss gerne bereit, um einen wichtigen Beitrag zur Mobilitätswende zu leisten", bekräftigte er. 

In Projekten wie das in Tamm werde die Grundlage dafür geschaffen. Denn damit die Elektromobilität hierzulande eine Erfolgsstory werde, brauche es ein leistungsfähiges und weiterhin zuverlässiges Stromnetz, so Konermann weiter.

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