MSC: Seefrächter unter Top-Verschmutzern in EU

Interessantes Ranking der NGO T&E: Wäre die Schifffahrt im EU-Emissionssystem, läge der Gigant MSC auf Platz 6, hinter zahlreichen deutschen Kohlemeilern. Jüngste Verhandlungen der IMO für mehr Klimaschutz in der Schifffahrt und einen CO2-Preis scheiterten allerdings. Neben grünem H2 gilt Ammoniak als Hoffnungsträger.

Alles relativ: Die Großreederei MSC sieht die Schifffahrt als die "grünste Form des Massengütertransports". Man sei sich aber bewusst, dass die internationale Containerschifffahrt Auswirkungen auf das Klima habe, erklärt MSC in einer Pressemitteilung. | Foto: MSC
Alles relativ: Die Großreederei MSC sieht die Schifffahrt als die "grünste Form des Massengütertransports". Man sei sich aber bewusst, dass die internationale Containerschifffahrt Auswirkungen auf das Klima habe, erklärt MSC in einer Pressemitteilung. | Foto: MSC
Johannes Reichel

Die Umweltdachorganisation T&E hat in ihrer jüngsten Analyse auf die ungeachtet der Corona-Pandemie hohen Emissionen der Schifffahrt hingewiesen und die EU aufgefordert, die Betreiber für ihre Verschmutzung bezahlen zu lassen sowie ein System für "grünen" Treibstoff aufzusetzen. In einem Ranking kommt die Organisation zu dem Schluss, dass ein Unternehmen wie die italienisch-schweizerische Containerschiff- und Kreuzfahrtsbetreiber MSC im Hinblick auf den CO2-Ausstoß auf den sechsten Platz käme, wäre der Sektor Bestandteil des Energieemissionshandels der EU (ETS). Die Plätze zwei bis fünf werden dabei unrühmlich von deutschen Kohlemeilern belegt, trauriger Emissionsspitzenreiter in der EU ist mit großem Abstand das polnische Megakohlekraftwerk Belchatow.

Zum dritten Mal in Folge sei der größte Emittent unter den Reedereien in die Top 10 der Verschmutzuer in Europa aufgestiegen, kritisierte Jacob Armstrong, Sustainable Shipping Officer bei T&E. Das sei emblematisch für eine Industrie, die keinen Cent für ihre Verschmutzung zahlen würde. Dass eine Schiffahrtsgesellschaft sogar Kohlekraftwerke überholt, zeige, dass "weiter wie bisher" nicht mehr funktioniere. Es brauche einen EU-weiten Kohlenstoffemissionsmarkt, der die Schifffahrt zwinge, für ihren Ausstoß aufzukommen.
 

Größte Verschmutzung auf außereuropäischen Routen

Laut der T&E-Analyse erfolgte der größte Teil der Verschmutzung der fünf größten Reedereien auf Fahrten zwischen europäischen und Nicht-europäischen Häfen, mit einer Spanne zwischen 65 und 79 Prozent. Im Laufe des Juli wollte die EU-Kommission bekanntgeben, ob die Unternehmen künftig Verschmutzungsrechte und Zertifikate erwerben und mit der Nutzung von grünen Kraftstoffen auf außereuropäischen Routen beginnen müssten. Diese sorgen laut T&E für den größten Schaden am Weltklima durch die europäische Schifffahrtsindustrie.

Nachhaltige Kraftstoffe für Schiffe etablieren

Alles andere als ein CO2-Markt für außereuropäische Routen ließe die größten Reedereien vom Haken und bürde den kleineren Betreibern, die großteils innereuropäisch unterwegs sind, die Last auf. Es würde zudem die Einnahmen aus dem EU-Emissionshandel verhindern, die man für die "Begrünung des Sektors" reinvestieren könne, mahnte Armstrong weiter. Die EU-Kommission will am 14. Juli ihre Vorschläge zum Green Deal und Klimaschutzprogramm präsentieren, die auch die Schifffahrt in das EU-CO2-Handelssystem integrieren und das weltweit erste Mandat für nachhaltige Kraftstoffe in der Schifffahrt etablieren soll (Fuel Maritime Regulation).  

Aufgeschoben: Jüngste Gespräche gescheitert

Erst vor kurzem waren die Gespräche im Rahmen der UNO-Organisation für globale Schifffahrt IMO in London gescheitert, bei denen man sich auf den Einstieg in einen weltweiten CO2-Preis im Sektor einigen wollte. Die vorgeschlagenen 100 Dollar pro Tonne sollen nun wenn überhaupt frühestens in zwei Jahren beschlossen werden. Auch eine kleine Abgabe von zwei Dollar zur Entwicklung neuer Kraftstoffe kam nicht durch, obwohl von den Reedereien selbst ins Spiel gebracht. Hinter den Kulissen hatten vor allem Russland, China, Brasilien und Saudi-Arabien weitergehende Beschlüsse blockiert, die von EU-Staaten und den USA verfochten worden waren.

Ambitionsfreie Beschlüsse

Die beschlossenen Maßnahmen, beispielsweise für höhere Effizienzlevels für die Bestandsflotte, gelten als wenig ambitioniert. Die Frachtschifffahrt stößt in etwa eine Milliarde Tonnen CO2 aus, was 2,5 Prozent der Gesamtemissionen auf der Erde entspricht. Nähme man die Branche als Land in ein Ranking, belegte sie Platz 6 der größten Emittenten an Kohlendioxid, just ranggleich mit der Bundesrepublik Deutschland. Ungeachtet dessen gilt das Schiff aber auf die Tonne gerechnet als effizientes Transportmittel, etwa auch im Vergleich zum Lkw.

Pariser Abkommen: Schiff- und Luftfahrt ausgeklammert

Dennoch ist der Beitrag relevant, allerdings wie die Luftfahrt nicht ins Pariser Abkommen integriert. Schließlich operierten beide Sektoren über Landesgrenzen hinweg, so die Argumentation. Daher hätte die IMO eigene Klimaziele setzen sollen. Bisher will man lediglich eine Halbierung der CO2-Emissionen zu 2008 bis 2050 erreichen. Notwendig für das 1,5-Grad-Ziel wäre allerdings ein komplett klimaneutraler Betrieb der Schiffsflotten.

"Die Ergebnisse der Klimaverhandlungen sind extrem enttäuschend. Bei den kurzfristigen Maßnahmen hat man sich auf ein Weiter-so geeinigt, statt schnell wirksame Maßnahmen für die globale Schifffahrt zu beschließen", zeigt sich Beate Klünder, Expertin für Schifffahrt beim Nabu, ernüchtert.

Sie befürchtet, dass die Emissionen der Branche bis 2030 um noch einmal 16 Prozent zulegen, auf ähnlichem Niveau wie die ursprüngliche Prognose. Darüber hinaus verweist die Expertin darauf, dass man nicht nur auf CO2, sondern auch die anderen schädlichen Emissionen der Schifffahrt achten müsse, allen voran Stickoxide.

"Auf der Suche nach dem klimaneutralen Kraftstoff der Zukunft dürfen andere Emissionen nicht aus dem Blick geraten. Wir brauchen eine strenge globale Abgasregulierung, um gesundheitsschädliche Stickoxidemissionen, die bei der Verbrennung von Ammoniak aber auch von den heute genutzten fossilen Kraftstoffen entstehen, zu reduzieren", erklärte die Nabu-Spezialistin.

Die Bundesregierung müsse sich bei der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation (IMO) neben der Regulierung der Klimagase dafür einsetzen, dass auf allen Weltmeeren unverzüglich ein Stickoxidkontrollgebiet eingerichtet werde, fordert Klünder weiter, um den Weg hin zur komplett emissionsfreien Schifffahrt zu ebenen. Eine solche Regulierung könne bei der IMO unverzüglich angestoßen werden, da dies eine bewährte Maßnahme sei, die bereits in Nord- und Ostsee und den amerikanische Küstengewässern greife.

Ammoniak hätte Potenzial - ist aber auch hochgiftig

Seit einiger Zeit wird grüner Ammoniak neben grünem Wasserstoff und Methanol als emissionsfreier Treibstoff für die Schifffahrt diskutiert. Die Umweltorganisation hat dazu beim Ökoinstitut eine Studie in Auftrag gegeben, mit der untersucht wurde, unter welchem Maßgaben Ammoniak als Treibstoff der Zukunft eine Rolle spielen könne. Die Ergebnisse häten zwar ein hohes Potenzial des Energieträgers für Klimaschutz gezeigt und sei aus Sicht der Luftreinhaltung empfehlenswert. Allerdings unter der Voraussetzung, dass sowohl das klimaschädliche Lachgas als auch gesundheitsschädliche Stickoxidemissionen durch SCR-Katalysator eliminiert würden. Außerdem bedürfe es hoher Sicherheitsvorschriften, um eine Leckage zu verhindern, denn Ammoniak ist hochgiftig, mahnt der Nabu.

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