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Mobilität und Bauen: Attraktiver ÖPNV als Schlüsselfaktor

Zum Beispiel München: Bei einer Diskussionsrunde des Bauträgers BHB wird deutlich, wie wichtig in boomenden Ballungsräumen intelligente Planung von neuen Quartieren ist, damit Anwohner auch ohne Auto mobil sind - oder Pendlerströme erst gar nicht entstehen. Und warum es Sinn macht, Metropolregionen zu betrachten wie ein Skigebiet.

Bauen und Mobilität hängen eng zusammen: Das war Thema beim BHB-Podium "Im Puls der Stadt" am Münchener Nockherberg. | Foto: J. Reichel
Bauen und Mobilität hängen eng zusammen: Das war Thema beim BHB-Podium "Im Puls der Stadt" am Münchener Nockherberg. | Foto: J. Reichel
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Johannes Reichel

Es ist Fluch und Segen zugleich: Jahrelang hat man darauf hingearbeitet, dass die München und seine Region zu einem attraktiven Wirtschafts- und Wohnstandort wird. Und jetzt, da es so weit ist, ächzt man unter der Last von Pendlerströmen und Verkehr, für den die Infrastruktur nicht gewappnet ist. 650.000 Menschen pendeln täglich rund um die bayerische Landeshauptstadt, zwei Drittel davon in die Stadt, ein Drittel in die Gegenrichtung, wie 2. Bürgermeister Manuel Pretzl (CSU) bei einer Veranstaltung der BHB Bauträger Bayern GmbH "Im Puls der Stadt - Die Infrastruktur, die das Herz versorgt" am Münchener Nockherberg, berichtete. Doch München steht hier "pars pro toto" - genauso könnte man auch über die Metropolregion Rhein-Main rund um Frankfurt, über Hamburg, Berlin oder Stuttgart sprechen, wie überhaupt die Urbanisierung einer der Megatrends ist, die die Verkehrsplaner vor größte Herausforderungen stellt. "Positive Herausforderung", wie Wolfgang Wittmann, Geschäftsführer der Europäische Metropolregion München e.V. betont. Aus seiner Sicht der zentrale Hebel bei der Lösung dieser Probleme: Ein leistungsfähiger und effizienter ÖPNV. "Eine Metropolregion ist wie ein Skigebiet", zieht Wittmann eine Analogie, die nur auf den ersten Blick seltsam erscheint.

"Niemand käme heute noch auf die Idee, einzelne Liftkarten bei jedem Bauern zu kaufen. Hier hat meine eine Karte für ein ganzes Netzwerk aus Pisten, etwa im Zillertal oder bei Ski Amadé", erläutert der Metropolexperte.

Vorbild City-Ticket: Was inklusive ist, nutzt man auch

Es könne nicht sein, dass man als Pendler von Augsburg nach München, so weit reicht die Metropolregion mindestens, erst für den ÖPNV in Augsburg, dann für den ICE der DB und anschließend für den MVV in München drei Tickets bräuchte. Aus seiner Sicht ist die Integration von City-Tickets in ICE- oder Konzerttickets schon mal ein guter Ansatz. "Wenn das inklusive ist, dann lässt man vielleicht doch sein Auto stehen", meint Wittmann. Außerdem sei die Maßnahme eines Verbundtickets vergleichsweise leicht und schnell umsetzbar. Dann müsse man nur noch an der Vernetzung der Verkehrsträger arbeiten, die Wittmann auch für wesentlich hält.

Pretzl: Anbindung des ländlichen Raums nicht vergessen

Manuel Pretzl hält es in dem Kontext für essentiell, auch den ländlichen Raum nicht zu vergessen und leistungsfähige Park&Ride-Plätze mitzuplanen, an denen Pendler von weiter außerhalb ihre Fahrzeuge "mit einer gewissen Infrastruktur wie Cafe oder Einkauf" abstellen können und weiterfahren. Auch für Konzepte wie Park&Bike, etwa mit E-Bikes auf den letzten Weg in die Innenstadt zu gehen, zeigte er sich ebenso offen wie für die neuen E-Tretroller auf der letzen Meile, "wenn's zum Laufen zu weit ist".

"Nur mit attraktiven Angeboten bringen wir die Leute aus den Autos, nicht mit Verboten", glaubt der Münchener Bürgermeister. Für ihn kommt noch dazu, dass die Pünktlichkeit der Verbindungen verbessert werden müsse.

Appell: Baut mehr Tiefgaragen

Klar ist für ihn aber auch, dass es in einer wachsenden Stadt weniger Platz gibt für motorisierten Individualverkehr und man mehr auf Sharing setzen müsse. Gleichwohl glaubt er: "Das Auto erfreut sich ungebrochener Beliebtheit. Wir verzeichnen Höchststände bei den Zulassungszahlen, in einer reichen Stadt wie München geht der Trend zum Drittauto". Um diesen gewaltigen Fuhrpark - in München sind etwa 800.000 Fahrzeuge im Bestand - unterzubringen, führt für Pretzl kein Weg an mehr Tiefgaragen vorbei.

"Man kann das ja alles machen mit autofreier Altstadt und mehr Platz für den Radverkehr. Aber dann muss man den Leuten auch sagen, wo sie ihre Autos unterbringen können. Außerdem ist das ein gutes Investment, auch im Hinblick auf autonome Autos, die sich ja auch irgendwo versorgen müssen", meint der CSU-Mann und fordert Kompensation für jeden wegfallenden Stellplatz.

An der Stelle erntet er allerdings Widerspruch von Seiten des Bauträger-Vertreters. Die BHB-Geschäftsführerin Melanie Hammer sieht durchaus eine Umwertung bei der jüngeren Generation, die nicht mehr unbedingt ein eigenes Auto besitzen müsse.

"Außerdem sind Tiefgaragen extrem teuer, wir subventionieren das quasi quer in unseren Bauprojekten. Das Thema Auto ist immer noch dominant bei Planungen", hält Hammer Pretzls Idee, doch einfach unter die Erde zu gehen, entgegen.

Bauträger: Wohnen und Arbeiten zusammen denken

Aus ihrer Sicht ist neben einem attraktiven und von Anfang an mitgedachten ÖPNV-und Rad-Angebot und stärkerem Fokus auch platzsparende Sharing-Angebote, Quartiere möglicherweise so zu planen, dass die großen Pendlerströme erst gar nicht entstehen. Die Problematik liege großteils in den getrennt geplanten Strukturen. Mit Verweis auf ein neu geplantes "urbanes Gebiet" in Neuperlach, bei dem man versucht, Wohnen und Arbeiten wieder besser in einem Viertel zu vereinen, führt sie die Potenziale solcher Ansätze für die Mobilität an.

"Menschen sind in einem Umkreis von maximal 500 Metern bereit, sich zu Fuß zu bewegen. Alles darüber hinaus zwingt zur Wahl eines wie auch immer gearteten Verkehrsmittels", so ihre Erfahrung aus vielen Projekten.

Wobei sie auch nicht verschweigt, dass oft große Widerstände der angestammten Bevölkerung bestehen gegen verkehrsinfrastrukturelle Maßnahmen. Als Bauträger sei man hier in einer Vermittlerrolle.

Schnelles Internet doch an jeder Milchkanne!

Beim Thema Wohnen und Arbeiten wiederum pflichtet ihr auch CSU-Mann Pretzl bei: "Wir müssen auch viel stärker über Home-Office-Modelle nachdenken, um die Pendlerproblematik in den Griff zu bekommen". Er berichtet von großen Münchener Unternehmen, die nur noch für 50 bis 60 Prozent der Mitarbeiter einen festen Arbeitsplatz bereithielten. "Aber dann brauchen wir eben auch: Schnelle Internetverbindungen. Und wir brauchen Glasfaser und 5G eben doch an jeder Milchkanne", fordert er im Gegensatz zur Strategie der CDU-Bundeswissenschaftsministerin Anna Karliczek. 

Überhaupt glaubt Pretzl vor allem an technologische Lösungen:

"Wir haben in manchen Quartieren immer noch 70 Prozent Parksuchverkehr. Und unser Parkleitsystem besteht aus einer Vor-Ort-Anzeige, wie viele Parkplätze im Parkhaus X noch frei sind. Das kann es nicht sein", meint der CSU-Politiker und fordert digitale Aufrüstung zur Parkplatzsuche.

"Macht mehr miteinander", so lautet schließlich der Schlussappell und die Empfehlung von Metropol-Experten Wittmann, um dem Siedlungsdruck zu begegnen. Er veranstaltet zum Beispiel demnächst einen "Sharing-Gipfel" aller beteiligter Anbieter. Und mahnt: "Wir dürfen keine Angst vor dem Wachstum der Region haben. Aber wir müssen für eine ausgeglichene Entwicklung sorgen".

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