Mercedes Konzept eSprinter Sustaineer: Nachhaltig liefern

Mit einem Technologieträger wollen die Schwaben aufzeigen, was in der nächsten Generation Sprinter kommen könnte. Features wie die Schwingtür, Kameraspiegel, Solarpaneele oder Feinstaubfilter bündeln bekannte Ideen in einem Modell.

Ideen-Geber: Mercedes-Benz Vans bündelte diverse Features in einem E-Van - Redakteur Reichel zeigte sich vor allem von den Solarpanelen und der automatischen Schwenktür angetan. | Foto: Daimler/Dirk Weyhenmeyer
Ideen-Geber: Mercedes-Benz Vans bündelte diverse Features in einem E-Van - Redakteur Reichel zeigte sich vor allem von den Solarpanelen und der automatischen Schwenktür angetan. | Foto: Daimler/Dirk Weyhenmeyer
Redaktion (allg.)
von Johannes Reichel

Mercedes Benz Vans hat einen Technologieträger für einen nachhaltigen City-Transporter auf Basis des eSprinter vorgestellt. Beim sogenannten Sprinter Sustaineer realisiert der Hersteller neben dem vollelektrischen Antrieb verschiedene weitere Ideen, die das Fahrzeug für eine City-Belieferung prädestinieren sollen. Dem Umweltaspekt tragen etwa ein während der Fahrt und beim Laden aktiver Feinstaubfilter am Frontmodul sowie ein passiver Sammler im Unterboden bei, der die fahrzeugeigenen und fremden Partikel auffängt.

Feinstaub: Der Van, der hinter sich sauber macht

Apropos: Der eigene Feinstaub, etwa auch durch die Bremsscheiben, soll mittels Keramikbelag per se reduziert sein, zudem will man auch die Spritsparpneus besonders abriebfest gestaltet haben. Und sowieso verzögert das E-Fahrzeug tendenziell weniger über die Betriebsbremse, sondern in vielen Fällen des Alltags per Rekuperation. In Summe sollen sie mit dem Filterspezialisten Mann + Hummel entwickelten Filter bilanziell zusammen bis zu 50 Prozent der vom Fahrzeug emittierten Partikel aufnehmen können, bei geringem zusätzlichen Energieverbrauch des Systems übrigens. Freilich sieht das Konzept dann turnusmäßige Wechselintervalle für den Filter vor. Selbstverständlich wird aber auch die Innenluft noch separat gefiltert. Man erreiche hier fast Hepa-Qualität, wirbt ein Vertreter des schwäbischen Filterspezialisten, der ein ähnliches Konzept vor Jahren schon einmal anhand eines StreetScooter Work dargestellt hatte.

Auch für Euro-7-Norm eventuell relevant

Das Filter-Feature könnte auch relevant werden, wenn die Spezifikationen der Euro-7-Norm auch die Gesamtfahrzeugemissionen, nicht nur die des Motors, berücksichtigen. Laut Mann + Hummel machen die Abgasemissionen nur etwa zwölf Prozent des Feinstaubaufkommens aus, je etwa ein Drittel geht auf das Konto von Reifen- und Bremsabrieb sowie dem allgemeinen Aufkommen an Straßenstaub. Und: Das System arbeitet umso effektiver, je schlechter die Umgebungsluft ist.

Lichte Momente: Im Stehen Energie ziehen

Auf dem Dach des Fahrzeugs sind zudem mit dem Fraunhofer ISE entwickelte Solarpaneele verbaut, die in dem E-Van für bis zu 1.000 Kilometer zusätzlich sorgen sollen, im Bestfall etwa südlichen Einsatzgefilden sogar bis zu 3.800 Kilometer. Die extrem flachen Solarmodule fügen sich anstelle des Blechs an die Spriegel aufgeklebt nahtlos in die Dachkontur und produzieren auch bei deaktivierter Zündung Energie. Oberhalb der Kabine sind sie in 3D-Formung in einen Ausschnitt im Blech eingefügt. Die monochristallinen Zellen sind anders als etwa beim Münchner Solarautospezialisten Sono Motors nicht glatt in Kunstharz eingefügt, sondern in eine außen geriffelte Oberfläche, was die Effizienz weiter erhöhen soll auf 22,3 Prozent. Die Module erstrecken sich auf 4,8 m², könnten auch noch an Seiten und Heck erweitert werden. Allerdings muss man mit dem etwa 1,5-fachen des jeweiligen Blechgewichts rechnen, was die Nutzlast entsprechend schmälert.

Schwierige Produktion nach Ausverkauf der Solarindustrie

Ein Engpass ist hier sowieso eher die Produktionsseite: Nach dem Abwandern der Solarindustrie sei es schwierig einen heimischen Produzenten mit entsprechender Skalierungskompetenz für die Module zu finden, meint ein Verantwortlicher. Dennoch könnte das Features als Option im nächsten E-Sprinter Eingang finden, wenn man die Produktionsfrage klärt. Schließlich ließe sich hier im Stand Energie für die Akkus sammeln und ein Business Case darstellen, wirbt der Ingenieur. Apropos Licht-Blicke: Der Fahrer wird in seinem Wohlbefinden per in die Sonnenblende integriertem „Daylight+“-Lichtmodul unterstützt, das tageslichtähnlich sein und ihn dadurch länger aufmerksam halten soll.

Wertschöpfungskreislauf statt einer -kette

Darüber hinaus will man mit speziellen Materialen an dem Fahrzeug die Idee der Kreislaufwirtschaft veranschaulichen: Diese stammen aus Recycling oder nachwachsenden Rohstoffen, von der Kabine mit einem Lenkrad aus Biokunststoff, über den Laderaum mit Verkleidungen aus Strohplatten und recycliertem Polypropylen bis hin zum Unterboden mit Geräuschflies, das auf den Textilfasern von Altautoreifen gewonnen wird. Das große Ziel: Weg von der vielzitierten Wertschöpfungskette, hin zum Wertschöpfungskreislauf. Die Schwaben reklamieren nicht weniger als die Entkoppelung des Ressourcenverbrauchs vom Wachstum beim Absatz.
 

Langlebig: Der Akku soll segmentweise reparierbar sein

Falls doch einmal ein Schaden an einer der Fahrbatterien auftritt, will der Hersteller dem mit einem Reparaturkonzept Sorge tragen. Das soll ab dem zweiten Halbjahr 2022 sukzessive eingeführt werden, bei Ausfall einzelner Zellen in einem Akku greifen und den Lebenszyklus der Batterie verlängern – bevor dieser ins „second life“ etwa als Heimspeicher geht.  

Bekannt, aber weiter verfeinert wurde auch das Prinzip des körpernahen Heizens, das die Bordheizung entlasten und damit die Reichweite steigern soll. Jetzt wird neben dem Lenkrad nach dem Vorbild der Benz-Pkw jedenfalls auch der Gurt in drei Stufen und an die Sitzheizung gekoppelt erwärmt und die Klimatisierung arbeitet zonenbezogen und heizt erst den Raum um den Fahrer auf, um Energie zu sparen.

Statt Spiegel: Kamaralinsen sparen Sprit und weiten den Blick

Wie beim Lkw-Flaggschiff Actros bereits in Serie erhältlich überträgt man jetzt das Konzept der Kameraspiegel auch auf die Transporterklasse, auch hier in Kooperation mit Spiegelspezialisten Mekra Lang. Die Rückblicker in Form zweier ultraflacher OLED-Screens, die in die Windschutzscheibe geklebt werden, sollen zum einen ein größeres Sichtfeld abdecken, zum anderen durch eine verbesserte Aerodynamik Sprit sparen. Drei bis vier Prozent im WLTP-Zyklus soll sich so an Energie sparen lassen, den Energieverbrauch der OLEDs bereits mit einberechnet.

Zudem wiegt das System zwei Kilo weniger als die mechanischen Spiegel. Aus dem Vito bekannt ist der digitale Innenspiegel, der hier noch ergänzt wird durch eine Cargo Cam, die als Segment aktiviert werden kann und ein Bild des Laderaums auf das Sichtfeld wirft. Das „hybride“ System kann aber auch als „normaler“ Spiegel verwendet werden per Abblendtaste. Auch bei Nacht sollen die Systeme ein sogar besseres Bild liefern als die „analogen“ Pendants.

Statt Schulterblick: OLED-Screen im Laderaum

Daneben sorgt ein „Sidewalk-Monitor“, die Seitenkamera gekoppelt an ein zusätzliches Display im Laderaum, für mehr Übersicht beim Aussteigen. Das passiert wahlweise durch die sogenannte „Speed Delivery Door“. Diese ist sensorgesteuert, öffnet und schließt automatisch und nebenbei sehr rasant per Lichtschrankenimpuls und ist zudem deutlich leiser als eine normale Schiebetür, ein Goodie, das der Hersteller schon mehrfach gezeigt hat und das als Extra für Kastenwagen im Sprinter bereits erhältlich ist. Allenfalls die Stufe in den Laderaum ist hier etwas hoch, aber dieses Schicksal teilt der Sustaineer-Sprinter mit den frontgetriebenen Geschwistern.

Nächste Schritte: eSprinter Generation II kommt 2023

Ob und wann die weiteren Features in die Serie finden, das steht allerdings noch nicht fest. Die nächsten Schritte, das hat Mercedes-Benz-Vans-Chef Marcus Breitschwerdt schon mal angedeutet, sind jedenfalls der Launch des verbesserten und „versatilen“ E-Plattform des eSprinter im zweiten Halbjahr 2023 sowie der Start einer komplett unabhängig entwickelten E-Van-Architektur „ab Mitte der Dekade“, wie es heißt. Dann könnte so manches der cleveren Goodies „state of the art“ werden. Und das sollte es wohl auch: Schließlich will Mercedes-Benz als Hersteller bis 2039 über die gesamte Wertschöpfungskette inklusive Produktion und Wiederverwertung klimaneutral sein. Oder besser gesagt: Wertschöpfungskreislauf. Wie meinte Breitschwerdt? „Nachhaltigkeit ist mehr als nur ein emissionsfreies Fahrzeug“.

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