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Mercedes EQE SUV 350+: Der Überzeugungstäter

Überzeugungstäter fahren derzeit entweder Elektro – oder AMG mit lautem V8. Wir schwingen mit dem EQE UV 350+ über kurvenreichen Asphalt – und wollten sehen, ob er uns zum Umschwung vom GLS- oder GLE-Verbrenner auf einen Stromer „überreden“ und zu strömenden „Überzeugungstätern“ machen kann.

Kann der EQE SUV als 350+ eingefleischte Verbrennerfahrer zum Wechsel überzeugen? Wir haben es ausprobiert. | Foto: F. Schartner
Kann der EQE SUV als 350+ eingefleischte Verbrennerfahrer zum Wechsel überzeugen? Wir haben es ausprobiert. | Foto: F. Schartner
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Redaktion (allg.)

Unser erster Kontakt mit dem EQE findet in München statt, dem Startpunkt unserer kleinen Reise. Gleich zu Beginn fallen die Mercedes EQ typischen, rundlichen Formen auf. Das Bleichkleid ist in ein dezentes Königsblau gehüllt. Die großen 21-Zoll Felgen der optionalen AMG-Line-Ausstattung wirken in den riesigen Radkästen schon fast verloren. Der kaum sichtbare Gummi mit einer Dimension von 265/40 trägt zu diesem Anblick sein Übriges bei. Die Türgriffe sind im verriegelten Zustand und während der Fahrt in den Türen versenkt und fahren erst nach dem Entriegeln aus. Das optimiert den Luftwiderstand und sorgt für eine cleanere Optik. Zudem fallen uns an der Seite gleich die Trittbretter auf, welche als Zusatzoption erhältlich sind. Wer bei Schlechtwetter allerdings Wert auf saubere Hosenbeine legt, sollte sich diese Anschaffung genau überlegen, denn beim Ein- und Aussteigen streift man dort gerne mal entlang.

Wenn Windwiderstand das Design dominiert

Die Leuchten an Front und Heck sind, wie bei den anderen EQ-Modellen jeweils durch einen LED-Streifen verbunden. Die Fahrzeugfront ist nur mit wenigen Sicken und Kanten versehen und auch der Kühlergrill ist komplett geschlossen, um seinen Anteil am sehr geringen cW-Wert von 0,25 beizutragen. Generell kann man sagen, dass die Mercedes-Designer wenig Spielereien in die äußere Formgebung integriert haben. Hier gilt klar der Grundsatz „form follows function“. 

Die erste Sitzprobe gibt dann schon einen guten Eindruck, was uns die nächsten Tage erwartet. Die äußerst bequemen Plätze und das großzügige Raumgefühl sagen deutlich „Hier sitzt man in einem Langstreckenfahrzeug mit top Reisequalitäten“. Das Gestühl der vorderen Reihe bietet einen hohen Komfort und verspricht ein entspanntes Ankommen an allen Zielorten. Leider ist die Einstellung der Sitze etwas fummelig. Die Tasten lassen sich nicht entsprechend der gewünschten Sitzbewegung verstellen, sondern funktionieren nur über einen eigensinnigen Drückmechanismus. Dieser bedarf einer längeren Eingewöhnung. Da ist es umso besser, dass man drei statt nur zwei Sitzpositionen speichern kann.

Vorteil EQE SUV: Innen wurde viel vom „großen Bruder EQS SUV“ übernommen

Im Innenraum ähnelt vieles dem des großen Bruders, EQS. Dennoch fällt uns im Testwagen gleich zu Beginn etwas auf. Der sogenannte MBUX Hyperscreen fehlt. Diese OLED-Displays gäbe es als zusätzliche Ausstattung für schlappe 8.568,00 €. Wir müssen uns mit den „normalen“ Displays zufriedengeben, welche trotzdem einen erstklassigen Job verrichten. Die Bildqualität sowie die Reaktionszeiten erfreuen jeden Benutzer. Die Menüs sind klar strukturiert und verwirren nicht mich unnötigen Untermenüs. So findet man sich nach kurzer Zeit optimal zurecht.

Diese tadellose Bedienung spiegelt sich trauriger Weise nicht am Lenkrad wieder. Es ist noch leicht verständlich und auch sinnvoll, dass die linken Menütasten für den linken Display und die rechten Menütasten für den rechten Display gelten. Aber leider sind die Touch-Knöpfe dermaßen überempfindlich, dass selbst minimale Berührungen gleich als Eingabebefehl verstanden werden. Während der gesamten Testzeit, vor allem aber beim Rangieren passierte es immer wieder, dass wir ungewollt in anderen Menüs landeten oder versehentlich den Radiosender wechselten. Hier wären altbewährte Knöpfe deutlich im Vorteil.

Da wo der angesprochene dritte Teil des Hyperscreens normalerweise seinen Platz finden würde, hat Mercedes ein großes Designelement im gebürsteten Aluminium-Look verbaut. Dieses erweckt jedoch den Eindruck, als wären dem Designer die guten Ideen ausgegangen. Im Vergleich zum restlichen Innenraum wirkt es etwas langweilig. Die übrigen Bereiche des Interieurs können aber mit deutlich mehr Vielfalt aufwarten.

Das teure Burmester-Soundsystem ist auf jeden Fall eine Empfehlung wert

So zum Beispiel auch das Soundsystem der Marke Burmester. Die Speaker fungieren teils als schöne optische Akzente und liefern mit einer Systemleistung von 710 Watt ordentlich Power. Egal welches Musikgenre abgespielt wird, die Soundanlage kann sowohl mit kristallklarem Klang als auch wummernden Bass auf ganzer Linie überzeugen.

Da wir uns mit dem Fahrzeug auf eine mehrtägige Reise begeben, haben wir natürlich auch noch etwas Gepäck dabei. Eine perfekte Möglichkeit, um den Stauraum im Heck zu testen. Mit einer leichten Kippbewegung des Sterns am Heck öffnet sich die großzügige Luke zum Kofferraum. Laut Mercedes hat man hier mit umgeklappter Rückbank bis zu 1.675 Liter Ladevolumen. Benötigt man die hinteren Sitze, so bleiben einem noch gut 520 Liter. Für unsere Reise absolut ausreichend – auch wenn wir zu viert führen. Apropos Rückbank. Dort lässt es sich auch für große Personen sehr gut aushalten. Durch die großzügige Beinfreiheit, das bequeme Sitzpolster und das luftige Raumgefühl können die hinteren Beifahrer auch bei langen Fahrten gut entspannen.

Auch bei den Ablagemöglichkeiten erlaubt sich der Mercedes keine Fehler. So kann man in das tiefe Fach in der Mittelkonsole allerlei Sachen unterbringen und die Staufächer in den Türen bieten ausreichend Platz für Wasserflaschen, Parkscheiben oder Warnwesten.

MBUX ist bekannt für seine gute Spracherkennung und -bedienung

Nachdem nicht nur die Hochvoltbatterie, sondern auch der Kofferraum vollgeladen war, konnten wir endlich starten. Kurzerhand noch unser Ziel per Sprachbefehl festgelegt und schon ging es los. Übrigens: Die Spracherkennung und die Sprachassistentin funktionierten während des gesamten Tests fast tadellos. Nur wenige Male wurden Befehle nicht auf Anhieb erkannt oder umgesetzt.

Auf den ersten Kilometer im Münchner Stadtverkehr merkte man schnell, dass man hier kein kleines Fahrzeug bewegt. Mit 4,86 Meter Länge und 2,14 Meter Breite (inkl. Außenspiegel) ist er zwar noch im Mittelfeld der Fahrzeuggrößen, wirkt aber durch die mäßige Rundumsicht etwas unhandlich.

Die Sicherheitssysteme: Auch Profis erden sehr bald sehr oft ermahnt – bald zu oft…

Dieses Gefühl wurde durch die nervigen und teils überempfindlichen Sicherheitssysteme noch verstärkt. Zu Beginn haben wir noch keine Veränderungen an den Einstellungen vorgenommen, wodurch uns schnell das Gefühl beschlich, das Auto wäre mit dem Fahrstil nicht zufrieden. Mal blinkte bei betätigtem Blinker die Warnleuchte des Totwinkel-Warners wie verrückt, obwohl kein Hindernis mehr in Reichweite war. Dann pfiff plötzlich der Spurhalteassistent. Das Fahrzeug war zu diesem Zeitpunkt jedoch fast mittig in der Fahrspur.

Und immer wieder wurden wir durch ein unangenehmes Pfeifen drauf aufmerksam gemacht, dass schneller als mit der vorgeschriebenen Geschwindigkeit gefahren wird, selbst wenn es nur zwei oder drei km/h waren. Zwar lässt sich für letzteres die akustische Warnung schnell über einen Button am zentralen Display deaktivieren, die optische Warnung im Kombiinstrument sowie das Gefühl der dauerhaften Überwachung und Zurechtweisung bleiben aber bestehen. Uns ist bewusst, dass diese Funktionen auf den EU-Vorgaben beruhen, dennoch hätte Mercedes hier die Tonausgaben der Assistenten und Warnungen subtiler und weniger nervend gestalten können.

Bei Innenstadtgetrödel sind Werte um die 15 kWh/100 km netto, das sind knapp 17 kWh/100 km brutto drin

Hat man sich mal an die Dimensionen des Fahrzeugs und die Eigenheiten der Systeme gewohnt, lässt sich der Mercedes dann doch recht angenehm im Innenstadtbereich bewegen. Zudem wird man auch mit sehr positiven Dingen überrascht. Bereits nach kurzer Zeit bemerkten wir den geringen Stromdurchsatz. Die Verbrauchsanzeige pendelte sich auf 15 kWh/100km ein und so konnten wir mit gutem Gewissen den Mittleren Ring entlang schweben.

Als wir die Garmischer Autobahn erreicht haben, wollten wir natürlich wissen, was die zweitkleinste Motorisierung des EQE kann. Also abwarten, bis alle Geschwindigkeitsbeschränkungen aufgehoben sind. Dann ein beherzter Tritt aufs Fahrpedal und schon drückt einem der Motor an der Hinterachse mit max. 292 PS und 565 Nm die Rückenlehne ins Kreuz.

Für Gewicht und Stirnfläche ordentlicher Verbrauch

Doch nach wenigen Sekunden merkt man schon das hohe Fahrzeuggewicht. Die Werksangabe für das Leergewicht beträgt 2.430kg, wobei wir mit zwei Personen und Beladung eher bei gut 2,6 Tonnen lagen. Somit hält sich der Vortrieb, insbesondere ab 120 km/h doch eher in Grenzen. Trotzdem lässt Mercedes den EQE auf bis zu 210 km/h spurten. Erst dann wird elektronisch abgeregelt. Da man der Anzeige für den Ladezustand regelrecht zusehen kann, wie bei diesen Geschwindigkeiten die Prozente purzeln, haben wir uns nach wenigen Augenblicken auf ein angenehmes Reisetempo von 150-160 km/h eingependelt. Hier macht der EQE eine gute Figur. Der Verbrauch hält sich mit 25-30 kWh/100km in Grenzen und das Luftfahrwerk bügelt die meisten Bodenwellen optimal aus.

Nur die Windgeräusche könnten bei einem Fahrzeug dieser Klasse noch etwas besser kaschiert werden. Bereits bei Geschwindigkeiten um die 100 km/h waren diese sehr präsent. Schuld daran hat das große Panoramadach. Dort dringen, trotz geschlossenem Rollo, die meisten unerwünschten Geräusche in den Innenraum. Da dies aber noch nicht die gemütliche Kulisse zerstörte, belassen wir es mal mit dem Kommentar „jammern auf hohem Niveau“.

Ab dem Autobahnende bei Eschenlohe sollte unsere weitere Route nur noch über Landstraßen führen. Eine perfekte Möglichkeit, um herauszufinden, ob der mittelgroße EQ-Stromer auch eine sportliche Seite besitzt. Nun ja, ein klein wenig Sport kann er schon. Die Stabilisierungssysteme reagierten, entgegen erster Erwartungen, nicht überempfindlich und bremsten Übermut gekonnt ein. Somit waren auch spaßige Abschnitte auf der kurvigen Landstraße ins Pitztal dabei.

Bei zu zügigem Fahren schiebt sein Gewicht den EQE zum Kurvenrand

Bei sehr zügigen Kurvenfahrten ist dann aber schnell Schluss mit Sport, dann kommen die physikalischen Grenzen des Fahrzeugs zum Vorschein. Der EQE wird durch das hohe Eigengewicht an den kurvenäußeren Rand geschoben und die elektronischen Helferlein greifen ein. Doch der Moment, wenn die Seitenführungskräfte aufhören zu wirken, tritt nie urplötzlich ein. Durch ein leises Pfeifen der Goodyear-Bereifung kündigt sich dieser Moment frühzeitig an. Eigentlich wären keine hektischen Bewegungen am Lenkrad notwendig, um die sich anbahnende Situation in Ruhe zu bereinigen.

Allerdings hat man die Rechnung nicht mit dem Fahrwerk und der Lenkung gemacht. Denn diese mildern viele Bewegungen und Erschütterungen so stark ab, dass der Fahrer kaum noch Rückmeldung von dem bekommt, was da unter ihm eigentlich passiert. Dementsprechend passiert es öfter mal, dass man sich über einen Eingriff des Stabilitätsprogramms wundert oder man zu hektisch am Lenkrad dreht, obwohl eine kleine und sanfte Bewegung deutlich besser geeignet wäre.

Eher gefühllos: Lenkung und Bremse

Außerdem lässt sich das Fahrzeug durch die gefühllose, fast schon digital wirkende Lenkung nicht optimal am Kurveneingang positionieren. Der innere oder äußere Rand der Fahrspur ist dann näher als man das geplant hat. Meist hat es dann zur Folge, dass der schon im Stadtverkehr lästige Spurhalte-Assistent zu plötzlichen, teils nicht nachvollziehbaren Lenkeingriffen neigt. Natürlich könnte man die Systeme ausschalten bzw. reduzieren. Ein Sportwagen wird der EQE trotzdem nicht. Zumal auch die Bremse mit seltsamem Druckpunkt arbeitet. Die Qualtäten des EQE SUV liegen klar in anderen Bereichen.

Eine Show für sich: Das nächtliche „Scheinwerferkonzert“

Da wir es nicht übertreiben wollten und schon die Dämmerung über uns hereinbrach, nahmen wir uns wieder etwas zurück und bestritten die letzten Kilometer wieder in entspannter Weise. Als die Dunkelheit vollkommen war, konnten wir das Schauspiel der LED-Scheinwerfer betrachten, welche vor uns ein wahres Lichtkonzert zum Besten gaben. Mit fast schon chirurgischer Präzision blendete die Fernlichtautomatik den Bereich der vorausfahrenden und entgegenkommenden Fahrzeuge aus und schaltete sich bei freier Straße wieder blitzschnell ein. Bei voller Lichtorgel waren wir selbst von einer streunenden Katze neben der Fahrbahn nicht mehr überrascht, da wir sie bereits aus weiter Entfernung wahrgenommen hatten.  Und bei Start oder Abstellen geben die Scheinwerfer ein kleines „Sonderkonzert“ mit „komponiert wischendem“ Licht.

Als wir dann alle Autos, Kurven und Tiere hinter uns gelassen hatten, erreichten wir nach insgesamt 187 Kilometer unser Hotel im Pitztal. Ein letzter Check des Bordcomputers offenbarte die ordentliche Reichweite des EQE. Trotz sehr zügiger Autobahnfahrt und dem letzten Anstieg von 754 auf 1.678 Höhenmeter blieb uns noch eine Restladung von 46%. Der angezeigte Verbrauch von 25,8 kWh/100km ist bei angesprochener Fahrweise und dem Streckenprofil ebenfalls noch in Ordnung. Die Rückreise erfolgte dann über die österreichischen Autobahnen.

Die größtenteils auf 100 km/h beschränkten Streckenabschnitte sorgten dann für einen deutlich geringeren Verbrauch als bei unserer Hinreise. Als wir gut 240 Kilometer später eine Lademöglichkeit im Münchner Süden erreichten, standen für diesen zurückgelegten Weg 17,5 kWh/100km im Bordcomputer. Auf der gesamten Route benötigten wir für die Strecke von 435 Kilometer 100,05 kWh Strom. Das ergibt einen Gesamtwert von 23 kWh/100km. In Anbetracht der Beladung und Fahrweise bei der Hinfahrt ist das ein Klasse-Wert für den Stuttgarter Elektro-SUV.

Was bedeutet das?

Mit dem EQE hat Mercedes ein solides und überwiegend gut durchdachtes SUV auf die Beine gestellt, welches mit einem großzügigem Platzangebot und guten Reisequalitäten punkten kann. Die Motorisierung in der 350+ Variante ist für dieses Fahrzeug vollkommen ausreichend und ermöglicht eine gute Reichweite mithilfe eines vernünftigen Stromverbrauchs. Nur ein großes Problem bleibt zum Schluss noch bestehen: der Preis! Da der EQE erst ab einer UVP von 83.487,50 Euro brutto zu haben ist, bleibt er wohl nur eine Wahl für die Besserverdiener unter uns. Insbesondere, wenn die ersten Haken in der der Ausstattungsliste gemacht werden. Dann kommt die typische Mercedes Aufpreis-Politik zum Vorschein und man landet schneller als gedacht im 6-stelligen Bereich. Schade eigentlich, denn grundsätzlich hat ein solides Elektro-SUV dieser Machart die Möglichkeit die Kunden komfortabel zum Umstieg auf E-Mobilität zu überzeugen. Zumal der vergleichbare GLE 300d mittlerweile kaum günstiger ist.

Autor: Florian Schartner

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