Mercedes-Benz Kreislaufwirtschaft: Altreifen zu Türgriffen!

Chemisches Recycling ermöglicht erstmals die Herstellung von zirkulärem Kunststoff mit Neukunststoff-Eigenschaften und verwandelt Pyrolyse-Öl aus Altreifen mit Biomethan zu Bügeltürgriffen in der S-Klasse und im EQE, schon ab diesem Jahr in Serie. Technologie soll in die Breite gehen.

Rund gemacht: Aus Altreifen gewinnt Mercedes-Benz über Pyrolyse künftig Altöl, das per Biomethan-Zusatz zu neuwertigem Kunststoff wiederverwertet wird. | Foto: Mercedes-Benz
Rund gemacht: Aus Altreifen gewinnt Mercedes-Benz über Pyrolyse künftig Altöl, das per Biomethan-Zusatz zu neuwertigem Kunststoff wiederverwertet wird. | Foto: Mercedes-Benz
Johannes Reichel

Der Stuttgarter Automobilhersteller Mercedes-Benz hat einen weiteren Baustein auf dem Weg zur Kreislaufwirtschaft realisiert und stellt künftig aus Altreifen Türgriffe her. Über die Zusammenarbeit mit dem Lieferantennetzwerk bringen die Schwaben schon ab diesem Jahr Bauteile in unterschiedlichen Fahrzeugmodellen in Serie, für die Pyrolyse-Öl unter anderem aus recycelten Altreifen von Mercedes-Benz fossile Rohstoffe ersetzt, wie Markus Schäfer, Mitglied des Vorstands der Mercedes-Benz Group AG, Chief Technology Officer, Entwicklung & Einkauf erklärt. Dafür wolle man jährlich mehrere hundert Tonnen Altreifen aus Mercedes-Benz Fahrzeugen chemisch zu recyceln und das dabei entstandene Kunststoffmaterial in unsere Neuwagen zurückzuführen. In Kooperation mit den Partnern schließe man so den Kreislauf und treibe die Entwicklung innovativer Recyclingverfahren voran. Das Unternehmen hat sich zum Ziel gesetzt, den Ressourcenverbrauch zunehmend vom Wachstum der Produktionsleistung zu entkoppeln und will dafür den Anteil an recycelten Materialien in seiner Pkw-Flotte bis 2030 auf durchschnittlich 40 Prozent erhöhen.

Für die Schließung des Wertstoffkreislaufs von Altreifen arbeiten die Schwaben mit Partnern zusammen. Das Unternehmen setzt unter anderem auf das chemische Recycling von BASF. Aus den ausgedienten Reifen wird dafür bei der Pyrolysetechnologie-Firma Pyrum Innovations AG zunächst ein Pyrolyse-Öl erzeugt. Dieses kombiniert BASF mit Biomethan aus Landwirtschaftsabfällen. Unter Einsatz der beiden Rohstoffe kann ein vollkommen neuwertiger Kunststoff entstehen. Der Kunststoff ist nach dem sogenannten "Massenbilanzverfahren" zertifiziert: Eine unabhängige Zertifizierung bestätigt, dass der Partner die für das Endprodukt benötigten Mengen an fossilen Ressourcen durch nachwachsende Rohstoffe und Pyrolyse-Öl aus recycelten Altreifen ersetzt hat. Die Kombination von Pyrolyse-Öl aus Altreifen und Biomethan kommt im Rahmen der Zusammenarbeit von Mercedes-Benz und BASF erstmals zum Einsatz.

Eigenschaften wie Neukunststoff

Die Verwertung der Sekundärmaterialien reduziere sowohl den Einsatz fossiler Ressourcen als auch den CO2‑Fußabdruck des Kunststoffs. Der innovative Recyclingkunststoff habe damit erstmals die gleichen Eigenschaften wie Neukunststoff, der aus fossilen Rohstoffen hergestellt wird, wirbt der Hersteller. Damit lässt er sich auch als kurzfristige Drop-in-Lösung in der laufenden Serie einsetzen. Zugleich seien die hohen Qualitätsanforderungen des Herstellers, insbesondere im Hinblick auf die Lackierfähigkeit und die Crashsicherheit erfüllt, versichert man weiter. Mit diesen Eigenschaften biete das Verfahren die Möglichkeit, eine Vielzahl von Bauteilen aus Primärkunststoff im Fahrzeug zu ersetzen.

In EQE und S-Klasse Premiere

Der EQE und die S-Klasse bekommen noch in diesem Jahr als erste Serienmodelle Bügeltürgriffe, in deren Herstellung fossile Rohstoffe durch Biomethan und Pyrolyse-Öl aus recycelten Altreifen ersetzt wurden. Die S-Klasse werde zusätzlich einen Crash-Absorber auf Basis dieser Rohstoffkombination erhalten – ein Bauteil, das als Bestandteil des Vorderwagens für eine noch gleichmäßigere Kraftverteilung auf den Unfallgegner bei einem Frontalaufprall sorgt. Auch kommende, neue Modelle wie der EQE SUV sollen Bügeltürgriffe aus dem innovativen Kunststoff erhalten. Künftig will man den Einsatz des nachhaltigeren Recyclingmaterials sukzessive steigern und das chemische Recycling in Kombination mit dem Biomassenbilanzansatz auch für weitere Kunststoffbauteile im Fahrzeug verwenden. Entsprechende Einsatzmöglichkeiten würden zurzeit sondiert.

Innovatives Herstellungsverfahren

Im Gegensatz zum mechanischen Recycling eigne sich das chemische Recycling insbesondere für die Herstellung von Bauteilen, die hohen Qualitäts- und Sicherheitsanforderungen unterliegen, so der Hersteller weiter. Das chemische Recycling bilde daher nicht nur eine sinnvolle Ergänzung zum mechanischen Recycling, es sei ein entscheidender Schritt hin zu einer möglichst hohen, ökologisch und wirtschaftlich vorteilhaften Wiederverwertung von Altmaterial.

"Das Verfahren reduziert den Bedarf an fossilen Ressourcen und hat somit das Potenzial, die Produktion von hochwertigen Kunststoffen für unterschiedliche Einsatzzwecke vom Rohölbedarf zu entkoppeln", glauben die Stuttgarter.

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