Mercedes-Benz EQS kommt mit MBUX Hyperscreen

Die neue Technik besteht aus einer durchgehenden Screen für Fahrer und Beifahrer. Dabei soll der Assistent dank künstlicher Intelligenz ständig dazulernen.

 

MBUX Hyperscreen wird im EQS Premiere feiern. | Foto: Daimler
MBUX Hyperscreen wird im EQS Premiere feiern. | Foto: Daimler
Gregor Soller

Es hört sich beindruckend an: „Hyperscreen“ nennt Daimler die neue Bedieneinheit EQS – wobei man eigentlich nur alle Bedienelemente auf eine ganz große Screen gelegt hat. Kurz zu den Fakten: Beim MBUX Hyperscreen gehen mehrere Displays scheinbar nahtlos ineinander über und ergeben so ein über 141 Zentimeter breites und gewölbtes Bildschirmband. Die für die Passagiere erlebbare Fläche beträgt 2.432,11 Quadratzentimeter. Das große Deckglas wird dabei im Mold-Verfahren bei Temperaturen von etwa 650°C dreidimensional gebogen. Dieser Prozess ermöglicht den verzerrungsfreien Blick auf die Displayeinheit über die gesamte Fahrzeugbreite, unabhängig vom Radius des Deckglases. Zwei Beschichtungen des Deckglases verringern Reflektionen und vereinfachen die Reinigung. Das gekrümmte Glas selbst besteht aus besonders kratzbeständigem Aluminiumsilikat.

Für ein besonders brillantes Bild wird bei Zentral- und Beifahrer-Display OLED-Technik genutzt. Dort sind die einzelnen Bildpunkte selbstleuchtend; nicht angesteuerte Bildpixel bleiben abgeschaltet und wirken dadurch tiefschwarz. Die aktiven OLED-Pixel hingegen strahlen mit hoher Farbbrillanz, wodurch hohe Kontrastwerte – unabhängig vom Blickwinkel und den Lichtverhältnissen – entstehen.

Kein Scrollen durch Ebenen mehr

Um zu den wichtigsten Anwendungen zu kommen, muss der Nutzer durch keine Menüebenen scrollen, weshalb Daimler hier auch von einem Zero-Layer (Null-Ebene) spricht. Für die haptische Rückmeldung bei der Bedienung sitzen dann insgesamt 12 Aktuatoren unter den Touchscreen-Flächen. Berührt der Finger dort bestimmte Stellen, lösen sie eine spürbare Vibration der Deckscheibe aus. Zu den Sicherheitsmaßnahmen, vor allem im Crashfall, zählen Sollbruchstellen neben den seitlichen Ausströmern sowie fünf Halterungen, die durch ihre wabenförmige Struktur bei einem Crash gezielt nachgeben können. Für Intelligenz sorgen 8 CPU-Kerne, 24 Gigabyte RAM und 46,4 GB pro Sekunde RAM-Speicherbandbreite. Mit den Messdaten einer Multifunktionskamera und zusätzlich einem Lichtsensor wird die Helligkeit des Bildschirms an die Umgebungsbedingungen angepasst. Mit bis zu sieben Profilen kann der Anzeigebereich für den Beifahrer individualisiert werden.

Mit lernfähiger Software soll sich das Anzeige- und Bedienkonzept ganz auf seinen Nutzer einstellen und unterbreitet ihm personalisierte Vorschläge für zahlreiche Infotainment-, Komfort- und Fahrzeugfunktionen. Dank des sogenannten Zero-Layer muss der Nutzer weder durch Untermenüs scrollen noch Sprachbefehle geben. Die wichtigsten Applikationen sollen laut Daimler immer situativ und auf den Kontext bezogen auf der obersten Ebene im Blickfeld angeboten werden. So werden dem EQS Fahrer zahlreiche Bedienschritte abgenommen. Und nicht nur ihm: Auch dem Beifahrer ist der MBUX Hyperscreen ein aufmerksamer Assistent. Er erhält seinen eigenen Anzeige- und Bedienbereich und kann dort während der Fahrt auch Filme ansehen.

(Endlich) wieder wie analog: Nur noch eine Bedienebene

Laut Gorden Wagener, Chief Design Officer Daimler Group will man so „beispiellose Benutzerfreundlichkeit“ bieten, was man aber mit haptischen Tastern auch erreicht hätte, die ebenfalls immer in einem „Zero-Layer“-Layout dargeboten wurden….Noch weiter geht Sajjad Khan, Vorstandsmitglied der Mercedes-Benz AG und CTO. Er bezeichnet den MBUX Hyperscreen gar als „Gehirn und Nervensystem" des Autos:

„Der MBUX Hyperscreen lernt den Kunden immer besser kennen und liefert ein maßgeschneidertes, personalisiertes Infotainment- und Bedien-Angebot, bevor der Passagier irgendwohin klicken oder scrollen muss.“

Der MBUX Hyperscreen ist laut den Verantwortlichen bei Daimler „ein Beispiel für die Fusion von digitalem und analogem Design“: Mehrere Displays gehen scheinbar nahtlos ineinander über und ergeben ein beeindruckendes, gewölbtes Bildschirmband. Integriert in diese große digitale Fläche sind analoge Lüftungsdüsen, als Verbindung von digitaler zu physischer Welt. Was insofern logisch ist, als dass eine Screen nun mal nie Luft bewegen können wird….

Auch der Beifahrer erhält einen eigenen Anzeige- und Bedienbereich, der Reisen angenehmer und unterhaltsamer gestaltet. Mit bis zu sieben Profilen ist eine Individualisierung der Inhalte möglich. Die Entertainmentfunktionen des Beifahrer-Displays sind während der Fahrt allerdings nur im Rahmen der länderabhängigen gesetzlichen Vorschriften verfügbar. Ist der Beifahrersitz nicht belegt, wird der Bildschirm zum digitalen Zierteil. In diesem Fall werden animierte Sterne dargestellt.

Dank seines klaren Bildschirm-Designs mit Ankerpunkten soll der MBUX Hyperscreen intuitiv und einfach zu bedienen sein. Ein Beispiel dafür ist der Anzeigestil EV-Modus. Wichtige Funktionen des Elektroantriebs wie Boost oder Rekuperation werden auf eine neue Weise, mit einer sich räumlich bewegenden Spange, visualisiert und somit erlebbar gemacht. Zwischen diesen Spangen bewegt sich schwebend ein linsenförmiges Objekt. Es folgt der Schwerkraft und bildet somit die G-Force Kräfte eindrucksvoll und emotional ab.

Personalisierte Vorschläge mit Hilfe künstlicher Intelligenz

Infotainmentsysteme bieten zahlreiche und umfangreiche Funktionen. Zu ihrer Bedienung sind häufig mehrere Bedienschritte nötig. Um diese Interaktionsschritte endlich einmal wieder zu reduzieren, hat Mercedes-Benz mit Hilfe künstlicher Intelligenz eine Benutzeroberfläche mit kontextsensitivem Bewusstsein entwickelt.

Das MBUX System zeigt proaktiv und unterstützt durch künstliche Intelligenz die für den Anwender richtigen Funktionen zur richtigen Zeit. Das kontextsensitive Bewusstsein wird sowohl durch Umgebungsveränderungen wie auch das Anwenderverhalten permanent optimiert. Der sogenannte Zero-Layer bietet dem Benutzer auf der obersten Ebene der MBUX Informationsarchitektur dynamische, aggregierte Inhalte aus dem gesamten MBUX System und den damit verbundenen Diensten. Mercedes-Benz hat dazu auch das Nutzungsverhalten der ersten MBUX Generation untersucht. Die allermeisten Anwendungsfälle fallen in die Bereiche Navigation, Radio/Media und Telefonie. Die Navigationsapplikation steht mit vollem Funktionsumfang daher immer im Zentrum der Bildschirmeinheit.

 Über zwanzig weitere Funktionen – vom Aktiv-Massage-Programm über Geburtstags-Erinnerung bis zum Vorschlag für die To-do-Liste – werden mit Hilfe von künstlicher Intelligenz automatisch angeboten, wenn sie für den Kunden relevant sind.

Und weil sich das alles schon wieder etwas komplex und nicht mehr ganz so klar anhört, hat Daimler stellvertretend vier Use Cases erarbeitet. Der Benutzer kann mit nur einem Klick den jeweiligen Vorschlag annehmen oder ablehnen. 

Beispiel eins: Wer dienstagabends auf dem Nachhauseweg immer einen bestimmten Freund anruft, bekommt einen entsprechenden Anruf künftig an diesem Wochentag und zu dieser Uhrzeit vorgeschlagen. Dabei erscheint eine Visitenkarte mit dessen Kontaktinfos, und – wenn hinterlegt - dessen Bild. Alle Vorschläge von MBUX sind an das Profil des Nutzers gekoppelt. Fährt an einem Dienstagabend jemand anderes den EQS, unterbleibt also diese Empfehlung – beziehungsweise es kommt eine andere, abhängig von den Vorlieben des jeweils anderen Nutzers.

Beispiel zwei: Verwendet der EQS Fahrer im Winter regelmäßig die Massagefunktion nach dem Hot-Stone-Prinzip, lernt das System dazu und schlägt ihm die Komfortfunktion bei winterlichen Temperaturen automatisch vor.

Beispiel drei: Schaltet der Benutzer regelmäßig zur Sitzheizung beispielsweise auch die Heizung von Lenkrad und von weiteren Flächen ein, wird ihm das vorgeschlagen, sobald er die Sitzheizung betätigt.

Beispiel vier: Das Fahrwerk des EQS kann angehoben werden, um mehr Bodenfreiheit zu bieten. Eine nützliche Funktion bei steilen Garageneinfahrten oder Schwellen zur Verkehrsberuhigung am Boden („sleeping policemen“). MBUX merkt sich die GPS-Position, an der der Nutzer Gebrauch von der „Vehicle-Lift-Up“-Funktion gemacht hat. Nähert sich das Fahrzeug erneut der GPS-Position, schlägt MBUX selbstständig vor, den EQS anzuheben.

Georg Walthart, Pressesprecher Mercedes me & Infotainment ergänzt: Der MBUX Hyperscreen wurde exklusiv für den EQS und die Marke EQ entwickelt. Die Ergonomie wurde mit dem großen, gebogenen Display weiter verbessert. Das Bedienkonzept mit dem Zero Layer - also situativ und intelligent werden die notwendigen Menues in die oberste Menüführung gebracht- soll vermeiden, dass der Passagier unnötige Menüschritte durchführen muss und alles immer im Blick hat was er gerade benötigt. Das heißt, die Navigation und auch die Klimaanlagenbedienung sind immer sicht- und direkt bedienbar. Ein Punkt, der in vielen anderen Infotainments gern vergessen wird.

Was bedeutet das?

So schön das Alles klingt – irgendwo ist die MBUX Hyperscreen der absolute Bevormundungshorror für Autofahrer! Was, wen der einfach nur Ruhe haben möchte? Wie schön waren noch die Zeiten, als man in einer aus heutigen Sicht unendlich dummen S-Klasse wertige Taster und Schalter exakt dann bediente, wenn man sie brauchte – und dadurch die volle Souveränität und Freiheit in der Bedienung hatte, ohne ständig das Gefühl haben zu müssen, in einem Auto zu sitzen, dass intelligenter ist als man selbst. Und das außerdem ständig alle Daten und Aktionen aufzeichnet, die es eigentlich gar nichts angehen? Zumal optisch gar nichts Neues geboten wird, außer einer kalten Glasplatte, auf der eben alle Bedienelemente digital statt haptisch hinterlegt sind – immerhin blieb man bei einer intuitiv ergonomisch korrekten Anordnung aller Bedienelemente. Fragt sich, ob es nerviger ist, zehn Mal die temperatur anzupassen oder zehn Hyperscreen-Vorschläge abzulehnen, weil sie am Mittwoch eben mal so gar nicht ins erlernte Konzept passen....

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