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meConvention: Die Irrationalität des Gottlieb Daimler

Den Ableger der SXSW meConvention nutzt Daimler, um in cooler Atmosphäre ein paar Botschaften zu platzieren, das Image zu polieren - und den Gründergeist von einst zu beschwören.

Das Auto neu denken, die Mobilität neu denken: MB-Entwicklungschef mahnte auf der meConvention einen neuen Gründergeist mit einem Schuss Irrationalität an. | Foto: J. Reichel
Das Auto neu denken, die Mobilität neu denken: MB-Entwicklungschef mahnte auf der meConvention einen neuen Gründergeist mit einem Schuss Irrationalität an. | Foto: J. Reichel
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Johannes Reichel

"Wahrscheinlich wurde es damals als höchst irrational empfunden, eine Pferdekutsche mit einem Verbrennungsmotor auszustatten", erklärte Mercedes-Benz-F&E-Vorstand Ola Källenius zum Auftakt der sogenannten meConvention, die der vormalige Automobilhersteller in Kooperation mit der Gründer- und Zukunftsmesse South-by-South-West (SXSW) zum zweiten Mal veranstaltet. Zum Anlass genommen hatte man dafür das Umfeld der Weltpremiere des ersten elektrisch angetriebenen Serienfahrzeugs mit Stern, dem EQC. Der Mercedes-Benz-Entwicklungschef wünschte sich denn auch, den Gründergeist, den Gottlieb Daimler damals hatte, ein bisschen wieder zu entdecken und sich nicht nur von Rationalität leiten zu lassen. "Ohne die leicht verrückte Vision, die Daimler damals hatte, gäbe es heute vielleicht kein Automobil", konstatierte Källenius bei der Auftaktdiskussion über die "Sinkende Bedeutung von Wissen: Forschung und Entwicklung im Zeitalter der Agilität".

Der EQC ist ein rationales Auto mit einem Schuss Irrationalität

Wenn man so will, stellt der EQC denn auch genau dieses Dilemma dar, in dem der Konzern derzeit steckt. Das Auto neu erfunden hat eher Tesla, nicht Daimler. Der EQC ist genau das Produkt aus Rationalität, faktischer Verfüg- und Machbarkeit mit einem Schuss Irrationalität beim Design. "Ein Auto verkauft sich genau über Emotion, über das Design. Das ist höchst emotional. Am Ende bleibt bei aller Rationalität der Instinkt entscheidend", erklärte Källenius. Dafür gebe es einfach noch keinen Algorithmus. Auch in manchen Vorstandsitzungen seien die Diskussionen nicht immer vollständig rational, teils auch sehr emotional aufgeladen, plauderte Källenius aus dem Nähkästchen.

Aber es geht für ihn um mehr als nur darum, das Auto neu zu denken. "Wir müssen auch unser bisher sehr transaxiales Geschäftsmodell überdenken", fordert der Mercedes-Manager selbstkritisch. Zu geradlinig gedacht sei das alles, bisher baue man Autos, für die ein Vertriebs- und Servicenet aufgesetzt werde, das sei es im Wesentlichen. Einen umfassenderen Ansatz umzusetzen, versuche man etwa mit der Tochter Moovel, die ein Ökosystem der Mobilität schaffen soll, völlig unabhängig vom Verkehrsmittel. Und Mobilität ist es, was man künftig anbieten will, nicht mehr nur Autos verkaufen, so die Leitlinie des Vorstands.

Doch auch das Auto selbst will Källenius "neu denken", er stellt es sich als "dritten Raum" vor, zwischen Wohnung und Arbeitsplatz - und kündigt für den weiten Zeitraum zwischen 2020 und 2030 erste konkrete Schritte des Konzerns in dieser Richtung an. Erste Vorboten sind diverse Messestudien, bei denen das Interieur komplett neu aufgeteilt wurde und eher also rollendes Wohnzimmer dient. "Wenn es nicht mehr um Hubraum und Zylinder geht und der Elektroantrieb uns völlig neue Fahrzeugarchitekturen erlaubt, dann lösen wir das bisherige Setting auf", ist Källenius sicher. Und er glaubt: "Der coole stuff findet sich künftig im Interieur, nicht mehr unter der Motorhaube".

Was bedeutet das?

Der Daimler-Konzern müht sich spürbar, seine Transformation vom traditionellen Autohersteller zum coolen Mobilitätsanbieter im Schnellverfahren hinzubekommen. "Hippe" Events wie die MeConvention sollen dabei helfen, das Image vor allem bei der ach so begehrten jüngeren Zielgruppe aufzupolieren. Da wird dann ein angesagter DJ zum Markenbotschafter und haufenweise Start-Ups zu Partnern. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Erfinder des Automobils bei der Neuerfindung desselben derzeit etwas hinterherhinkt. Dennoch: Auch ein Tesla muss seine Vision erst mal auf die Straße bringen. Und wie meinte Elon Musk neulich, als er ernüchtert den Rückzug von der Börse abblies: Das wichtigste sei, mit einer Vision auch wirtschaftlich nachhaltig zu sein. Und da kann er noch einiges von den Daimlers lernen.

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