Me Convention 2019: Habeck bei Daimler - Politik sollte sich selbst ernst nehmen

Der offene Paneltalk zwischen Robert Habeck, Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen, und Daimler-CEO Ola Källenius ist kein Schlagabtausch, aber ein ehrlicher Meinungsaustausch. Das "Gefühl für die Dringlichkeit" ist jedenfalls allseits vorhanden.

Daimler-CEO Källenius (li.) und Habeck, Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen (Mitte) waren sich in der von Dunja Hayali geführten Debatte weitgehend einig. | Foto: G. Soller
Daimler-CEO Källenius (li.) und Habeck, Bundesvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen (Mitte) waren sich in der von Dunja Hayali geführten Debatte weitgehend einig. | Foto: G. Soller
Gregor Soller

Was einst in einem harten Schlagabtausch hätte enden können, führt im Jahr 2019 zu weitgehender Einigkeit zweier scheinbar unvereinbarer Positionen: Die Rede ist vom gern geführten Disput Autoindustrie-Grüne Partei. Ein Publikumsmagnet ist so eine Besetzung immer noch, denn die Halle war voll und man hörte von englisch bis schwäbisch alle möglichen Sprachen und Sprachfärbungen – und fand auch alle Altersschichten als Zuhörer, nicht nur die „Generation Y“, die Moderatorin Dunja Hayali mit einem einfachen „Hallo“ begrüßte.

Um dann gleich auf die Fridays-for-future einzugehen – doch schon hier herrschte Einigkeit: Nicht nur Habeck, sondern auch Källenius bestätigte, dass das Thema Klimawandel akut sei. Es gelte, es jetzt schnell zu lösen. Und schon bald ging Harbeck auf die Zeitachse ein und bekräftigte, dass sowieso „Alles deutlich schneller werde“, also auch der Wandel der Industrie. Auch hier ging Källenius mit und erklärte, das man schon 2007 mit dem Smart das erste Elektrogroßserienfahrzeug im Programm hatte und die Leute hätten damals geunkt, dass es sich nicht verkaufen würde. „Leider hat das auch gestimmt“, bekennt der Daimler-CEO, doch mittlerweile habe sich eben doch sehr schnell sehr viel geändert. Und da macht die Autoindustrie laut Harbeck plötzlich Druck auf die Politik, die Energiewende voranzutreiben.

CO2-Bepreisung: Eine Steuer greift so schnell wie die TCO

Doch wie sieht das weltweit aus, hakt Hayali nach? Genauso, erklärt Källenius, denn auch in China und Nordamerika treibe man das Thema voran, wenn auch mit unterschiedlichen Präferenzen – so gebe es in den USA durchaus ein Split-Picture zwischen dem mittleren Westen und den Städten. Womit Hayali auf das Thema CO2-Bepreisung einschwenkt: Auch hier sind sich Habeck und Källenius im Grunde genommen einig, denn nur mit einer höheren Bepreisung fossiler Brennstoffe könne man den CO2-Wandel steuern. Habeck erklärt dazu, dass ihm das Instrument dafür egal sei, Hauptsache es gehe schnell. Und da greife eine Steuer schneller als ein erst zu erarbeitender Emissionshandel, der im Idealfall auch noch weltweit vereinheitlicht werden müsse.

Källenius ergänzt, dass außerdem sofort die Marktwirtschaft greift, wenn CO2 etwas koste. Das gelte auch für die Total Cost of Ownership (TCO), die für den Kunden immer ein wirksames Mittel ist, etwas zu ändern. Und Deutschland mache hier keinen Alleingang: andere Länder wie Frankreich, UK oder die Schweiz haben sie längst. Hauptproblem: Globale Abmachungen und Vereinbarungen sind aktuell schwieriger durchzusetzen denn je. Doch das Thema sei seit 30 Jahren bekannt und jetzt müsse man eben umso schneller handeln.

Doch auf Zeitfenster will sich Källenius nicht festlegen lassen. Ja, die Elektromobilität komme, aber nicht homogen in allen Märkten. Gerade in Osteuropa oder Südamerika könne das durchaus noch lange dauern. Doch in Europa sei man laut dem Daimler-CEO auf einem guten Weg Richtung CO2-Reduktion. Gleichwohl gäbe es Industrien wie die Stahlbranche, die nun mal energie- und damit CO2-intensiv arbeiten würden, doch auch hier habe man beispielsweise bei Mittal schon Ideen für CO2-armen, wenn auch nicht CO2-frei erzeugten Stahl. Die Frage von Hayali an Habeck, wie die Politik diese Wende mit steuern oder beschleunigen könne, beantwortet der so:

„Ich glaube, was die Politik jetzt braucht, ist, sich selbst ernst zu nehmen!“  

Zum Schluss eröffnet sie noch ein „Wunschkonzert“ für die Zukunft: Källenius wünscht sich vor allem beim Infrastrukturausbau Hilfe von der Politik und dass man sich nicht „in Dogmen festfahre“. Ein Bonus-Malus-System zur CO2-Abgabe können sich alle vorstellen. In die SUV-Falle tappt Habeck nicht: Er will keine Typendebatte führen, sondern das Regulativ für den Energieverbrauch aufsetzen, nach den simplen Regeln der Physik: Und da kosten Energieschlucker gleich welcher Art eben mehr als kompaktere Fahrzeuge.

Dann hakt Hayali nochmal bei Källenius nach, ob er keine Angst habe ob des abflauenden Interesses der Generation Y am Auto. Källenius erklärt, dass es eine direkte Korrelation zwischen Mobilität (-sbedürfnis) und Wirtschaftswachstum gäbe. Nein – er habe keine Angst. Und erhält gleich „Schützenhilfe“ von Habeck: Er bringt die Verkehrsflat ins Spiel, für die er auch gleich eine Finanzierungsidee hat, denn: Wenn die Hersteller künftig nicht mehr „noch mehr Fahrzeuge“, dafür aber „mehr Nutzungszeit“ dieser Fahrzeuge verkaufen würden, ergäbe sich daraus auch ein Geschäftsmodell, das darüber hinaus den Verkehr reduziert. Womit sich Habeck und Källenius am Ende einig sind: „Der Sense of Urgency“ ist da – bei Daimler habe man den Schalter bereits 2015 umgelegt.

Was bedeutet das?

Selten waren sich Grüne und Autoindustrie so einig – was rational betrachtet auch allergrößten Sinn macht – zumal mit Habeck und Källenius zwei dezente und sachliche Persönlichkeiten aufeinandertreffen, denen Zuhören und plausible Argumente wichtiger sind als platte Parolen.

Printer Friendly, PDF & Email