Lobbyismus: Toyota und BMW verzögern Transformation am stärksten

Weltweit opponiert ausgerechnet der Hybrid-Vorreiter Toyota laut einer Analyse des Think Tanks InfluenceMap am stärksten gegen die Antriebswende. Allerdings dominieren deutsche Autohersteller den Kampf um die Aufweichung der Klimaregelungen, allen voran BMW.

Glitzernde Fassade: Stecken hinter den Klimaschutzbekenntnissen auch ernste Umsetzungsabsichten? | Foto: BMW
Glitzernde Fassade: Stecken hinter den Klimaschutzbekenntnissen auch ernste Umsetzungsabsichten? | Foto: BMW
Johannes Reichel

Der japanische Automobilhersteller und Hybridantriebspionier Toyota ist vom britischen Think Tank InfluenceMap als eines der weltweit einflussreichsten Unternehmen bezeichnet worden, das eine am Pariser Abkommen orientierte Klimapolitik blockiert. Der Think Tank hat die Lobby-Aktivitäten, intern vertretenen Positionen und Finanzflüsse anhand von offenen Daten präzise analysiert und dabei auch nachgezeichnet, wie deutsche Automobilhersteller und Verbände für schwächere Emissionsziele eintreten.

Wo Reden und Handeln auseinanderklaffen

Die Denkfabrik hatte jüngst eine Analyse publiziert, in der man die 50 einflussreichsten Unternehmen und Industrieverbände aufführt, die Fortschritte in der Klimapolitik verzögern würden. Unter den Top fünf rangierte von den Autoherstellern nur Toyota, die US-Ölkonzerne ExxonMobil und Chevron schnitten noch schlechter ab.  Ebenfalls zu den fünf größten Übeltätern gehören der US-amerikanische Gas- und Stromversorger Southern Company und der Energieinfrastrukturkonzern Sempra. Als weitere Autohersteller listet man die deutschen BMW (18.), Daimler (24.) sowie den koreanischen Konzern Hyundai (25.) aus der Automobilbranche, die als Gruppe strengen Klimaregelungen für den Automobilsektor sehr negativ gegenüberstehen würden, so der mit zahlreichen Daten unterfütterte Vorwurf.

"Toyota Motor hat sich weltweit gegen vorgeschlagene Vorschriften zur Abschaffung von Verbrennungsmotoren zugunsten von Elektrofahrzeugen in den Jahren 2020-21 eingesetzt und steht auf der InfluenceMap-Liste der Unternehmen, die die Klimapolitik des Pariser Abkommens am negativsten beeinflussen, auf Platz 3",

Der Analyse zufolge stehe die Automobilindustrie insgesamt strengen Klimaregelungen für ihren eigenen Sektor "sehr negativ" gegenüber, obwohl sie übergreifende Klimaziele immer stärker zu unterstützen scheine. Sie wird von dem Think-Tank-Analysten nach der Ölindustrie als zweitschlechteste Branche eingestuft.

Der Direktor von InfluenceMap, Edward Collins, erklärte, dass "die Strategie der Unternehmen, die Klimapolitik zu behindern, zwar einen langen Weg von der Wissenschaftsleugnung zurückgelegt hat", aber immer noch "genauso schädlich" sei. Die Analysten argumentieren, dass die Auswirkungen politischer Entscheidungen auf die Emissionen sogar größer seien, als der direkte und indirekte Emissionsfußabdruck eines jeden Unternehmens.

Starker Tobak: BMW als führender Gegner der Klimapolitik

Aus Sicht von InfluenceMap zeigt die detaillierte und separate Analyse der deutschen Hersteller, dass BMW sich zum "führenden Gegner der Klimapolitik in Deutschland und Europa entwickelt hat". Während die deutsche Automobilindustrie zunehmend ihre Unterstützung für das Pariser Abkommen und langfristige Klimaziele bekundee, hätten sich wichtige Gruppen wie BMW und der deutsche Verband dafür eingesetzt, kurzfristige Klimaregelungen zu schwächen, um solche Ziele zu erreichen, wirf die britische Organisation den Herstellern vor.

Gegen höhere CO2-Standards und Verbrennerausstieg

Der Think Tank will aufgezeigt haben, wie der deutsche Automobilsektor im Allgemeinen Lobbyarbeit gegen zwei wichtige Maßnahmen betrieb - höhere CO2-Emissionsstandards für leichte Nutzfahrzeuge und Ausstiegstermine für Verbrennungsmotoren. Die Studie hebt außerdem die "grünen" PR-Kampagnen hervor, mit denen die deutschen Automobilhersteller die wachsende Besorgnis der Öffentlichkeit und der Regierung über die Klimabilanz des Sektors ablenken wollten, wobei der Straßenverkehr im Jahr 2020 etwa 19 Prozent der Treibhausgasemissionen in Deutschland ausmachte.

Deutsche und europäische Klimaziele in Gefahr

Die Studienmacher befürchten, dass die deutschen und EU-Klimaziele gefährdet sind, wenn die Vorschriften durch negatives klimapolitisches Engagement der Automobilindustrie aufgeweicht würden, eine Ansicht, die sie mit vielen Klimaschutzexperten teilen. Dies sei aufgrund der laufenden Koalitionsverhandlungen der deutschen Regierung, die wahrscheinlich einen Dekarbonisierungsplan für den Straßenverkehr beinhalten werde, und der aktuellen Verhandlungen des EU-Parlaments über CO2-Standards für leichte Nutzfahrzeuge von Bedeutung, mahnt der Think Tank weiter.

Immerhin: Volkswagen hat sich auf den Weg gemacht

Immerhin heben die Autoren das zwar gemischte, aber zunehmend positive direkte klimapolitische Engagement von Volkswagen hervor, während das Unternehmen weiterhin ein wichtiges Mitglied von Industrieverbänden, ist, die sich aktiv gegen die Klimapolitik einsetzen. Zusammen geben diese Gruppen laut Think Tank über zehn Millionen Euro pro Jahr für Lobbyarbeit in der EU aus. Die Studie hebt auch hervor, dass die deutschen Automobilhersteller zunehmend ihre Unterstützung für eine kohlenstoffarme Verkehrsverlagerung bekunden, um andererseits gegen wichtige EU- und deutsche Verlagerungsmaßnahmen zu opponieren, nicht zuletzt auch unter Einbindung ihrer Spitzenverbände.

Im Rahmen der Studie wurden mehr als 1.000 Belege für klimapolitisches Engagement gesammelt und analysiert, von denen mehr als 400 seit 2020 datiert sind. Darin enthalten ist eine beträchtliche Menge an bisher ungesehenen Informationen, auf die InfluenceMap auf der Grundlage von mehr als 10 Anfragen zur Informationsfreiheit (FOI) zugreifen konnte, präzisiert die Organisation.

Grüne Werbung in scharfem Kontrast

Im Widerspruch dazu stünden auch ausgeklügelte "grüne PR-Kampagnen" zur Elektrifizierung. wie etwa die von BMW zur Markteinführung seiner iX- und i4-Reihe mit Slogans wie "There is no Planet B" und "Make Earth Cool Again". Die grüne PR stehe "in krassem Gegensatz zu den Bestrebungen, die Klimagesetzgebung in Deutschland und der EU zu schwächen und zu verzögern", moniert InfluenceMap.

BMW reagiert: "Voll und ganz für nachhaltige Mobilität"

Als Reaktion auf die Berichte erklärte ein Sprecher der BMW Group gegenüber der britischen Nachhaltigkeits-Plattform "Edie Empowering sustainable business", dass sich das Unternehmen "voll und ganz dem Ziel der nachhaltigen Mobilität" verschrieben habe und "glaubt, dass die Zukunft unseres Unternehmens mit der Zukunft des Planeten verbunden ist". Eine Sprecherin erklärte:

"Als Präsident des ACEA ist es selbstverständlich, dass [unser Vorsitzender] Oliver Zipse sich mit EU-Vertretern zu branchenbezogenen Regelungen getroffen hat, um die übereinstimmenden Positionen aller ACEA-Mitglieder zu erörtern. Diese Positionen sind öffentlich zugänglich, zum Beispiel im Rahmen von öffentlichen Konsultationen der EU-Kommission"

Zur Begründung, warum der Münchner Hersteller die Erklärung auf der COP26 nicht unterschrieben habe, fügte sie hinzu:

"Um ein Enddatum für die Produktion von Verbrennungsmotoren festzulegen, müssen wir eine deutliche Zunahme und Entwicklung der Ladeinfrastruktur sehen. Die Realität ist, dass die derzeitige Versorgung in den verschiedenen Märkten sehr unterschiedlich ist. Um eine vollständig elektrifizierte Zukunft zu verwirklichen, muss sich dies schnell ändern".

Über das direkte politische Engagement hinaus nutze die BMW Group ihren gesellschaftlichen Einfluss, indem sie Mitglied in Initiativen wie dem Race to Zero und der Business Ambition for 1.5C sei, ergänzte die Sprecherin laut Medium.

Zur COP26 in Glasgow heißt es unabhängig davon auf der BMW-Homepage:

"Ununterbrochen seit 2008 ist die BMW Group auf den UN Klimagipfeln präsent. Auch auf der COP 26 in Glasgow versteht sich das Unternehmen dabei als Anbieter innovativer Mobilitätslösungen im Kampf gegen den Klimawandel. Mit dem BMW i Vision Circular, der zu 100 Prozent aus sekundären Materialien gefertigt ist, hat die BMW Group ein sichtbares Zeichen ihrer Ambitionen vor Ort. Das Unternehmen geht in Glasgow aktiv in den Dialog mit Stakeholdern und Partnern, um sich über offene Fragen und mögliche Lösungsräume auszutauschen"

Was bedeutet das?

Warum? Diese Frage trieb uns nach der Sichtung der InfluenceMap-Daten um. Denn sowohl Toyota als auch BMW, sowie praktisch alle anderen Autohersteller hätten teils bahnbrechende umweltfreundliche Konzepte (seit vielen Jahren) in der Schublade liegen, um damit ihre Modellpaletten sehr schnell sehr umweltfreundlich zu machen, aber: Man müsste dazu auch liebgewonnene große und schwere, Sprit verbrennende Gewinnbringer (im schlechtesten Fall samt deren Märkten) aufgeben - was sich aber keiner traut. Die Problematik könnte man auch offen artikulieren, stattdessen spricht man aber mit "gespaltener Zunge" und kommuniziert immer noch gern um den heißen Brei herum. Ehrlichkeit in Kommunikation und/oder Produktprogramm wäre hier klar der mutigere Ansatz. Wer traut sich? gs

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