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Lkw-Platooning: MAN sieht große Chancen

MAN kontert Daimler: Ein Platooning-Pilotprojekt von DB Schenker, MAN Truck und der Hochschule Fresenius sieht Potenziale. Neben der Erhöhung von Komfort und Sicherheit sparte man vier Prozent an Treibstoff ein. Man hatte sich allerdings mehr erhofft. Daimler setzt gleich auf autonomes Fahren.

Die Teilnehmer des Platooning-Projekts präsentierten die Forschungsergebnisse beim Abschlussevent im Bundesverkehrs-ministerium in Berlin (v.l.n.r.): Joachim Drees, MAN Truck & Bus, Alexander Doll, Deutsche Bahn, Dr. Tobias Miethaner, Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur, Andy Kipping, Lkw-Fahrer DB Schenker, Prof. Dr. Sabine Hammer und Prof. Dr. Christian Haas, beide Hochschule Fresenius. | Bild: MAN
Die Teilnehmer des Platooning-Projekts präsentierten die Forschungsergebnisse beim Abschlussevent im Bundesverkehrs-ministerium in Berlin (v.l.n.r.): Joachim Drees, MAN Truck & Bus, Alexander Doll, Deutsche Bahn, Dr. Tobias Miethaner, Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur, Andy Kipping, Lkw-Fahrer DB Schenker, Prof. Dr. Sabine Hammer und Prof. Dr. Christian Haas, beide Hochschule Fresenius. | Bild: MAN
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Johannes Reichel
von Tobias Schweikl

Anders als zuletzt Daimler, wo man sich auf Basis von US-Erfahrungen skeptisch über die Effekte sogenannter halbautomatischer Lkw-Platoons zeigte und stattdessen gleich auf autonom fahrende Trucks setzt, sehen die Verantwortlichen bei MAN durchaus Potenzial in der Platooning-Technologie. Im Rahmen des Forschungsprojekts „EDDI“ waren Berufskraftfahrer sieben Monate lang in zwei digital gekoppelten Fahrzeugen auf der Autobahn 9 zwischen Niederlassungen des Logistikunternehmens DB Schenker in Nürnberg und München unterwegs. Nach rund 35.000 Testkilometern lobten die Lkw-Fahrer, die im Abstand von nur 15 bis 21 Metern fuhren, den Fahrkomfort und das allgemeine Sicherheitsempfinden.

Die Projektpartner DB Schenker, MAN Truck & Bus und die Hochschule Fresenius vermeldeten außerdem Einsparungen beim Treibstoffverbrauch von drei bis vier Prozent. Ursprünglich hatte man sich allerdings acht bis zehn Prozent Ersparnis erhofft, was laut MAN-Truck-Chef Joachim Drees aber auf diverse, einem niedrigeren Verbrauch nicht zuträgliche Auflagen in dem Projekt zurückzuführen sei. In der Praxis glaubt man, noch mehr einsparen zu können. Das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur hatte das Forschungsprojekt mit rund 1,86 Millionen Euro gefördert.

„Die Mobilität der Zukunft ist automatisiert und vernetzt. Das gilt auch für die Logistik. Daher unterstütze ich die Branche mit voller Kraft, Technologien wie Platooning zur Marktreife zu bringen. Wir wollen die Prozesse noch sicherer, effizienter und umweltfreundlicher machen – von der Rampe bis zum Kunden. Eine Schlüsselrolle kommt dabei dem Fahrer zu. Im Digital-Truck wird er zur modernen Logistikfachkraft. Dadurch erhält der Beruf neue Zukunftsperspektiven“, so Andreas Scheuer, Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur.

Platooning funktioniert

DB Schenker hat ermittelt, dass Platooning großflächig im Logistiknetz eingesetzt werden könne. „Wir haben unser europäisches Transportnetzwerk analysiert und können konkret sagen, dass etwa 40 Prozent der gefahrenen Kilometer in Platoons durchgeführt werden könnten“, so Alexander Doll, Vorstand Finanzen, Güterverkehr und Logistik der Deutschen Bahn AG.  Notwendig seien allerdings weitere Tests und entsprechende regulatorische Rahmenbedingungen. Am vielversprechendsten sind Einsätze in geschlossenen Arealen wie Häfen oder Logistikterminals, wie es MAN mit dem Hamburger Hafen am Terminal in Altenwerder ab 2021 erproben will. Zu der Pilotstrecke gehört ein 70 Kilometer langer Autobahnabschnitt der A7 ab der Anschlussstelle Soltau-Ost. In Singapur erprobt die MAN-Schwester Scania im Hafen ein ähnliches Konzept seit zwei Jahren, um zu beweisen, wie sich die Produktivität in solchen Einsatzfeldern steigern lässt. Sicherheitsfahrer sind hier noch mit im Cockpit, allerdings erwartet man eine leichtere Zulassung für fahrerlose Systeme in Asien.

Das in den Lkw des Herstellers MAN installierte Platooning-System arbeitete zu 98 Prozent reibungslos. Nur einmal pro 2.000 Kilometer musste vom Fahrer aktiv eingegriffen werden. „Wir konnten zeigen, dass Platooning Potenzial hat, einen Beitrag zur Reduzierung von Verbrauch und CO2-Emissionen zu leisten. In erster Linie freut uns: Das System funktioniert zuverlässig und kann die Sicherheit auf der Autobahn erhöhen. Platooning ist daher für uns ein wichtiger Schritt auf dem weiteren Weg zur Automatisierung“, so Joachim Drees, Vorsitzender des Vorstands von MAN Truck & Bus SE.

Fahrer fühlen sich sicher

Die Hochschule Fresenius untersuchte die psychosozialen und neurophysiologischen Auswirkungen auf die Fahrer. Das Liveerlebnis habe dabei eine deutliche Veränderung in der zuvor teils kritischen Einstellung der Fahrer bewirkt. „Allgemeines Sicherheitsempfinden und Vertrauen in die Technik spiegeln sich in der Bewertung konkreter Fahrsituationen durch die Fahrer wider. Keine wird als unkontrollierbar bezeichnet“, schildert Prof. Dr. Sabine Hammer vom Institut für komplexe Systemforschung an der Hochschule Fresenius.

Als „unangenehm“ aber nicht kritisch wurden ein- oder durchscherende Fahrzeuge anderer Verkehrsteilnehmer empfunden. „Aufgrund der schnellen Reaktionszeiten des Systems würden die Fahrer heute daher einen Abstand von nur zehn bis 15 Metern bevorzugen“, so Hammer.

„Die EEG-Messungen zeigen zwischen den Platoon- und normalen Lkw-Fahrten keine systematischen Unterschiede in der neurophysiologischen Beanspruchung der Fahrer, das heißt hinsichtlich Konzentration oder Ermüdung“, sagt Prof. Dr. Christian Haas, Direktor des Instituts für komplexe Systemforschung. Für den internationalen Einsatz empfehlen die Wissenschaftler weitere Untersuchungen mit längeren Platooning-Phasen.

Funktionsweise Platooning

Unter Platooning versteht man ein Fahrzeug-System für den Straßenverkehr, bei dem mindestens zwei Lkw auf der Autobahn mit Hilfe von technischen Fahrassistenz- und Steuersystemen in geringem Abstand hintereinanderfahren können. Alle im Platoon fahrenden Fahrzeuge sind digital miteinander verbunden. Das führende Fahrzeug gibt die Geschwindigkeit und die Richtung vor.

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