Lighyear 0: Erste Sitzprobe

In Uusikaupunki hatten wir die Gelegenheit, das erste Mal im seriennahen Modell des Lightyear 0 Platz zu nehmen.

Bei Valmet Automotive ist die Serienproduktion des Lightyear 0 gestartet - Zeit, einmal einzusteigen. | Foto: Lightyear
Bei Valmet Automotive ist die Serienproduktion des Lightyear 0 gestartet - Zeit, einmal einzusteigen. | Foto: Lightyear
Gregor Soller

In der Zeit der mobilen Hochsitze wundert man sich, wie tief man in einer Limousine eingebettet sein kann: das Einsteigen in den Lightyear 0 erinnert an die niedrigen und illustren Sportlimousinen und GTs der 1970er Jahre. Und wie diese spart er auch ein bisschen mit dem Platz, denn sein Fokus liegt auf Effizienz - und da hilft flach mit fließenden Linien! Vorn kommt man auch als groß gewachsener Fahrer gut unter, im Fond fehlt es dann schon merklich an Kopffreiheit – zur Repräsentationslimousine für das Niederländische Königshaus reicht es da nicht ganz. Dafür gibt es unter der Heckklappe einen sehr tiefen Kofferraum – der in seiner Länge vom Aeroheck des Autos profitiert.

Innen: Eleganter Stil im niederländischen De Stijl-Style

Typisch niederländisch ist aber die grafische und reduzierte, doch angenehme Gestaltung des Interieurs, das hier ganz eigene Akzente im Bauhaus-Stil oder „De Stijl“ setzt. Helle angenehme Stoffe korrespondieren mit dunkler Wildlederoptik und wie bei Nio sorgt der Naturstoff Karuun für Akzente. Wütende Kinder oder Tiere sollte man nicht ins Auto lassen, denn viele Verkleidungsteile sind aus Gewichtsgründen nur Schaumteile mit eleganten Oberflächen – beißt, boxt und tritt man da zu fest rein, bleibt ein Riss oder eine Beule – wobei unter solchen Umständen auch Edeloberflächen leiden. Gut, für 250.000 Euro könnte man sich auch einen BMW i7 in Full-Spec gönnen – doch dazu hält der Lightyear 0 dann doch massiven Respektabstand.

Das gilt auch fürs Fahrverhalten: Der Lightyear 0 wird nie der knackige Kurvenräuber sein, sondern mit seinen vier Radnabenmotoren eher der Gleiter. Und ja, die Radantriebe bedeuten viel ungefederte Masse, aber sie bringen eben auch viel Effizienz: Laut Patrick Creevey, dem Vehicle Program Manager bei Lightyear, gelangen 99 Prozent des eingesetzten Stroms dann auch ans Rad, womit man hier die maximal mögliche Effizienz böte.

Der Lightyear 0 ist eine Machbarkeitsstudie in „Großserie“

Weshalb man das Erstlingswerk als Statement sehen muss, ein Fahrzeug mit Hilfe von Solarpaneelen auf maximale Effizienz zu trimmen. Ähnlich wie Ferdinand Piëch einst den VW XL1 tatsächlich in Serie brachte - gnadenlos überteuert, in Minimalen Stückzahlen – aber eben ein Statement.

Und genau darum geht es: Mit einem cW-Wert von 0,175 baut Lightyear den aktuellen Aerodynamik- und Effizienzweltmeister, der dank fünf Quadratmeter Solarfläche bis zu 1.000 km Reichweite schafft (im Stadtverkehr Amsterdam) und sich am Tag unter idealen Bedingungen bis zu 60 km Reichweite über die Sonne holen kann. Weshalb ein 60-kWh-Akku genügt und der „0“ nur 1.575 Kilogramm wiegt, ein bisschen mehr als die Hälfte des i7…

Deshalb darf man den Lightyear 0 auch nicht als Luxuslimo sehen, auch wenn er das von der Statur und vom Preis her sicher wäre, sondern als das aktuell sicher effizienteste Auto der Welt mit Perpetuum-Mobile-Potenzial: Denn Pendler in Südeuropa, die tagsüber nicht mehr als die so gern kolportierten 40 Kilometer fahren, bräuchten ihren Lightyear 0 – wie der Name sagt – null mal laden!

Aussagen in diesem Video müssen nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

Weshalb wir – hätten wir die 250.000 Euro übrig – uns den Lightyear gönnen würden – einen niederländischen Technologieträger und 2022er-Rekordhalter made in Finland – womit ihm ein Platz in der ewigen Hall of Fame der Automobilgeschichte schon sicher sein dürfte.

Was bedeutet das?

Lightyear hat es geschafft! Mit dem Lightyear 0 zeigte das Start-up, was in Sachen Effizienz möglich ist. Aber auch Lightyear selbst sieht das Modell, das nur 964 Mal gebaut werden wird als „Auftakt“ hin zum Serienhersteller – der das Ziel hat, dank Sonnenunterstützung vielleicht immer das effizienteste Auto seiner Klasse zu bauen. Und das wird künftig das Kompaktsegment im Bereich der 40.000 Euro sein. Was stückzahlenmäßig klappen kann – aber nie mehr so kultig sein wird wie das Erstlingswerk.

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