Meinungsbeitrag

Leistungsorgien bei E-Autos: Beschränkung statt Beschleunigung!

Die Vorstellung des 600 PS starken Audi e-tron GT gibt Anlass zur Frage, ob die E-Mobilität in die nötige Richtung fährt. Nutzen wir die richtige Technik für die falschen Zwecke, etwa katapulartige Raketenstarts?

Mini-Package, Maxi-Spaß: Ein Elektroauto muss keine zwei E-Maschinen und 600 PS haben, um viel Fahrspaß zu bereiten und zugleich eine saubere Umweltbilanz zu haben, findet VM-Redakteur Johannes Reichel. | Foto: J. Reichel
Mini-Package, Maxi-Spaß: Ein Elektroauto muss keine zwei E-Maschinen und 600 PS haben, um viel Fahrspaß zu bereiten und zugleich eine saubere Umweltbilanz zu haben, findet VM-Redakteur Johannes Reichel. | Foto: J. Reichel
Johannes Reichel

Schön, dass Audi beweist, wie schnell man noch immer ist in Sachen Engineering aus Ingolstadt, wenn es schnell gehen muss. Getrieben von der Abgasdauerkrise im Konzern, der rasch voranschreitenden Transformation extern und mächtig auftrumpfenden Gegenspielern wie Tesla im Nacken, fassten die Ingolstädter sich ein Herz, räumten viele bürokratische und hierarchische Hürden beiseite und stellten eine Elektro-Limousine auf die Räder, die Tesla oder Polestar nicht nachstehen dürfte, schon gar nicht in Sachen Qualität und Wertigkeit.

Warum es allerdings immer solche überzüchteten Superboliden mit völlig alltagsfernen Beschleunigungsleistungen für den Start sein müssen, hat sich uns allerdings auch bei Polestar oder Tesla nicht erschlossen. Und man könnte die Reihe fast beliebig fortsetzen ... Klarer Fall von "technical overkill". Was soll ein Porsche Taycan Turbo S (761 PS, 2,8 s 0-100 km/h), wo schon der normale Taycan 4S geht wie die Feuerwehr und in vier Sekunden auf 100 km/h rast? Was soll ein Tesla Model S Plaid mit 1.200 PS, das in zwei Sekunden auf 100 km/h schnappt? Wohl übergeschnappt? Bezeichnend, dass Porsche auch wie bei einer Rakete von Overboost-Leistung bei "launch control" spricht, als säße hier Major Tom am Start in Cape Canaveral. Wer sich so beschleunigen lassen will, sollte auf den Rummel gehen - oder eine SpaceX mieten, aber bitte keine öffentliche Straße frequentieren.

In Motoristenkreisen ist jetzt immer die Rede von der "Reproduzierbarkeit" dieser irren Katapultstarts. Ja, wo denn?! Auf der Rennstrecke in Neuburg an der Donau vielleicht.

Aber wer kommt schon jemals nach Neuburg, obwohl es dort wirklich sehr schön ist, gerde auch abseits der Rennstrecke. Die meisten zuckeln eher auf ihrer lokale Landstraße hinter einem Traktor oder auf der Autobahn hinter einem Lkw. Und im Dauerstau in der Stadt beträgt die Beschleunigung eher 40 Sekunden auf 50 km/h. Abrüstung ist hier dringend geboten, sonst verpulvern wir die eigentlichen Vorteile der E-Mobilität in Sachen Effizienz durch übertriebene Hochleistungsorgien.

Die Priorität bei der Elektrifizierung sollte nicht so sehr auf Beschleunigung, sondern auf Beschränkung liegen, und zwar auf's Wesentliche.

Wobei schon Vernunft-Stromer wie ein Renault Twingo oder Zoe gefühlt abgehen wie die Post und wie auch ein Mini Cooper SE oder BMW i3s, ja sogar ein schlichter Opel Corsa-e enorm Fahrspaß bereitet. Das muss sich also nicht ausschließen, im Gegenteil. Sonst drohen wir einmal mehr, die richtige Technik falsch einzusetzen.

Also, liebe Audianer, wie wäre es mal hiermit: Einem Fronttriebler mit der völlig ausreichenden 175-kW-Maschine, einem 60 kWh-Akku, 100-kW-Bordlader und 1,8 Tonnen Gewicht mit einem auch aus dem Vernunftpackage resultierenden Verbrauch um die 16 kWh/100 km und das zu einem Preis von sagen wir 50.000 Euro. So wie ein vernünftig-avantgardistischer Audi 100, aber in elektrisch, ein Audi 100 Avant 3.0 sozusagen. Keine Frage, der wäre ein "Volumenmodell" und eine würdige "Speerspitze der E-Mobiltät". Und das wäre aus unserer Sicht wirklich wieder: "Vorsprung durch (vernünftige) Technik". Denn in der Beschränkung liegt der wahre Meister.

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