Meinungsbeitrag

Lastenradförderung: Schnappatmung im Autoland

Der Grünen-Vorschlag zur Förderung der Anschaffung auch privater Lastenräder wird spontan zum Aufregerthema im Wahlkampf und verursacht die üblichen Beißreflexe. Dass der Staat nicht nur E-Autos, sondern jedes Auto indirekt mit 4.000 Euro fördert, erwähnen die Kritiker nicht. Die Förderung könnte ein Signal sein.

Wer Klimaschutz sagt, muss auch Fahrrad sagen: Das umweltfreundlichste Verkehrsmittel neben den eigenen zwei Beinen böte schnelles und effektives Potenzial für die Verkehrswende, vor allem wenn man Lastenräder mitdenkt, findet VM-Redakteur Johannes Reichel. | Foto: HUSS-VERLAG
Wer Klimaschutz sagt, muss auch Fahrrad sagen: Das umweltfreundlichste Verkehrsmittel neben den eigenen zwei Beinen böte schnelles und effektives Potenzial für die Verkehrswende, vor allem wenn man Lastenräder mitdenkt, findet VM-Redakteur Johannes Reichel. | Foto: HUSS-VERLAG
Johannes Reichel

Alle wollen Klimaschutz, aber kaum einer macht mit: Da liegt mal ein schön konkreter Vorschlag auf dem Tisch, nämlich auch private Lastenräder in der Anschaffung mit 1.000 Euro zu fördern und die Zahl der Cargobikes auf eine Million zu steigern, wie es die Grünen jetzt angeregt haben. Und da wird der Vorschlag von den "üblichen Verdächtigen" zerfetzt. Von eine Prämie für hippe Großstädter ist die Rede, Klischees werden gedroschen, bis die Schwarte kracht. FDP-Fraktionsvize Ulrich Lange geißelt die Förderung für "eine Klientel, deren Lebensart von anderen großzügig subventioniert werden soll", die sogenannten sozialen Medien überschlagen sich in Vorwürfen, hier würden die oberen 10.000 alimentiert.

Faktenlage: Die Mär vom urbanen Hippster

Die Faktenlage ist eine komplett andere, wie jetzt Spiegel Online dankenswerterweise geraderückte, mit Verweis auf eine Studie des Sinus-Instituts: Gekauft werden die Cargobikes nicht vom urbanen Besserverdiener-Yuppie, sondern das Kaufinteresse hänge erkennbar von der Höhe des Einkommens ab, sei in der Unterschicht und untereren Mittelschicht sogar stärker ausgeprägt, so die Erkenntnis. Wer weniger verdient, fährt sowieso mehr Fahrrad, mit steigendem Einkommen steigt auch die Autonutzung. Über 100.000 Lastenräder wurden dennoch im vergangenen Jahr gekauft, teils gibt es lokale Förderungen, zumeist aber nur für Gewerbetreibende.

"Lastenfahrräder sind nicht nur ein Gimmick. Sie können einen wichtigen Beitrag leisten, um die Flut an Lieferfahrzeugen in den Innenstädten einzudämmen. Fördergeld schafft Aufmerksamkeit und kann die Leute dazu bringen, zum Beispiel statt eines Zweitwagens ein Lastenrad zu kaufen", analysiert Wolfgang Aichinger, beim Think Tank Agora Verkehrswende für Städtische Mobilität zuständig.

Er verweist darauf, dass neben der Förderung auch die Schaffung einer passenden Lastenradinfrastruktur oder die Einbettung in Logistikkonzepte mitgedacht werden müsse. Zudem vergessen werden die versteckten Kosten des Autoverkehrs. Danach würden nicht nur E-Autos, sondern jedes Auto massiv subventioniert von der Allgemeinheit. Inklusive der Umwelt-, Stau- und Unfallkosten käme jedes Fahrzeug auf 4.000 Euro Extra-Incentivierung durch den Steuerzahler, 20 Cent pro Kilometer, wie Verkehrsforscher Stefan Gössling von der Uni Lund vorrechnet. Die Fahrradnutzung dagegen schaffe eine soziale Rendite von 20 Cent pro Kilometer, nicht zuletzt zur gesparte Gesundheitskosten.

"Das gesamte System des motorisierten Individualverkehrs kostet uns in Deutschland jährlich 110 Milliarden Euro. Mineralöl- und Kft-Steuer bringen lediglich 60 Milliarden Euro ein", konstatiert Verkehrsforscher Andreas Knie vom WZB.

Da sei die angedachte Förderung doch eine bescheidene Summe. Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer: Wer Klimaschutz will, muss auch irgendwo anfangen. Warum nicht mit den "low hanging fruits"? Und an ein Zitat der legendären politischen Ermöglicherin Regine Hildebrandt erinnert: "Erzählt uns doch nicht immer, dass es nicht geht". Sondern, liebe Unionisten und Liberale, erzählt uns doch lieber mal, wie es nach Eurer Ansicht konkret und sofort geht, mit den deutschen Klimazielen. Nicht zulässig: Der nebulöse und fahrlässige Verweis auf "Technologien" und "Erfindungen".

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