Ladetechnik: Juice gliedert F&E in Juice Engineering aus

Die Juice Technology AG strukturiert die Unternehmensbereiche um und separiert das Forschungs- und Entwicklungszentrum

Forschung und Entwicklung sind bei Juice Technology künftig eine eigene Einheit. | Foto: Juice Technology
Forschung und Entwicklung sind bei Juice Technology künftig eine eigene Einheit. | Foto: Juice Technology
Gregor Soller

Die Juice Technology AG, Herstellerin von Ladestationen und -software umfasst neben der Muttergesellschaft die Juice Services AG und die für das Europageschäft zuständige Juice Europe GmbH. Nun wird die Forschung- und Entwicklungsabteilung als Juice Engineering ausgekoppelt, um verstärkt auch Aufträge von Dritten bearbeiten zu können und neue Freiheiten für die Forschung und Entwicklung (F&E) zu generieren, die sich künftig auch verstärkt mit Grundlagenforschung und Komponententests auseinandersetzen wird. Das Ingenieur-Team hat sich in den letzten zwölf Monaten personell verdoppelt. So ist es der Juice Technology AG möglich, immer mehr große Kunden weltweit zu bedienen. Die Dienstleistungen reichen von Anpassungen in Hard- und Software der Juice-Produkte zum Vertrieb als White-Label-Gerät bis hin zu grundlegenden Beratungen und Neuentwicklungen für zukunftsgerichtete Ladelösungen. Vor diesem Hintergrund ist es ein logischer Schritt, die Gruppe der Juice Technology AG weiter auszubauen und die Entwicklungs- und Forschungsabteilung als Juice Engineering auszugliedern.

CEO Christoph Erni erklärt dazu:

„Kunden und Partner aus Europa, Asien und Nordamerika begrüßen diesen Schritt, weil sie dadurch leichter Zugang zu unseren Technologien erhalten. Notwendige Anpassungen, Weiterentwicklungen und neue Lösungen können so noch schneller, unter den besten Voraussetzungen und marktorientiert umgesetzt und Großkunden wie beispielsweise Autohersteller optimal bedient werden. Juice erreicht damit einen weiteren Meilenstein in der Unternehmensgeschichte und erweitert mit der Etablierung des Kompetenzzentrums Juice Engineering das Unternehmensportfolio offiziell um die gesamte Entwicklung und Beratung rund um zukunftsweisende E-Ladetechnologie.“

Dabei verfolgt der Schweizer ehrgeizige Ziele:

„Wir schaffen so den wichtigen Schritt vom Ladestationshersteller zum Technologieführer.“

Im Rahmen der Ausgliederung ist zudem eine „Juice Academy“ geplant, über die Jung-Ingenieure, die im Bereich Forschung und Entwicklung bei Juice arbeiten, bestmöglich aus- und weitergebildet werden können. Norman Steck, Chef-Ingenieur von Juice Engineering, begründet die Academy so:

„Dadurch sichern wir uns einen rasch wachsenden und nachhaltigen Pool von hochkarätigen EV-Spezialisten wie kein zweiter Anbieter im Markt.“

Zur Juice-Gruppe gehören neben der Muttergesellschaft Juice Technology AG ebenfalls die Juice Europe GmbH mit Niederlassung in München und die Juice Services AG, die als Dienstleister die Ladeinfrastruktur über Leasing- und Mietmodelle zur Verfügung stellt. Für die Gruppe arbeiten aktuell 86 Personen an fünf Standorten in der Schweiz, in Deutschland und in China, Tendenz weiterhin stark steigend. Allein im ersten Quartal war es der Juice Technology AG trotz der Corona-Pandemie nach eigenen Angaben möglich, einen Absatz zu verbuchen, der dem des gesamten letzten Jahres entsprach. Durch die schnelle Ausweitung auf fünf Produktionsbändern im 24-Stunden-Betrieb, konnte die exponentiell steigende Nachfrage problemlos bedient werden. Aktuell verdreifacht das Unternehmen seinen Umsatz nach eigenen Angaben jährlich. Juice ist bis heute komplett eigenfinanziert und steht auf solider Basis. Wir wollten die Hintergründe noch genauer wissen und haben bei Christoph Erni nachgefragt. Im Interview gewährte er uns einige hintergründige Einblicke.

 

Die Juice Technology AG strukturiert die Unternehmensbereiche um und separiert das Forschungs- und Entwicklungszentrum. Zu den Hintergründen sprachen wir mit Juice-Gründer und -CEO Christoph Erni.

Herr Erni, trotz Corona-Krise expandieren Sie weiter und gliedern jetzt die Forschung und Entwicklung aus. Also scheinen die Geschäfte gut zu laufen? 

Erni: Ja, in der Tat laufen sie sehr gut. Natürlich hatten auch wir einen kleinen Einbruch, jedoch nur im Endkundengeschäft und der fiel weniger stark aus als befürchtet. Was uns positiv in die Zukunft blicken lässt, denn wir erwarten nach der Krise eine stark ansteigende Nachfrage und haben unsere Produktion bereits hochgefahren, um die Lager zu füllen.

Im Ernst? In der jetzigen Zeit – ist das nicht gewagt?

Erni: Ich halte es hier mit der Rennfahrerlegende Nino Farina, dem ersten Formel-1-Weltmeister, der einmal gesagt haben soll: Wenn ein Unfall passiert, werden automatisch alle langsamer, aber ich steige aufs Gas, denn ich will gewinnen. Ähnlich agieren wir momentan: Denn der „Unfall“ des Corona-Virus ändert langfristig nichts an der Nachfrage und den Herausforderungen des Marktes. Die sind gewaltig. Deshalb haben wir auch unsere Forschung- und Entwicklungsabteilung als autonome Unternehmenseinheit etabliert.

Welchen Vorteil hat das ihrer Meinung nach?

Erni: Es hat mehrere Vorteile. Erstens spürt die Einheit durch die Verselbstständigung von den anderen Bereichen ihre Verantwortung. Die Mitarbeiter dort sind hoch motiviert und das Herzstück des Unternehmens, um unseren technischen Vorsprung auszubauen. Zweitens wird Juice Engineering mit ihren vielseitigen Forschungs- und Entwicklungsleistungen damit auch für unsere Kunden besser sicht- und greifbar.

Das wäre eher ein psychologischer Aspekt?

Erni: Korrekt, denn durch die Ausgliederung erhalten die Mitarbeiter mit der wachsenden Verantwortung ebenfalls mehr Freiheiten, unter anderem um externe Aufträge abzuwickeln. Und die werden ebenfalls mehr.

Können Sie hier konkrete Beispiele nennen?

Erni: Sicher, aktuell geht es hier vor allem um Anpassungsarbeiten für externe Kunden und OEMs. Dazu gehören spezielle Adapter, optische oder andere Detailänderungen. Zunehmend kommen aber auch größere Aufträge dazu, bei denen es um Anpassungen des Lastmanagementsystems für große Kunden geht. Und nachdem diese Aufträge bisher alle sehr gut gelaufen sind, beflügelt das auch das Team. Die Umstrukturierung zeigt den Ingenieuren auch, dass sie wichtig sind und gesehen werden. Nach wie vor führen wir täglich Bewerbungsgespräche und stellen in diesem Bereich jeden Monat weitere neue Mitarbeiter ein. Das gibt dem Bereich F&E ein ganz anderes Selbstverständnis, da sie nicht mehr nur unserem Vertrieb „zuarbeiten“.

Planen Sie dann auch einen Ausbau der Räumlichkeiten und weitere Standorte?

Erni: Beides! Im ersten Schritt werden wir in der Schweiz bleiben, wo wir mit unseren F&E-Räumlichkeiten derzeit insgesamt auf über 1000 Quadratmeter ausbauen und um viel neues Test- und Forschungsequipment erweitert haben. Im nächsten Schritt werden wir unsere F&E-Aktivitäten sicher auch in Deutschland auf die Juice GmbH Europe ausweiten. Und künftig kann ich mir das auch für Asien und Nordamerika vorstellen, aber wir gehen hier sehr pragmatisch vor und treiben das Geschäft in diesen Bereichen erstmal weiter voran. Denn bevor wir auslagern, bevorzugen wir die kürzest möglichen und direkten Kommunikationswege.

Die welchen Vorteil hätten?

Erni: Das ist ein bisschen wie bei der Flüsterpost. Es gibt weniger kommunikative Zwischenverluste. Dazu ein kleines Beispiel. Als ich gestern Abend gegen 23 Uhr das Büro verließ, waren vier Ingenieure immer noch bei der Arbeit. Sie erklärten mir bezüglich eines bestimmten Projektes: Das wird zwar ein Arbeitsmarathon, aber wir sind bereit dafür. Das zeigt mir: Die Leute sind hochmotiviert und stecken tief drin in ihrer Materie. Gleichwohl müssen solche Arbeitszeiten projektbezogene Ausnahmen bleiben und in Zukunft brauchen wir auch regionale Kapazitäten in den einzelnen Märkten vor Ort. Um dort dann ebenfalls wieder die kurzen Kommunikationswege ermöglichen zu können. Weshalb wir aktuell weiter expandieren.    

Ist die Ladetechnik entwicklungstechnisch nicht an einem „Ende“ angekommen? Wir können jetzt eichrechtskonform laden und beherrschen das Lastmanagement immer besser – wo geht die Reise da noch hin?

Erni: Wir sind hier noch lange nicht am Ende! Tatsächlich erinnert mich die Situation an meine Zeit in der IT, wo wir die extrem leistungsfähigen Großrechner hatten. Trotzdem ging die Entwicklung immer weiter, teils mit Aufgaben, die wir uns zum damaligen Zeitpunkt noch gar nicht vorstellen konnten. Um konkreter zu werden: Vor allem mit den Kommunen und Energieversorgern gibt es noch extrem viele Ideen, um das Netz besser zu nutzen und zu steuern. Auch das Thema induktives Laden ist ein aktuelles Thema und softwareseitig gibt es auch noch viele offene Möglichkeiten. Bei der Hardware sehe ich ebenfalls noch Möglichkeiten.

Können Sie da konkreter werden?

Erni: Wir müssen es schaffen, unsere hochwertige Technik noch günstiger zu machen. Denn aktuell können die günstigen Lademöglichkeiten eigentlich fast „nichts“, teilweise sind die Geräte nicht einmal mit der deutschen Niederspannungs-Installationsverordnung AR-N 4100 konform. Da bleibt noch viel Raum, gut vernetzte hochwertige Technik zu niedrigen Preisen anzubieten. Wir arbeiten zum Beispiel an solchen Lösungen, die als Komponenten und Module auch in Geräten von anderen Ladestationherstellern Eingang finden können.

Tatsächlich? Wie kann man sich das genau vorstellen?

Erni: Dazu kann ich ein ganz einfaches Beispiel geben. Nehmen Sie ein simples Relais. Das ist ein Standard-Zuliefererteil, das bei der Ladetechnik im Fahrzeugbereich ganz neuen Herausforderungen ausgesetzt ist und weltweit unter extremen, unterschiedlichsten stromtechnischen Bedingungen funktionieren muss. Deshalb forschen wir hier, wie man solche Teile noch besser machen kann. Zumal viele Verwendungsszenarien auch für die Zulieferer Neuland sind, da es bestimmte Anwendungen der Bauteile so noch nie gegeben hat. Entscheidend ist, dass wir in jedem Bereich „out of the box“ denken statt in ausgetretenen Pfaden zu wandeln. Ich bin sehr glücklich, dass wir bei Juice diesen sprichwörtlichen kalifornischen Groove leben, wo jeder mit 200 Prozent dabei ist.

Was bedeutet das?

Juice expandiert weiter und macht jetzt auch in Forschung und Entwicklung einen sehr großen Schritt.

 

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