Meinungsbeitrag

Kolumne: Verkehrswende in Gefahr - jetzt bloß nicht nachlassen!

Nachdem die Pandemie kurz die Chance für Mobilitäts- und Gewohnheitswechsel bot, schließt sich das Gelegenheitsfenster. Die Politik muss gegenhalten, sonst ist das Auto der "Gewinner" der Krise - und Klima und (lebenswerte) Städte sind die Verlierer.

Lastenräder als Teil der Lösung: Für innerstädtische Logistik wie für private Transporte muss es dank Elektrifizierung nicht mehr das Auto sein, findet VM-Redakteur Johannes Reichel. Es geht auch anders - und muss anders gehen, wenn die Verkehrs- und Klimawende nicht in Gefahr geraten soll. | Foto: HUSS-VERLAG
Lastenräder als Teil der Lösung: Für innerstädtische Logistik wie für private Transporte muss es dank Elektrifizierung nicht mehr das Auto sein, findet VM-Redakteur Johannes Reichel. Es geht auch anders - und muss anders gehen, wenn die Verkehrs- und Klimawende nicht in Gefahr geraten soll. | Foto: HUSS-VERLAG
Johannes Reichel

Man kann nur von einem typischen "Rebound"-Effekt sprechen, wie er in der Sozialwissenschaft klassisch beschrieben wird: Auf den kompletten Einbruch der (Auto)Mobilität folgt unter den veränderten Vorzeichen der Virus-Krise eine Zurückschlagen des Pendels. Wenn ein Drittel der befragten Personen statt den Öffis jetzt das eigene Auto nutzen und von den "oberen 10.000" überhaupt keiner mehr öffentlich fährt, dann ist das erstens klimatechnisch und zweitens gesellschaftspolitisch alarmierend.

Zumal immer die Gefahr besteht, dass sich solche Strukturen und Gewohnheiten schnell verfestigen - und neue alte "Pfadabhängigkeiten" entstehen. Und es ist daher gut und wichtig, dass zumindest die Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) und die Wissenschaft warnt. Aber was sagt eigentlich der Verkehrsminister Scheuer von der Schwesterpartei CSU zu diesem sich abzeichnenden, verheerenden Rückschritt in Sachen Verkehrswende?

Wie sich gegensteuern lässt

Die Frage ist darüber hinaus, wie sich gegensteuern lässt. Die Angst fährt in den Öffis - wie im Übrigen auch in den eigentlich sehr umweltfreundlichen Bussen der schwer gebeutelten Reisebranche - nun mal weiter mit und Abstände lassen sich hier nur schwerlich einhalten. Investieren in höhere Aufenthaltsqualität im ÖPNV, das sagt sich leicht, aber die VDV-Unternehmen waren ja schon vor der Krise gnadenlos unterfinanziert.

Jetzt kommen Einnahmeausfälle von bis zu 50 Prozent hinzu, die Wende zur Elektrifizierung der Fahrzeuge muss gestemmt und zugleich mehr Platz geschaffen werden. Das wirkt wie die Quadratur des Kreises. Guter Rat ist in der Tat "teuer", ganz im Wortsinne.

Kurzfristig könnte es für die Mobilitätswende helfen, wenn die Politik in Sachen Ausbau des Radwegnetzes nicht "vom Gas" geht und wie das in Dänemark oder den Niederlanden der Fall ist, auch Umland-Pendler mit Radschnellwegen aufs Bike bringt. Denn nachdem die erste Welle der Pandemie überstanden war, nahmen natürlich auch wieder die Aktionsradien zu - entsprechend weniger war dann das Fahrrad oder die eigenen Füße, aber häufiger das Auto das "virensichere" Verkehrsmittel der Wahl.

Wer individuell unterwegs sein will, aber dennoch im ÖPNV-System, für den könnten die jetzt häufiger in Kooperation mit ÖPNV-Unternehmen angebotenen On-Demand-Shuttles eine Lösung sein.

Auch die Sharing-Angebote mit E-Tretroller, E-Motorrollern oder E-Bikes und E-Cargobikes könnten die Leute davon abhalten, wieder vermehrt ins Auto zu steigen, wenn man sie auf das Umland ausdehnt. Das zeigen auch erste Auswertungen nach einem Jahr "E-Tretroller".

Oder eben die noch verstärkt in der Pandemie "wie warme Semmeln" verkauften privaten Pedelecs, die nicht nur für Feiertagsaktivitäten in den Garagen und Kellern reserviert sein sollten, sondern die für die Alltagsmobilität taugen.

Für Fernreisen sollten die Bahnangebot ausgebaut und verknüpft werden mit Vor-Ort-Mobilität per Mietwagen oder Mietrad. Auch die von der DB kaputtgesparten Nachtzugverbindungen gehören jetzt wieder auf die Agenda, das Beispiel Österreich zeigt wie das geht. Überhaupt: Hier hat die Regierung jüngst ein sogenanntes Klimaticket eingeführt: Mit dem 1,2,3-Ticket lassen sich für gut 1.000 Euro Busse und Bahnen im gesamten Land unbeschränkt nutzen - formal für 3 Euro am Tag. Die deutsche Politik kann aus vielen "Best-Practice"-Beispielen im Ausland lernen und sie kreativ kombinieren.

Vor allem aber muss sie schnell handeln. Lässt man die Entwicklung laufen, droht unweigerlich der Verkehrs- und dann auch Klimakollaps. Dann hätte das Pendel in der Pandemie auf ganz fatale Weise zurückgeschlagen.

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