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Katja Diehl: Raus aus der Auto-Kratie - wie die Verkehrswende läuft - und warum so zäh

Für ihr zweites Werk bürstet die Autorin und Mobilitätswenderin weiter gegen den Strich - und versammelt wichtige Stimmen der Gegenwart zu einem Panoptikum des "geht eben doch", mit besserer, nachhaltigerer Mobilität. Aber eben auch: Warum wider besseres Wissen so wenig passiert. VM durfte schon probelesen.

Klare Sicht durch die Windschutzscheibe: Katja Diehl hält uns einmal den (Rück)Spiegel vor und skizziert, wie tief das Autofahren in der "Werkseinstellung" der Mobilität in Deutschland verankert ist. | Foto: S. Fischer
Klare Sicht durch die Windschutzscheibe: Katja Diehl hält uns einmal den (Rück)Spiegel vor und skizziert, wie tief das Autofahren in der "Werkseinstellung" der Mobilität in Deutschland verankert ist. | Foto: S. Fischer
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Johannes Reichel

Während die Mobilitätsexpertin und Bestseller-Autorin Katja Diehl in ihrem ersten Buch "Autokorrektur" Menschen mit ihren individuellen Bedürfnissen in Sachen Mobilität in den Fokus genommen hat, geht es ihr nun im programmatisch "Raus aus der AutoKratie. Rein in die Mobilität von morgen" betitelten Werk (S. Fischer Verlag) um die Hürden der Verkehrswende auf gesellschaftlicher und systemischer Ebene. Ihr Antrieb dabei: Ungerechtigkeit des aktuellen Verkehrssystems, wie sie im Prolog beschreibt. Autofahren sei quasi die "Werkseinstellung" von Mobilität in Deutschland und tief im Bewusstsein der Bevölkerung verankert.

"Mit diesem Buch möchte ich im ersten Teil wieder Expert:innen versammeln, die mit mir in die Problemanalyse gehen. Warum geschieht trotz aller Erkenntnis, aller wissenschaftlicher Fakten um planetare Grenzen, Kipppunkte und CO2-Restbudgets ausgerechnet im Verkehrssektor nichts, was Gerechtigkeit gewährleistet, vor allem zukünftigen Generationen und dem Globalen Süden gegenüber? Im Gegenteil: Wir fahren rückwärts! Steigende Emissionen und Autozulassungszahlen sind der Beweis der verfehlten Verkehrspolitik", so das Urteil der Mobilitätswenderin, die sich für ihre klaren Analysen und Wort massiven Anfeindungen, Gewaltandrohungen und Hate Speech ausgesetzt sieht.

Sie fragt dennoch weiter: Warum geschieht nichts? Warum verharren wir im Stillstand, obwohl das Wissen um eine zukunftsgerechte Mobilität uns allen zur Verfügung steht? Welche Stellschrauben sind rostig – gesellschaftlich wie politisch? Welche Rolle spielen Industrie und Medien? Was hat die Wissenschaft zu sagen und welche rechtlichen Hindernisse gilt es zu überwinden?

"Die Armen" werden immer bemüht, wenn sich nichts ändern soll

Fast schon reflexhaft würden, so skizziert sie gewohnt anschaulich, "die Armen", die "Arbeiter:innen, die ohne Auto nicht zur Arbeit kommen könnten", "ältere Menschen im ländlichen Raum" und "Behinderte" vorgeschoben, wenn es um den notwendigen Umbau unseres autozentrierten Systems geht.

"Nie sonst interessieren sich Bürger:innen und Politik für diese Gruppen, es sei denn, sie können als Ausrede dienen, warum auch weiterhin kaum Geschwindigkeit bei der mobilen Transformation aufgenommen werden kann", analysiert sie. 

Das politische Verzögerungsdiktum "Wir müssen alle mitnehmen" ist aus Diehls Sicht ein vergiftetes Versprechen, weil es nicht ehrlich ist. Denn das "alle" beziehe sich ausschließlich auf jene, die heute noch im Auto sitzen. Es beziehe sich nicht auf die 26 Millionen Erwachsenen und Kinder ohne Führerschein und ebenso wenig die Radfahrer:innen und den Fußverkehr.

"Es fokussiert sich ausschließlich auf die Gruppe der Autofahrenden, von denen sicher nicht wenige aktuell noch vom Auto abhängig sind, um ihr Leben zu bestreiten", stellt die Autorin fest.

Ziel ihres Buches ist es auch, die Lesenden in den "Status eines weißen Blatts Papier" zu versetzen:

"Was würden Sie sich wünschen, wenn Sie Ihren Alltag ideal gestalten sollten? Wenn wir JETZT beginnen würden, unsere Lebensräume zu gestalten. Ist das, was Sie vor der eigenen Haustür in der Stadt sehen, wirklich so erhaltenswert?", fragt Sie mehr oder minder rhetorisch.

Und unterfüttert ihre Thesen wie gewohnt mit einem Berg an Fakten. Wie zum Beispiel: Aktuell kommen auf jeden Menschen zwischen 0 und 120 Jahren in Deutschland 0,6 Autos. Nur maximal zehn Prozent der Pkw bewegen sich gleichzeitig, es stehen immer mindestens 90 Prozent irgendwo herum (nicht selten im Weg oder im öffentlichen Raum oder beides zugleich).

"Würden alle Deutschen in alle Autos steigen, blieben alle Rückbänke leer. Im beruflichen Pendelverkehr liegen wir aktuell bei einem Besetzt-Grad von 1,057 Personen. Schon diese wenigen Zahlen beweisen, wie irrational Auto(im)mobilität ist", so ihre Schlussfolgerung.

Ein weiteres Beispiel: Im Durchschnitt wurde 2022 alle 20 Minuten ein Kind bei einem Unfall verletzt oder getötet. 25 755 Kinder wurden (schwer) verletzt, 51 verloren ihr Leben. "Das muss sich dringend ändern", fordert Diehl. Vision Zero müsse das Ziel sein, also null Verkehrstote. Wer das Ziel ernst nimmt, das sich versteckt auch im aktuellen Koalitionsvertrag findet, muss radikal anders denken und handeln.

"Die Schwächsten im Verkehr zu priorisieren, bedeutet, Autos ihre Privilegien zu nehmen", redet Diehl Klartext.

Ohnehin findet sie: Der Markt für das Auto ist längst übersättigt. Das zeigen Staus von einer Länge mehrfach um den Äquator, verlorene Lebenszeit und Gesundheit beim Pendeln und Parksuchverkehr mit einem Anteil von bis zu 40 Prozent am Stadtverkehr.
 

Nicht behaupten, belegen: Der Fundus an Fakten ist beeindruckend

Katja Diehl hat für ihr zweites Werk mit zahlreichen Expert*innen gesprochen, aber auch mit Gestalter*innen, die die Transformation bereits voranbringen. So zeigt sie, geschickt ineinander verwoben und gegliedert in drei Kapitel (Problemzonen, (Still)Stand der Dinge, Gestalter:innen), mit unzähligen Fußnoten gespickt und belegt, wie aus den Visionen von Mobilität eine liebenswerte Welt werden kann - und wer und wie sich wirklich etwas drehen lässt, in Sachen nachhaltiger Mobilität.

"Wir könnten es schöner haben – und gesünder. Wenn es um die Frage geht, welche Rolle die Mobilitätswende dabei spielt, hat Katja Diehl viele gute Antworten. Mit ihrem Expertinnenwissen zeigt sie immer wieder konkrete Ideen und Konzepte auf, die uns aus der Abhängigkeit vom Auto befreien und die Städte sowie den ländlichen Raum lebenswerter machen würden", meint etwa Eckart von Hirschhausen. 

Auch Ökonomin Claudia Kemfert, mit der Diehl ebenfalls gesprochen hat, ist von dem Werk angetan und findet, Diehl habe ein Talent dafür, Lust auf Veränderung auszulösen. Bei der Mobilitätswende gehe es ihr um die Menschen – das mache ihre Arbeit so wertvoll, findet die Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung sowie Professorin an der Leuphana Universität Lüneburg. 

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