Jaguar Land Rover: Elektrischer Umbau

Der neue Jaguar Land Rover-CEO Thierry Bolloré hat seine Zukunftsstrategie für die britischen Marken vorgestellt: Alle künftigen Modelle sollen auf insgesamt drei Plattformen stehen. Jaguar soll ab 2025 nur noch Elektroautos bauen - Land Rover perspektivisch eines pro Baureihe.

Starke Ansage: Der neue Jaguar Land Rover-CEO Thierry Bolloré hat seine Zukunftsstrategie "Reimagine" präsentiert. | Foto: Jaguar Land Rover
Starke Ansage: Der neue Jaguar Land Rover-CEO Thierry Bolloré hat seine Zukunftsstrategie "Reimagine" präsentiert. | Foto: Jaguar Land Rover
Gregor Soller

Nachdem Luca de Meo bei Renault als Bolloré-Nachfolger die „Renaultlution“ ausrief, vermeldete der Franzose in britischen Diensten sein Programm für Jaguar Land Rover. Es heißt "Reimagine“. Schon ab 2025 soll Jaguar zur rein elektrischen Marke werden und bis 2030 soll für alle Modellreihen von Jaguar Land Rover eine elektrische Variante verfügbar sein. Der erste elektrische Land Rover soll bereits 2024 starten. Perspektivisch plant Bolloré, das 2025 100 Prozent der Jaguar-Verkäufe und bis 2030 rund 60 Prozent der Land Rover-Modelle rein elektrisch verkauft werden.

Jaguar-Streichkonzert: Der projektierte, fast fertig entwickelte XJ wird gekippt, XE und XF entfallen mittelfristig. Neue Stromer sollen folgen.

Dafür erhält Jaguar eine komplett neue modulare elektrische Plattform, welcher der für 2022 angekündigte elektrische XJ zum Opfer fällt. Er sollte ursprünglich die für den I-Pace separat entwickelte MLA-Plattform nutzen und nur noch elektrisch gegen S-Klasse und Co. antreten. Doch Jaguar hat nachgerechnet und den Tech-Check gemacht und dabei wohl herausgefunden, dass der fast fertig entwickelte XJ nicht mehr zur künftigen Ausrichtung passe. Doch der XJ ist eine Ikone, weshalb ein komplett neuer XJ auf neuer Plattform durchaus Zukunft im Programm haben könnte – allerdings auf der neuen Plattform.

Denn die neue Jaguar-Familie wird komplett anders aufgestellt – natürlich SUV-lastiger: Dazu gehört eventuell ein „J-Pace“, der als großes Top-SUV eng mit einem künftigen elektrischen Range Rover verwandt sein dürfte. Darunter dürften kleinere, sportlichere elektrische Jaguar-SUV die Nachfolge von E- und I-Pace antreten. Allen gemeinsam ist die neue MLA-Architektur, die auch für Land Rover genutzt wird. Sämtliche andere Jaguar sollen auf einer Jaguar-eigenen Elektroauto-Architektur stehen, die kompaktere und niedriger gebaute Modelle ermöglicht – auch, um Land Rover nicht zu sehr zu kannibalisieren. Die aktuellen Modelle sollen laut Bolloré bis zu ihrem Produktlebensende weiter produziert werden. XE und XF erreichen 2025 planmäßig das Ende ihrer Produktzyklen. Sie werden aller Voraussicht nach durch einen kompakten Elektro-Jaguar ersetzt.

Mutig: Land Rover wird wieder stärker von Jaguar differenziert

Land Rover wird für neue Modelle die bekannte modulare Längsarchitektur MLA (Modular Longitudinal Architecture) beibehalten, zumal man in vielen Märkten agiert, die auf absehbare Zeit dem Verbrenner treu bleiben werden. MLA ist für konventionelle Antriebe sowie für Mild- und Plugin-Hybride ausgelegt – kann aber auch vollelektrische Versionen. Ihr soll dann eine neue modulare elektrische Plattform EMA (Electric Modular Architecture) folgen – auch sie ist für alle Antriebsformen ausgelegt, soll aber zunächst für rein elektrische Antriebe verwendet werden. Ähnlich agiert übrigens BMW bei CLAR II, der Cluster Architektur II.

Insgesamt sollen so sechs rein elektrische SUV in den kommenden fünf Jahren starten. Entsprechend sollen fast alle Modelle mit Elektroantrieben ausgerüstet werden – auch der Defender – zumal auch Daimler analog eine rein elektrische G-Klasse in der Pipeline hat. Dazu könnte ein seit langem kolportierter „Road Rover“ zwischen Velar und Evoque kommen, der intern unter dem Arbeitstitel "Medium SUV" lief. Er soll, wie der Name schon sagt, niedriger als die klassischen SUV bauen und eher ein „CUV“ werden – rein elektrisch. Antreiben sollen ihn zwei E-Motoren – einer pro Achse. Ein 90 kWh-Akku soll für bis zu 480 Kilometer Reichweite gut sein.

In Sachen Produktion hält Jaguar Land Rover laut Bolloré weiter an allen Werken in Großbritannien und global fest. Das Werk Solihull produziert neben der MLA-Plattform künftig auch die neue EMA-Basis. Außerdem investieren die Briten eine Milliarde Pfund (umgerechnet knapp 1,1 Milliarden Euro) in das Werk Castle Bromwich, um es als Elektroauto-Produktionszentrum umzubauen.

Auch die Brennstoffzelle hat Zukunft

Interessantereise verfolgt der Konzern auch die Brennstoffzelle weiter. Hier soll eine Entwicklung unter dem Namen „Project Zeus“ mit Hochdruck vorangetrieben werden. Ein erster Prototyp soll zeitnah in die Erprobung gehen. Dabei handelt es sich wohl um ein eher kompaktes SUV in der Größe des Evoque. Ab 2023 könnten dann erste größere Brennstoffzellen-SUV in Serie gehen. Hinter dem Project Tucana steht dagegen ein Leichtbau-Chassis für kommende Elektroautos. All diese Ansätze kennt man übrigens auch von BMW, wo Karosserien mit Kohlefasersegmenten leichter werden sollen und man „nebenbei“ auch an der Brennstoffzelle forscht – zusammen mit Toyota. Doch da man Antriebe perspektivisch auch mit Jaguar Land Rover entwickeln will, könnten die Bande zwischen Bayern und den Midlands noch enger werden. Auch die weitgehend brachliegenden Synergien mit der indischen Mutter Tata vor allem bei Kompakt-SUV sollen stärker gehoben werden.

Refocus: In UK sollen die Hierarchien flacher werden

Treiber dieser Transformation soll intern auch das kürzlich angelaufene „Refocus“-Programm sein. Es besteht zum einen aus neuen, funktionsübergreifenden Aktivitäten, zum anderen aus Initiativen wie „Charge+“, die bis Ende 2021 Einsparungen in Höhe von 6 Milliarden Pfund Sterling (rund 6,8 Milliarden Euro) generiert haben wird. Zur „Reimagine“-Strategie gehört, Jaguar Land Rover neu zuzuschneiden, neu auszurichten und neu zu organisieren, um das Unternehmen agiler zu machen. Flachere Strukturen sollen die Mitarbeiter befähigen, schneller und zielorientierter zu arbeiten und zu entscheiden.

Um diesen Prozess zu beschleunigen, wird Jaguar Land Rover seine Infrastruktur in Großbritannien abseits der Produktion erheblich rationalisieren. Das Technologie- und Entwicklungszentrum in Gaydon wird dabei zum neuen Headquarter. Dort werden der Vorstand und andere wichtige Managementfunktionen zusammengeführt, um eine reibungslose Zusammenarbeit und agile Entscheidungsfindung zu ermöglichen.

Was bedeutet das?

Die Welt dreht sich sehr schnell zur Zeit. Das bekommt auch Jaguar Land Rover zu spüren, wo man bis vor einigen Jahren noch gut von den konventionellen Modellen leben konnte. Deshalb muss Thierry Bolloré den Konzern komplett umkrempeln. Jaguar wird komplett elektrisch, der fast fertige XJ wurde gekippt und eine neue Jaguar-eigene elektrische Plattform soll sportliche Fahrzeuge bis hin zu einem XJ ermöglichen. Zum eigentlichen Markenkern, reinen Sportwagen, wollte sich Bolloré noch nicht äußern. Land Rover soll sechs elektrische SUV erhalten, die alle auf der bekannten MLA-Plattform stehen. Dazu könnte ein Road-Rover das Portfolio ergänzen, eventuell auf Jaguars BEV-Architektur. Dafür könnte das große Jaguar-SUV sich die Basis mit dem neuen Range Rover teilen, beide dürfte es auch elektrisch geben.

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