ITS World Congress 2021: ZF und DB Regio setzen auf autonome Shuttles

Elektrisch angetriebene autonome Shuttle-Systeme sollen zum "game changer" im ÖPNV werden: Zugleich soll sich der Verkehr reduzieren und der Komfort erhöhen. Einsatz auf abgetrennten Spuren löst Stauproblem. Anbindung des ländlichen Raums auf stillgelegten Schienen. Kooperation mit Oxbotica.

Gemeinsam autonom: Frank Klingenhöfer, Vorstand DB Regio Bus (re.), und Torsten Gollewski, Leiter Autonomous Mobility Systems von ZF, bei der Unterzeichnung der Absichtserklärung. | Foto: ZF
Gemeinsam autonom: Frank Klingenhöfer, Vorstand DB Regio Bus (re.), und Torsten Gollewski, Leiter Autonomous Mobility Systems von ZF, bei der Unterzeichnung der Absichtserklärung. | Foto: ZF
Johannes Reichel

Die DB Regio AG und die ZF Friedrichshafen AG haben eine strategische Partnerschaft geschlossen, um hochautomatisierte und autonome Bus-Shuttles in Deutschland schneller auf die Straße zu bringen. Beide Unternehmen sehen große Chancen darin, mit fahrerlosen Shuttlesystemen den Verkehr der Zukunft zu entlasten und sichere, effiziente und umweltschonende Mobilität anzubieten.Nach Einschätzung von DB Regio – Marktführer im bundesdeutschen Nahverkehr – sind in Deutschland bis zum Jahr 2035 über 30.000 hochautomatisierte oder autonome Shuttlebusse notwendig, um den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) für die Zukunft zu stärken. Daher haben die DB Regio AG und die ZF Friedrichshafen AG Anfang Oktober 2021 einen Kooperationsvertrag unterschrieben, um den Linienverkehr von hochautomatisierten und autonom fahrenden Shuttles in Deutschland zu entwickeln. Im Fokus stehen dabei Regionen und Städte, die schon auf die Services von DB Regio setzen und keinen eigenen ÖPNV betreiben – ebenso aber auch Kooperationen mit Großstädten und Landkreisen sowie neue Anwendungsgebiete wie etwa Flughäfen oder Freizeitparks.

„Mit seinem langjährigen Know-how über lokalspezifische Belange des städtischen, kommunalen und interkommunalen Personenverkehrs ist DB Regio für uns der ideale Partner, um unsere autonomen Shuttlesysteme Regionen, Städten und Gemeinden als jeweils passgenaues Angebot anzubieten“, sagt Torsten Gollewski, Leiter Autonomous Mobility Systems bei ZF.

Aller Voraussicht nach werden sich hochautomatisierte und autonome Systeme zunächst im ÖPNV und bei Nutzfahrzeugen durchsetzen, glaubt man bei ZF. Die Tochter 2getthere, die die Shuttles entwickelt und produziert, betreibe seit über 20 Jahren solche Shuttlesysteme und habe mehr als 100 Millionen Kilometer autonom zurückgelegt und über 14 Millionen Menschen bei einer mehr als 99-prozentigen Systemverfügbarkeit transportiert. Neben den rein batterieelektrisch angetriebenen, autonom fahrenden Shuttlefahrzeugen, die der Konzern seit der Übernahme des Unternehmens 2getthere im Jahr 2019 im Portfolio hat, biete man nun auch sämtliche Leistungen, die für Planung, Realisierung, Betrieb, Wartung und Reparatur eines autonomen Shuttlesystems notwendig seien, wirbt der Anbieter weiter.

„Die aktuelle Shuttlegeneration ist auf den Betrieb in baulich abgetrennten Fahrspuren ausgerichtet – diese Anwendung bedeutet für viele Städte bereits eine Entlastung der angespannten Verkehrssituation“, plädiert Gollewski.

Zugleich kündigte der Hersteller an, dass man gemeinsam mit dem Spezialisten Oxbotica ein selbstfahrendes Level-4-System entwickeln will, das in verschiedene Fahrzeuge integriert werden kann – etwa in Shuttles als Mobility-as-a-Service (MaaS) für den Personen- und Gütertransport in städtischen Umgebungen auf Abruf. Die Unternehmen verfolgten beide die Vision einer Zukunft der Mobilität und das "transformative Potenzial autonomer Technologien" in verschiedensten Branchen, in denen Menschen und Güter transportiert werden, wie es zur Erklärung heißt. Teil der vereinbarten Partnerschaft ist die Übernahme von fünf Prozent des Unternehmens Oxbotica durch ZF. Der Automobilkonzern erhält dafür einen Sitz im Oxbotica-Beirat. Die beiden Unternehmen arbeiten seit 2019 zusammen. Oxbotica hat dabei die Integration von Software für autonome Fahrzeuge mit der ZF ProAI, einem KI-fähigen Supercomputer für die Automobilindustrie, sowie mit dem Full-Range-Radar der Friedrichshafener abgeschlossen.

 

Anbindung des ländlichen Raums ermöglichen

Auch die Anbindung des ländlichen Raums könnten Metropolen oder mittelgroße Städte auf diese Weise deutlich verbessern, plädiert der Anbieter. So ließen sich stillgelegte Schienentrassen zu autonomen Shuttlestrecken umfunktionieren, zu deutlich geringeren Kosten, die alternativ die Reaktivierung elektrischer Schienenfahrzeuge mit sich brächte. Autonome Shuttlesysteme auf abgetrennten Fahrspuren seien aber auch für die Fahrgäste besonders attraktiv, da sich so keine Verzögerungen durch Staus ergeben, ein Vorteil gegenüber Robo-Taxis, die sich als regulärer Verkehrsteilnehmer durch überlastete Straßen bewegten, wie der Hersteller weiter argumentiert. Dank der hohen Taktung und Pünktlichkeit autonomer Shuttles könnten so viele Passagiere schnell und komfortabel ans Ziel gelangen, was wiederum die Akzeptanz des Transportmittels in der Bevölkerung erhöhe und andererseits die Fahrzeugdichte in Innenstädten reduziere.

„Wir integrieren bereits heute autonome Fahrzeuge in den Nahverkehr und bringen so die Mobilitätswende und den Klimaschutz aktiv voran. Mit ZF hat DB Regio Bus einen starken Technologiepartner an der Seite, um den ÖPNV mit elektrischen, autonomen und flexiblen Shuttle-Bussen zu stärken. Wir verfolgen damit ein gemeinsames Ziel: die Straßen in Ballungsräumen, Städten und Gemeinden zu entlasten und den ÖPNV lokal emissionsfrei zu gestalten“, meint Frank Klingenhöfer, Vorstand DB Regio Bus.

Autonome Fahrzeuge müssten maximal zuverlässig und sicher sein, um im Linienbetrieb mitzufahren, meint er. Die autonomen Busse und die darin eingesetzten Technologien von ZF seien dabei richtungsweisend. In den kommenden Jahren gelte es, Shuttles auf den Markt zu bringen, die heute bereits mit bis zu 40 km/h – und in Zukunft mit höheren Geschwindigkeiten im Überlandverkehr – unterwegs sein können.

Erster autonomer Shuttle in Bad Birnbach seit 2017

Im Herbst 2017 hatte die DB in Bad Birnbach erstmals in Deutschland autonomes Fahren im öffentlichen Personennahverkehr und im öffentlichen Straßenraum realisiert. Seitdem haben die Shuttles im Linienbetrieb mit festen Fahrplänen mehr als 60.000 Fahrgäste ans Ziel gebracht. Die Anbindung an den Bahnhof hat insbesondere den Anschluss an die klimafreundliche Schiene verbessert. Die Deutsche Bahn beteiligt sich seit mehreren Jahren als Technologietreiber für neue Mobilität an autonomen Bussen in diversen Städten und Regionen in Deutschland.

Der Zulieferkonzern bringt in die Kooperation seine gesamte Kompetenz als Systemlieferant für hochautomatisierte und autonome Shuttle-Lösungen sowie sein umfassendes Servicenetz ein. Dies umfasst im engen Austausch mit DB Regio die Projektierung, Planung, Streckenführung, Inbetriebnahme und Wartung der Shuttles sowie vielfältige Serviceleistungen für sie. DB Regio übernimmt den kompletten Betrieb der Mobilitätslösung. Erste Serienprojekte, die alle auf konkreten Bedarfsanfragen von Städten oder Kommunen basieren, wurden bereits identifiziert. Mit RABus, einem bis zum Jahr 2024 angelegten Förderprojekt des Landes Baden-Württemberg, sind die beiden Partner in Mannheim und Friedrichshafen bereits auf dem Weg zur Umsetzung der Shuttleanwendungen in einem Wohngebiet beziehungsweise im innerstädtischen, im Stadt-Umland- und im Überland-Verkehr.

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