Interview Benteler: "Helfen Herstellern, schneller am Markt zu sein"

Marco Kollmeier, Vice President der Business Unit Electro-Mobility Benteler Automotive sieht mehr Nachfrage als Angebot bei der E-Mobilität und positioniert den Zulieferer- und Technologiekonzern als "Türöffner" für neue Hersteller. Ziel ist der Aufbau eines E-Mobility-Ökosystems.

Da kommt was ins Rollen: Mit dem sogenannten Rolling Chassis will Benteler neuen Autoherstellern einen schnelleren Einstieg in die E-Mobilität ermöglichen. | Foto: Benteler
Da kommt was ins Rollen: Mit dem sogenannten Rolling Chassis will Benteler neuen Autoherstellern einen schnelleren Einstieg in die E-Mobilität ermöglichen. | Foto: Benteler
Johannes Reichel

Das Thema Elektromobilität wird derzeit vielseitig diskutiert und die Verkäufe ziehen gerade stark an. Wie nehmen Sie die Entwicklung war?

Marco Kollmeier: Die Nachfrage ist zurzeit tatsächlich größer als das Angebot. Und E-Mobilität wird auch weiterhin an Bedeutung zunehmen. Das sehen wir beispielsweise an der öffentlichen Diskussion um Fördergelder. Hier wird verlangt, diese an neue, CO2-sparende Technologien zu binden. China wiederum hat die Subventionen für Elektroautos weiter verlängert, bis 2022. Da gibt es für Automobilzulieferer konkreten Bedarf, den wir mit dem Benteler Electric Drive System (BEDS) schließen.

Sie sprechen das Rolling Chassis an, dass Sie auf der CES 2020 zusammen mit Bosch vorgestellt haben. Dazu kamen Partnerschaften mit der Designschmiede Pininfarina S.p.A. und den Akustik-Experten von Vibracoustic. Wie hat sich das System seitdem technologisch weiterentwickelt?

Kollmeier: Wir entwickeln nicht nur ein ganzheitlich integriertes System in Form des Rolling Chassis immer weiter. Mit unserer Systemkompetenz bieten wir das komplette Engineering an – einschließlich Definition der Kinematik, Fahrverhalten, Mule- und Prototypenaufbau. Dabei können unsere Kunden wählen, ob sie selbst herstellen oder von uns fertigen lassen wollen. Benteler entwickelt entlang der gesamten Systemproduktpalette: von elektrifizierten Vorder- und Hinterachsen-Modulen bis hin zu Batterie-Packs. Die Liste ist lang. Zusammen mit unseren Partnern haben wir zuletzt die Schnittstellen zu E-Powertrain, Elektrik/Elektronik und Karosserie optimiert.

Sie sehen: E-Mobilität ist für uns ein Wachstumsfeld, in das wir gezielt investieren und mit Produkten und Services ausbauen.

Stichwort: Mechanische Integration der Systeme innerhalb des Rolling Chassis. Aus welcher Expertise und welchen Bauteilen können Kunden schöpfen?

Kollmeier: Wir sind ein ausgewiesener Experte für die Herstellung von Fahrwerksystemen, für Batterie-Module und des Crash- und Wärmemanagements. So ist Benteler ein führender Hersteller von Batteriewannen. Im Zusammenspiel mit unserer Expertise bei Kühlsystemen haben wir ein vollmodulares Batterie-Pack entwickelt, das sich in die Fahrzeugkarosserie integrieren lässt. Dazu zählen die Aluminiumwanne, die Kühlung, die Batteriemodule sowie die Hochspannungsverkabelungen und -anschlüsse. Zudem haben wir ein integriertes E-Chassis-Modul für Vorder- und Hinterachse entwickelt.

Aus welchen Komponenten besteht das?

Kollmeier: Es enthält die klassischen Fahrwerkskomponenten wie Hilfsrahmen, Lenker und Achsschenkel sowie den E-Motor, die Lenkung und die Federung. Wir haben insbesondere Wert auf eine ausbalancierte Einbindung des E-Chassis mit Blick auf Lautstärke, Vibration und Harshness-(NVH)-Verhalten gelegt. Es ist wichtig zu verstehen, dass wir für jedes Entwicklungsstadium im Fahrzeugbau die passende Expertise und Beratung mitbringen. Das können wir nicht zuletzt aufgrund unserer strategischen Partnerschaften – wie mit Bosch für die funktionale Integration oder mit Vibracoustic für ein optimiertes NVH-Verhalten.

Man setzt also stark auf strategische Partnerschaften. Wie sehen die nächsten Schritte aus?

Kollmeier: Mit unseren Partnern verfolgen wir ein Ziel: die Elektromobilität voranzutreiben. Perspektivisch wollen wir ein Ökosystem an Partnerschaften aufbauen, um irgendwann alle Komponenten und Bauteile zu integrieren, die notwendig sind, um ein Elektro-Fahrzeug zu bauen. Mit unseren Partnern bilden wir so die Gesamtfahrzeugkompetenz ab. Derzeit führen wir beispielsweise intensive Gespräche mit einem Batteriehersteller.

Benteler ist Automobilzulieferer und dort als Metallspezialist bekannt. Wohin soll die Reise mit der e-Mobilität gehen und welche Segmente wollen Sie in Zukunft besetzen?

Kollmeier: Wir treiben weiterhin die Entwicklung von Leichtbau-Komponenten intensiv voran und werden noch stärker nach dem Baukastenprinzip arbeiten. Damit bieten wir modulare und skalierbare Lösungen an – bisher mit einem Fokus auf das D-F-Segment. Wir planen nun eine Plattform für das B-C-Segment.

Grundsätzlich gilt: Neue Modelle lassen sich mit unseren Plattformen wesentlich effizienter und schneller zur Marktreife bringen, als dies bislang der Fall war.

Automobilhersteller profitieren darüber hinaus von unserer jahrzehntelangen Erfahrung im Markt. Damit unterstützen wir unsere Kunden – egal, ob etablierte Hersteller oder branchenfremde Start-Ups. Wir sehen uns schlussendlich als Lösungsmacher, die gemeinsam mit unseren Kunden E-Mobilität-Konzepte auf die Straße bringen.

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