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Meinungsbeitrag

Infrastruktur: Aufgemalte Mobilitätswende

Mobilitätswende: In deutschen Städten ist der Wechsel vom Auto aufs Fahrrad eher Wunschgedanke – ein paar Schilder und bunte Streifen auf die Straße, fertig ist der Radweg respektive die „Fahrradstraße“. In München heißt das im Kampf mit immer dickeren Autos nichts anderes als: Schaugst, wo'st bleibst!

Viele "Radwege" sind einfach aufgemalt und teils gar aus Gehweg und Straße zusammengestückelt - und sie enden einfach im off. | Foto: G. Soller
Viele "Radwege" sind einfach aufgemalt und teils gar aus Gehweg und Straße zusammengestückelt - und sie enden einfach im off. | Foto: G. Soller
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Gregor Soller

Bevor wir unseren privaten Pkw endgültig verkauft haben (es fielen einfach zu viele Reparaturen auf einmal an) haben wir uns das lang und gründlich überlegt, denn er wartete ja wie ein treuer Hund tage- oft aber auch wochenlang genau dort, wo man ihn abgestellt hatte, darauf, einmal wieder bewegt zu werden. Und das waren nicht selten auch mal zwei oder drei Wochen am Stück, denn in der Stadt erledigen wir alles mit dem Rad (auch Einkäufe, von denen man ganz viele in einen Rucksack bekommt) und Fernstrecken gern per Bahn, um vor Ort gleich MITTEN in der jeweiligen Stadt zu sein, ohne Parkplatzsucherei.

Aber große Strecken in der Stadt? Die mal 10 bis 15 Kilometer betragen können? Haben wir ebenfalls mehrfach gecheckt: Einst auf dem Weg zum Office, wo ich meinen Kollegen am Münchner Siegestor traf und wir beide rund zehn Kilometer vor uns hatten. Wir kamen zeitgleich an, nur dass er noch in die Tiefgarage musste…Ein anderes Mal waren es gut zwölf Kilometer, die unser durchtrainierter Sohn mit dem Rad schneller bewältigte als wir über den Mittleren Ring bei zähfließendem, aber nicht stehendem Verkehr!

Sodass am Ende das Rad übers Auto obsiegte. Und es gibt mittlerweile einige gute Radwege in München (vor allem alte Straßenbahnstrecken oder Routen in neueren Quartieren), aber immer noch ganz viel auf die Straße gepinselten hochgefährlichen Schwachsinn! Zahlreiche Radwege wurden einfach per Farbe meist nur für 50 bis 200 Meter zu solchen erklärt und enden dann mehr oder weniger abrupt im off: In der Dachauer Straße in Moosach sinnigerweise auch noch vor der Bahnunterführung, die für ein Rad und zwei Autos zu eng ist, in der Belgradstraße endet der „Radweg“ abrupt an parkenden Autos, während Seitenstraßen per Schild einfach zur „Fahrradstraße“ umgewidmet wurden, heißt: Ein paar Schilder aufgestellt und sonst nix geändert.

Fahrradstraße auf Münchner Art: Geh, schaugst, wo'st bleibst!

Ein klassisches Beispiel ist die Tengstraße, wo man sich vorher den einigermaßen breiten Gehweg mit den Fußgängern teilte – jetzt darf man auf die Straße – wo gern immer wieder Paketdienste und andere in zweiter Reihe parken, sodass die viel befahrene Fahrradstraße sehr schnell sehr eng wird und man mit den immer breiter werdenden Pkw wartet, bis die sich geeinigt haben, wer zuerst wo vorbeifahren darf.

Und gerade Richtung Innenstadt fährt man dann mit dem Rad eher ungern, egal von wo man kommt, denn baulich ist es in München (und vielen anderen deutschen Metropolen) dasselbe Herumgepfusche. Mal ein Pseudoradweg hier aufgepinselt, mal eine künstliche bauliche Trennung von Straße und Radweg dort, die es für rad- und Autofahrer ungemütlich macht – doch der große Ansatz wie in Amsterdam oder gar Kopenhagen fehlt hier völlig.

Aussagen in diesem Video müssen nicht mit der Meinung der Redaktion übereinstimmen.

Ich gebe zu: auch ich fahre manchmal per Auto in fremde Städte – oder sollte ich besser sagen AN fremde Städte? Denn IN der Stadt flaniere ich lieber zu Fuß durch Fußgängerzonen oder radle mit dem gemieteten Zweirad DIREKT vors Geschäft, Kino oder sehenswerte Objekt. Und weiß, dass ich so immer entspannter und schneller ankomme. Also, liebe Städteplaner: Nur Mut! Denn derart drittklassige Lösungen wie hektisch aufgemalte Radwege bringen im Zweifel auf allen Seiten mehr Frust als Lust am Umstieg!

Was bedeutet das?

Ein Insider aus dem Fleet-Business erklärte uns kürzlich, dass er sich „langsam Sorgen mache“, wie langsam die Verkehrswende in Deutschland von statten gehe. In anderen Staaten und Städten baute man hier viel rigoroser um – entsprechend bunter und flexibler sei auch das Portfolio seines Unternehmens, das vom Zugticket über das Leihrad bis zum Mietwagen reiche – all in one! Hier müssen wir vor lauter Rücksicht auf die Autoindustrie darauf achten, den Anschluss nicht zu verlieren, denn ein aufgepinselter Radweg ist das Gegenteil vom perfektionistischen Anspruch des „German engineering“.

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