Im Interview: Juice-CEO Cristoph Erni zur Zukunft der Ladetechnik

Im Interview äußerte sich Christoph Erni, CEO und Gründer von Juice Technology, zur Zukunft der Ladetechnik. Deren USP künftig bei der Software liegen wird.

Christoph Erni spricht Klartext zum Thema Ladetechnik.
Christoph Erni spricht Klartext zum Thema Ladetechnik.
Gregor Soller

Nachdem Juice mit dem Institut für Energiesysteme und Fluid-Engineering der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) eine Studie ausgewertet wurde, die individuelle Ladesituation mit der Nutzung von E-Fahrzeugen zusammenhängt, wollten wir von Erni wissen, die er die Zukunft der Ladetechnik im Detail bewertet. Denn aktuell spürt man seitens der B2C-Anbieter, die mit mobilen oder kostengünstigen statischen Ladestationen begann, eine Tendenz in B2B-Business, während B2B-Profis ihre Programme zunehmend um B2C-Produkte nach unten erweitern.

Außerdem wollten wir wissen, ob der vielbeschworene Hype der Elektrifizierung 2020 tatsächlich angerollt ist, oder Wunschdenken bleibt. Im folgenden Interview gab Erni ehrliche und teils überraschende Antworten. 

VISION mobility: Wie beurteilen Sie aus ihrer Erfahrung die Bereitschaft zum Umstieg auf Elektromobilität?

Erni: Aus unserer Sicht hat die Zeit Jahresbeginn 2020 für massive Umwälzungen gesorgt! Die Bereitschaft zum Umstieg auf Elektromobilität ist massiv angestiegen, was wir auch an unseren Absatzzahlen ablesen können. 2019 haben wir unseren Umsatz allein bei Amazon verzwanzigfacht und dieses Jahr wachsen wir so schnell weiter. Tatsächlich können wir von der so herbeigesehnten „Hockeystick-Kurve“ sprechen, die jetzt steil nach oben zeigt.

Wer sorgt für diesen steilen Anstieg? Privatleute, Flotten oder der Aftermarket?

Erni:  Alle drei, wobei uns hier wie gesagt auch der Aftermarket überrascht. Hier haben wir jetzt wirklich den entscheidenden „Tipping-Point“ erreicht, auf den so viele gehofft haben. Interessant ist auch, das jetzt auch Banken, die dem ganzen Thema Elektromobilität, Start-ups und Invest in diese Branche sehr vorsichtig gegenüberstanden, das gesamte Thema jetzt vollumfänglich fördern. Sowohl bei Investitionen als auch bei ihren eigenen Fuhrparks.

Wenn sie zwischen Privatleuten und gewerblichen Flotten vergleichen – wer reagiert schneller?

Erni: Das ist sehr ausgewogen. Privatleute können jetzt natürlich schneller reagieren und umsetzen, aber auch das Interesse der Firmen und Flotten steigt massiv, zumal hier auch schon viele Projekte am Laufen sind.

Wenn es um Privatleute geht – nutzen diese dann immer Wallboxen oder kaufen sich viele auch Produkte wie den „Booster“ – oder umgekehrt: Welches Potenzial haben hier „Plug-and-Play“-Lösungen wie der Booster?

Erni: Seit Mitte 2019 steigt die Anzahl der Wallboxen und immobilen Stationen innerhalb unseres Portfolios plangemäß an. Und zwar in der Regel mit Last- und gern auch mit Abrechnungsmanagement, denn wenn man heute Ladetechnik installiert, dann richtig und umfassend.  Die Interoperabilität kommt hier auch schneller als gedacht.

Hat man da nicht schnell Probleme mit der Anschlussleistung oder wieder umgekehrt formuliert: Bis zu welcher Fuhrparkgröße kann man Ihrer Meinung nach mit intelligenter Ladesteuerung auf teure bauliche Maßnahmen verzichten?

Erni: In der Regel muss genau das vermieden werden und das ist realisierbar! In den meisten unserer Projekte reichte die Anschlussleistung vielleicht muss man noch einen Zwischenspeicher installieren, aber wirklich wichtig ist hier einfach, dass man das Laden des Fuhrparks clever managt. Denn wenn ich überall bei der Anschlussleistung nachlegen muss, brauche ich auch stärkere Zuleitungen, Verteilstationen und am Ende größere Kraftwerke und das ist unseren Berechnungen nach alles nicht nötig.

Weil ich die Autos auch als Pufferspeicher nutze und bidirektional laden kann?

Erni: Ein interessantes Thema, dass ich so aber nicht sehe, denn: Die zusätzlichen Be- und Entladevorgänge verkürzen die Lebensdauer der Akkus und selbst wenn ich meine Ladezeiten mit dem Terminkalender abgleiche, kann sich der ja auch spontan ändern – und dann habe ich wieder Stress. Und den möchte ich ja gerade vermeiden. Außerdem gibt es hier noch sehr viele Hürden und sehr viele Player, die alle unter einen Hut gebracht werden müssen. Das mag vielleicht in Ländern, in denen es öfter Stromausfall gibt, interessant sein, doch in Europa sehe ich das eher nicht.

Wie wollen Sie die Ladungen dann steuern?

Erni: Hier kommt es auf extrem intelligente Steuersoftware an, welche künftig die Ladetechnik auszeichnen wird. Weshalb wir hier auch unseren künftigen Fokus sehen. Das Laden muss künftig so intelligent funktionieren, dass es hardwaretechnisch keine Erweiterungen braucht. Außerdem müssen wir weg von den Insellösungen. Ich habe keine Lust, bei jedem Ladevorgang mehrere Apps öffnen zu müssen. Deshalb plädierten wir von Anfang an für eine integrierbare offene Lösung. Ich will es wie meine Kunden immer so intelligent und einfach wie möglich haben.

Das heißt, Juice wird wie die Elektronik- und Autokonzerne mehr und mehr zum Softwareanbieter?

Erni: Absolut! und das wird auch unsere Chance für die künftige Entwicklung der Marke sein – auch wenn das natürlich bei Weiten nicht so sexy ist wie eine hübsche Ladesäule, denn am Ende ist das Laden wie das Kühlen von Nahrungsmitteln: Es muss perfekt funktionieren! Und wer macht hier schon deshalb den Eisschrank auf und prahlt mit dessen Steuerungssoftware (lacht)? Doch die Software wird künftig auch bei der Ladetechnik den Unterschied machen.

 

Was bedeutet das?

Intelligenz ist das große Stichwort, das künftig bei der Ladetechnik die Spreu vom Weizen trennen dürfte.

Das Interview führte Gregor Soller

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