IAA Mobility 2021: Rinspeed City Snap spart bis zu 50 Prozent der Flotte

Der modulare "CitySnap" ist in vierter Generation vorserienreif und startet jetzt in den Pilotversuch.

Auf der IAA lädt der Chef selbst: Frank M. Rinderknecht an seinem seriennahen City Snap. | Foto: G. Soller
Auf der IAA lädt der Chef selbst: Frank M. Rinderknecht an seinem seriennahen City Snap. | Foto: G. Soller
Gregor Soller

Vom Saulus zum Paulus: Während Frank Rinderknecht einst für wilde Pkw-Studien bekannt, die mal mehr oder weniger sinnvoll und abgedreht waren, widmet er sich auf seine „alten Tage“ der Logistik. Und freut sich nach eigenen Angaben mit 66 Jahren, „jeden Tag lernen“ zu können. Und das gilt für den City Snap, je näher er der Serie kommt, mehr als für alle anderen Projekte. Rinspeed war mehrfach überrascht, wie viele interne Wendungen das Projekt hatte: „Punkte, die wir als schwierig erachteten, erwiesen sich als ganz einfach lösbar und vermeintliche Kleinigkeiten als unerwartet kniffelig“, erinnert sich Rinderknecht, während er die Trolleys in den Van schiebt. Und Rinspeed-Chef Frank M. Rinderknecht ist sich sicher:

„Die Menschen wünschen sich in ihrem Leben immer mehr Annehmlichkeit und Einfachheit, aber auch immer mehr Nachhaltigkeit″.

Der City Snap soll beides verbinden. Rinderknechts Prognose: Der weltweite Online-Handel - vor Covid-19 mit einem jährlichen Wachstum von ungefähr vier Prozent prognostiziert - ist in den vergangenen fünfzehn Monaten laut Rinspeed mit Zuwächsen von 30% und mehr förmlich explodiert: Waren- und Paketvolumen aus dem eCommerce haben sich drastisch erhöht. In jeder Sekunde werden heute weltweit ungefähr 3.250 Pakete versandt. Ein Ende des exponentiellen Wachstums ist nicht abzusehen. Das verlangt spezielle Zustelllösungen - und dies am liebsten kontaktlos, hygienisch und damit sehr kundenfreundlich, was Rinderknecht mit dem City Snap schaffen möchte.

Bis zu 50 Prozent kleinerer Fuhrpark

Dazu hat gibt es eine Case Study einer der weltweit führenden Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaften. Sie hat das „CitySnap″-Auslieferungskonzept im Kontext der wachsenden Logistiknachfrage und den Entwicklungen im urbanen Raum beleuchtet. Die Szenarien zeigen - basierend auf den fünfzig größten Städten Deutschlands großes Sparpotential: So verringert der Einsatz der Rinspeed-Lösung laut Rinderknecht die Anzahl der benötigten Lieferfahrzeuge um bis zu 50 Prozent.

Bis zu sechs Prozent weniger CO2

Darüber hinaus werden durch dieses System 6 Prozent an CO2-Emissionen eingespart - pro Paket! Auch kostenseitig bietet der ″CitySnap″ erhebliches Einsparpotenzial. So verringern sich die Aufwände gegenüber der herkömmlichen Paketzustellung pro Paket laut Rinspeed um circa 17 Prozent, ein Kostenvorteil, der den Verbrauchern zugutekommen kann. Die erhöhte Produktivität der Mitarbeiter durch die zeitraubenden nun wegfallenden Austragvorgänge wiegen die zusätzlichen Kosten für die mobilen auswechselbaren Paketstationen und die Infrastruktur mehr als auf.

Neue Zustellsysteme für einfacheres Handling

Die bisher angedachten Zustellmechanismen auf der automatisierten letzten Meile und vor allem für den wichtigen, aber auch kritischen ″Hand-Over″, sprich die Entgegennahme des Paketes durch den Empfänger, sind laut Rinderknecht unbefriedigend und ineffizient. Das werden auch Drohnen oder intelligente Roboter mittelfristig nicht kostengünstiger erledigen können. Ein Just-in-Time-Treffen auf der Straße zwischen Empfänger und Zustellfahrzeug ist ungeeignet, weil sich Verkehr und menschliches Verhalten nur sehr schwer vorhersehen lassen. Wartet das Fahrzeug dagegen bis der Paketempfänger kommen kann, sinkt die Auslieferquote und die Zustellkosten steigen entsprechend. Und nachdem Rinderknecht Tüftler ist, machte er sich an ein neues System. Dieses soll die Schwächen der heutigen Zustellsystematik ausmerzen, aber auch zukunftskompatibel sein.

Aus der Luftfahrt inspiriertes Wechselsystem

Herzstück ist ein von der Luftfahrt inspiriertes und dort unter allen Wetterbedingungen weltweit erprobtes Wechselsystem (PCT Patent Pending). Im ″CitySnap″ macht es ganz neue Anwendungen möglich. Unter anderem kommt der gewünschte Service nun schnell und einfach zum Kunden, ganz egal wo der sich gerade befindet - zu Hause oder bei der Arbeit. Das können transportable Paketstationen sein, die für eine bestimmte Zeit für den Kunden zugänglich in seiner Nachbarschaft abgestellt werden. Auch ″Microhubs″ für Fahrrad-Kuriere, mobile Dispenser oder Points-of-Sale wie ein ″Tante-Emma-Bioladen″ oder Schrauben für die Baustelle sind denkbar. Der ″CitySnap″ ist multifunktional, selbst bei Paletten macht er nicht halt.

(Noch) kein autonomes Fahren

Das vollautomatisierte Fahren, so eine Erkenntnis der jüngeren Zeit, wird noch einige Zeit auf sich warten lassen. Deshalb ist der ″CitySnap″ vorerst auf einen menschlichen Fahrer ausgelegt. Allerdings beschränkt sich dessen Aktivität für die Auslieferung der Paketstationen alleinig auf das Fahren. Das Be- und Entladen des ″CitySnap″ mit den mobilen Paketstationen erfolgt bereits heute schon selbstständig und dauert nur wenige Minuten. Später werden Computer und Sensoren den Platz des Fahrers im selbstfahrenden Fahrzeug einnehmen.

 

Einmal mehr arbeitet Rinspeed mit vielen Partnern

Neue Konzepte erfordern adaptierte Lösungen und deshalb wurden die bekannten KePol Paketstationen von Keba aus dem österreichischen Linz entsprechend den mobilen Anforderungen angepasst und eine mobile Leichtbauversion entwickelt. Die Bedienung der Automaten ist mittels einer App für jeden einfach möglich. Um dem Fahrer das Andocken an die Plattformen zu erleichtern, verfügt der ″CitySnap″ über ein ausgeklügeltes Kamerasystem des US-amerikanischen Zulieferers Gentex Corporation. Der digitale Rückspiegel des Unternehmens zeigt auch an, was sich hinter dem Fahrzeug abspielt, sodass der Fahrer sicher im Verkehr manövrieren kann. Die Paketstationen sind außerdem mit einzigartigen Nanofasersensoren ausgestattet, die verdächtige oder sogar gefährliche chemische Substanzen erkennen können.

Saubere Sache: LED-basierte UV-C-Beleuchtung

Apropos Sicherheit: Moderne Touch-Panels am Lenkrad von BCS Automotive Interface Solutions steuern mit einem leichten Antippen der Symbole die gewünschten Funktionen. Der Kreativität in der Gestaltung sind keine Grenzen gesetzt. Mit Hilfe von LED-basierter UV-C-Beleuchtung kann der Innenraum gereinigt und für den nächsten Fahrer vorbereitet werden. Die innovativen Rückleuchten mit integrierten Display-Funktionen des ″CitySnap″, ermöglichen optisches Messaging mit anderen Verkehrsteilnehmern. Im Innenraum trifft neueste Licht- und Sensorik-Technologie auf funktionale A-Säulen mit Sicherheitsanzeigen. Bei den Projektoren und Rückleuchten des ″CitySnap″ setzt Rinspeed auf modernste Beleuchtungs-Technik von ams Osram und auf innovative Produktlösungen von Prettl Lighting & Interior aus Pfullingen.

Mosolf Move-Tec setzt die Lösung um

Technisch umgesetzt hat das Proof-of-Concept-Car von Rinspeed die schwäbische Firma Mosolf Move-Tec, Spezialist für Sonderfahrzeugbau und Elektromobilität. Der ″CitySnap″ kann auch sperrige Kartons oder zahlreiche Retouren-Pakete transportieren. Dank der genialen Lösung von OBE Kinematics im Heck lassen sie sich in einer ergonomischeren Position be- und entladen.

Wie funktional das ganze System ist, beweist Rinderknecht höchstselbst, indem er sich den nächsten Trolley schnappt und ihn in den City Snap schnappt. Ein sattes Klicken verrät das korrekte Einrasten und Rinderknecht freut sich, mit seinem City Snap wieder einen Schritt weiter Richtung Serie gekommen zu sein.

Was bedeutet das?

Rinspeed hat mit seinen Snap-Konzepten viel Mut, Eifer und Geduld an den Tag gelegt: Vom autonomen Pod bis zum seriennahen Delivery-Van war es ein weiter, aber spannender Weg – der nebenher auch neue Ideen für die letzte Meile aufzeigt.

 

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