IAA Mobility 2021: Ora Cat - Vollstromer mit Mini-Optik und Maxi Platz

Wer beim Retrostromer der Great-Wall-Tochter einen "Mini"-Verschnitt erwartet, wird überrascht: Der Cat bietet Kompaktklasseformat, 300 bis 400 Kilometer Reichweite und erhebt Erstautoanspruch, für 30.000 Euro.

Überraschung beim Preview: VM-Redakteur Reichel nahm schon mal Platz im Ora Cat und fand genug davon - und zudem ein sehr geschmackvolles Interieur. | Foto: J. Reichel
Überraschung beim Preview: VM-Redakteur Reichel nahm schon mal Platz im Ora Cat und fand genug davon - und zudem ein sehr geschmackvolles Interieur. | Foto: J. Reichel
Johannes Reichel

Das ist ja mal ein netter Stadtflitzer - denkt man im ersten Moment: Ein bisschen Mini-Kulleraugen, ein bisschen Porsche - und von Heckseits ein bisschen Nissan Leaf erste Generation. Aber weit gefehlt: Der Ora mit dem Arbeitstitel "Cat", der sich vielleicht noch ändern könnte, ist eine wahre Kampfansage des chinesischen Autogiganten und BMW-Partner Great Wall aus Fernost an den VW ID.3. Kräftig vollelektrisch angetrieben mit klassischem Setup "Frontmotor und Frontantrieb" mit flotten 125 kW (250 Nm) ist der Golf-Klasse-Wagen sowieso, mit zwei Akkus zur Wahl zwischen 48 und 63 kWh, was für 300 bis 400 Kilometer Reichweite genügen soll, dazu ein am vorderen Kotflügel zugänglicher Schnelllader mit immerhin 80 kW Leistung, das alles zum Komplettpreis von 30.000 Euro.

Premium-Anspruch mit Lifestyle-Charakter

Und dafür bekommt man auf Basis der Elektrofahrzeug-Plattform ‚L.E.M.O.N.‘ von GWM ein erwachsenes Package, das vom Raumangebot dem VW-Volksstromer kaum nachsteht: Hinten fläzt man recht luftig, mit gut Bein- und Kopfraum, vorne fehlt es auch nicht an Platz, der Kofferraum ist ebenfalls brauchbar dimensioniert. Dafür aber in Anmutung und Materialqualität weit überlegen ist: Dieser Kompaktstromer erhebt nicht nur den Anspruch eines Erstautos für die Familie, sondern auch den Anspruch von Premium. Wo man auch hinfasst an dem Vorserienwagen, es fühlt sich gut an, wirkt solide verarbeitet und sieht auch noch hübsch aus - vom noblen, ein wenig britischem Stil fast als hätte man bei Range Rover abgeguckt.

„Mit GWM ORA bauen wir eine völlig neue Lifestyle-Marke in Europa auf. Wir sprechen eine Mode- und Lifestyle-orientierte Zielgruppe an und integrieren die Marke in die Kultur einer progressiven urbanen Gene-ration“, erläutert Rebecca Grajecki, Brand and Marketing Director Europe für WEY und GWM ORA.

Premium-Anspruch im Kompaktwagen

Eine zweifarbige Interieurlandschaft aus Lederersatz mit lässigem Petrol-Creme-Mix, mit gesteppten Nähten in den Türen und oben am Armaturenträger,  ein satter Türenschlag, griffiges Lenkrad, nette Kipphebel und Lüftungsgitter im Retrodesign, volldigitale Instrumente, ein Infotainment, das auf dem Stand der Zeit wirkt. Jedenfalls bei aller Kulleraugenähnlichkeit, von der Haptik und Optik hochwertiger als im Mini, bei dem Great Wall ja mit BMW kooperiert und der künftig nur noch als Stromer aus China kommt.

Auch bei der Fahrerassistenz erhebt man "teilautonomen" Anspruch und fährt ein vollständiges Paket aus Assistenten auf, bis hin zu einem Innensensor, der die Pupillen des Fahrers überwacht. Die Schlüsseltechnologie für Rund-um-Sensoren sowie ein Intel-Chip der neuen Generation für intelligentes Fahren liefert eine schnelle Rechenleistung, ein Autobahnassistent und künstliche Intelligenz für automatisiertes Einparken sollen das Fahren mit Kompakt-Stromer komfortabel machen: Der automatisierte Rückfahrassistent erfasst mittels Kamera bis zu 50 Meter Wegstrecke, so dass das Auto automatisch in eine Parklücke einfährt.

Gesichtserkennung in Serie

Erstmals in diesem Segment reklamiert man ein 5-Millimeter-Wellenradar, 12 Ultraschallradare, 4 Kameras für 360-Grad-Sicht und eine Frontkamera für intelligentes Fahren, und zwar serienmäßig. Die Gesichtserkennung umfasst eine Müdigkeits- und Ablenkungserkennung. Selbstverständlich sind ESP-System und die automatische Unfall- und Pannenhilfe e-Call und Over-the-Air-Updates (OTA), 4G-Entertainment an Bord auch.

Man darf gespannt sein, wie sich das Fahrzeug auf Basis einer ultrahochfesten Stahlkarosserie auf einem extra verstärkten Stahlrahmen dann fährt und ob es dem optischen und haptischen Anspruch auch in Sachen Performance, Handling und Assistenz gerecht wird. Und wie es Great Wall gelingt, in Europa und als Speerspitze in Deutschland ein Service- und Vertriebsnetz aufzuziehen, woran bereits fieberhaft gearbeitet wird. Aber dann könnte das ein echter "China-Kracher" werden, der die E-Mobilität. Bis Ende des Jahres schon soll das Fahrzeug in den Verkauf starten.

Was bedeutet das?

Nicht nur Great Wall drängt mit Macht nach Europa - und speziell auf den deutschen Markt als Türöffner. Ein Beitrag wie der Ora Cat wie überhaupt die Marke könnte die Demokratisierung der E-Mobilität da deutlich vorantreiben. Erwachsenes Platzangebot bei kompakten Maßen und nicht kleinen, aber für das Gebotene reellen Preis. In Rekordtempo legen die Fernostanbieter ihr "Billigimage" ab und streben nach Höherem. Mal sehen, ob die Technik unter dem Blech den Anspruch der schicken Hülle erfüllen kann.

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