IAA 2021: "Nicht mehr das größte Autohaus der Welt"

Bei einer Präsentation des neuen IAA-Konzepts wird deutlich, dass sich die Schau neu erfinden muss und will, die genaue Ausgestaltung bleibt aber verschwommen. Klar ist: Der Summit soll als kompakte B2B-Plattform den Takt vorgeben und Innovationen konzentrieren. 

Neue Wege: Nicht nur der Standort verändert sich, auch die Messe IAA soll nicht mehr nur "Autoschau" mit erschöpfendem Produktportfolio sein. | Foto: Screenshot
Neue Wege: Nicht nur der Standort verändert sich, auch die Messe IAA soll nicht mehr nur "Autoschau" mit erschöpfendem Produktportfolio sein. | Foto: Screenshot
Johannes Reichel

Der Verband der Automobilindustrie (VDA) und die Messe München haben als Veranstalter der IAA 2021 einen ersten Ausblick auf das neue Konzept der nächstjährigen Ausgabe gegeben, die erstmals in München stattfindet. Dabei betonten die Verantwortlichen wie VDA-Präsidentin Hildegard Müller, der VDA-Geschäftsführer Martin Koers sowie der Chef der Messe München Klaus Dittrich, man wolle die "Entweder-oder-Debatte" beenden und auf der Messe die Mobilitätsformen Automobil sowie öffentlicher Nahverkehr, Rad- und Fußmobilität und komplett neue Verkehrsmittel vereinen.

"Die IAA ist natürlich auch eine Autoschau, aber es geht stärker denn je um die Vernetzung zu anderen Verkehrsträgern", betonte Müller.

VDA-Geschäftsführer Martin Koers unterstrich, die Neugestaltung der IAA sei eine der größten Herausforderungen des internationalen Messegeschäfts. Man wolle auch der 123-jährigen Geschichte der IAA Rechnung tragen und ein dem radikalen Wandel gemäßes, neues Konzept aufsetzen. Das soll aus den drei Bestandteilen Summit für die B2B-Besucher auf dem Messegelände selbst, dem Open Space auf städtischen Plätzen und der verbindenden Blue-Lane bestehen, auf der neue Mobilitätsformen im Realverkehr erprobt werden können. Die IAA müsse "Business und Casual" sein, gab Müller als Handlungsmaxime aus.

Nicht mehr das "größte Autohaus der Welt"

Der Summit solle dabei aber nicht mehr eine erschöpfende Modellpalette darstellen, sondern in komprimierter Form die jeweils "neueste Innovation" fokussieren. Man müsse auch nicht zwingend an der Trennung nach Herstellern festhalten, deutete Koers weitere Brechungen mit bisherigen Gewohnheiten an.

"Wir wollen nicht mehr das größte Autohaus der Welt sein, sondern eine B2B-Plattform mit kurzen Wegen", propagierte Koers.

Nach seinem Dafürhalten soll der Summit den "Fortschritt gestalten". Neben Herstellern und Zulieferern soll die "neue Mobilität" das Bild ergänzen. Hier seien internationale Start-ups, etwa aus China oder Israel herzlich willkommen. Zudem soll der Gipfel zum zentralen Anlaufpunkt für Mobilitätsfachleute und Experten werden.

Blue Lane soll Messe und Stadt "emissionsfrei" verbinden

Als zweites Element soll eine sogenannte "Blue Lane" die prominenten Plätze in der Innenstadt mit dem weitgehend parallel laufenden Summit auf der Messe verbinden, ausgerechnet entlang der A94 und der Prinzregentenstraßen, eine der staureichsten Trassen der Stadt. Hier wollen die Veranstalter "neue Mobilität erlebbar" machen, wie die Messe-Verantwortliche Christine von Breitenbach. Diese solle eine Test- und Transferstrecke in beide Richtungen werden, auf der ausschließlich Zero-Emission und HOV-Fahrzeuge mit mehreren Personen an Bord sowie der ÖPNV Vorrang haben sollen. Auch eine U-Bahn-Schnellverbindung sowie einen Radschnellweg ist laut von Breitenbach angedacht. 

Projekte sollen für die Stadt Bestand haben

"Das ist aber keine VIP-Lane", beeilte sich der Münchener Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) zu betonen. Von einem "Reallabor der neuen Mobilität" sprach VDA-Geschäftsführer Koers. Messe-Chef Klaus Dittrich hob hervor, dass viele der bei der IAA erprobten Mobilitätsformen auch nach der Messe Bestand haben und für die Stadt von nachhaltiger Wirkung sein sollen. Mit der "Blue Lane" wolle man die Bereiche B2B und B2C verbinden. Auf den Plätzen in der Innenstadt sollen die Bürger dann alle Formen der "neuen Mobilität" selbst erleben können. "Wir wollen, dass die Industrie und die Gesellschaft in Austausch treten", unterstrich VDA-Präsidentin Müller. Konkretere Inhalte für die öffentlichen Flächen blieben die Verantwortlichen allerdings noch schuldig. Das dürfte ein heikler Punkt werden, denn Werbung im öffentlichen Raum unterliegt strengen Auflagen des KVR.

OB Reiter: Ergänzung, Vernetzung und Wandel im Verhalten

Der Münchener Oberbürgermeister Dieter Reiter hob hervor, dass speziell der "Verkehrspitzenreiter" München als Standort für die IAA ideal sei, weil die Mobilitätsfrage hier tagtäglich vielen Bürgern unter den Nägeln brenne und die Organisation einer nachhaltigen und schnellen Mobilität ein zentrales Problem sei. Er halte es insofern auch für sinnvoll, diese Fragen auf öffentlichen Plätzen zu debattieren und die Messe in Richtung Stadt zu öffnen. In München müsse diskutiert werden, wie man urbane Mobilität zukunftsfähig machen könne - und zwar in Ergänzung zu aktuellen Verkehrsmitteln, nicht als kompletten Ersatz etwa auch des Automobils. "Wir müssen die Verkehrsmittel miteinander vernetzen", appellierte Reiter. Es sei daher der einzig richtige Weg, die IAA von einer Autoschau zu einer Mobilitätsplattform zu entwickeln.

Er mahnte aber auch an, dass es für eine nachhaltige Mobilität Veränderungen im Verkehrsverhalten der Bürger geben müsse. Dass München dabei ein reines Fahrradparadies werde, worauf eine Frage im Bezug auf Pläne in der französischen Kapitale Paris abzielte, hält er für wünschenswert, aber unrealistisch. Man müsse schon auch die Rechte von Fernpendlern oder Gewerbetreibenden beachten. Zudem verwies Reiter darauf, dass die Mobilitätsindustrie nicht nur für das Land, sondern auch für die Stadt München von entscheidender Bedeutung sei. Man sei nicht zuletzt Stammsitz eines namhaften Herstellers sowie im Umfeld zahlreicher Zulieferbetriebe. 

Söder: IAA muss Festival und Denkfabrik sein

Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hob auf die IAA als "internationales Statement" ab, mahnte aber mit dem Wandel der Mobilität auch einen grundlegenden Relaunch des Formats an, den es offensiv zu gestalten gelte. "Wenn alles vorher super gelaufen wäre, müsste man nichts ändern", meinte der Politiker. Er verwies aber auch auf die Bedeutung der Autoindustrie für den Standort Deutschland, ohne die es "keinen vergleichbaren Wohlstand" gegeben hätte.

"Die Autoindustrie ist das Herzstück, die IAA ist das Schmuckstück. Aber wir brauchen einen Technologiesprung", forderte Söder.

Die IAA müsse "Festival und Denkfabrik" in einem sein, die Ökologisierung und Digitalisierung vorantreibe. Deutschland müsse hierbei zum "role model" für die Welt werden.

Für VDA-Chefin Müller ist dies generell die leitende und zentrale Frage, deren Beweis man auch mit der IAA 2021 antreten will: "Wie schaffen wir beides, einen erfolgreichen Industriestandort erhalten und die Erfordernissen des Klimaschutzes erfüllen". Vom Timing sieht Müller die IAA im Vorteil gegenüber dem jüngst abgesagten Genfer Salon 2021. Man habe hier zeitlich ausreichend Versatz, um mit einem entsprechenden Hygienekonzept eine Messe zu realisieren, wie das auch jetzt schon wieder möglich sei. Die bayerische Staatsregierung hatte vor kurzem per Verordnung Fachmessen wieder erlaubt.

 

Printer Friendly, PDF & Email