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IAA 2019: VDA debattiert mit NGOs über Mobilität der Zukunft

Erstmals vor einer IAA diskutierte der Verband der Automobilindustrie mit Vertretern von NGOs. Doch die Suche nach einem gemeinsamen Nenner fällt offenbar schwer, zu unterschiedlich sind die Weltbilder.

Suche nach dem Konsens: In der Landesvertretung von Baden-Württemberg in Berlin fanden Vertreter von NGOs und der Autoindustrie nicht wirklich zueinander, diskutierten aber sachlich. | Foto: StmiBW
Suche nach dem Konsens: In der Landesvertretung von Baden-Württemberg in Berlin fanden Vertreter von NGOs und der Autoindustrie nicht wirklich zueinander, diskutierten aber sachlich. | Foto: StmiBW
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Johannes Reichel

Nach einem öffentlichen Streitgespräch "Klimakrise und die Mobilität der Zukunft" zwischen dem Verband der Automobilindustrie (VDA) und Vertretern der NGOs Campact, VCD und BUND Naturschutz in der Landesvertretung von Baden-Württemberg in Berlin zeichnet sich nach wie vor offenbar kein Konsens ab, in welcher Art und wie schnell die Mobilitätswende zu gestalten ist. Einigkeit bestand lediglich darüber, dass die CO2-Emissionen sinken müssten und die Elektrifizierung der Fahrzeugflotten dabei eine zentrale Rolle spielen würde. Dafür bedürfe es einer intensiveren Förderung, waren sich beide Seiten außerdem einig.

Man wolle "nachhaltige individuelle Mobilität", einen "gesellschaftlichen Dialog in Gang setzen" und die "Verhaltensmuster" müssten sich ändern, setzte der VDA-Präsident Bernhard Mattes in der Sitzung den Rahmen. "Die deutsche Automobilindustrie ist entschlossen, zum Erreichen des Pariser Klimaschutzzieles beizutragen" und man "investiere massiv in den Klimaschutz", hatte Mattes schon im Vorfeld zu Protokoll gegeben. Neben ihm waren BMW-Betriebsratschef Manfred Schoch und Daimler-Vertriebsvorständing Britta Seeger in der Diskussion dabei. Dass man die ambitionierten Vorgaben der EU in Sachen CO2-Reduktion einhalten werde, sprich 37,5 Prozent niedrigere CO2-Emissionen bis 2030, wofür sieben bis zehneinhalb Millionen E-Autos nötig wären, wie es Mattes vorschlug, ging den Vertretern der NGOs nicht weit genug.

Argumentation: Verbrenner finanzieren die neue Mobilität

Auch die Zugeständnisse, über Änderungen bei Dienstwagensteuer und Dieselsubventionen zu reden, wie BMW-Mann Schoch vorschlug, verfing bei den NGOs ebenso wenig, wie Seegers Vorschlag, größere Autos noch höher zu besteuern, um kleinere zu incentivieren. Sie erklärte zudem, dass nach wie vor mit Verbrennerfahrzeugen Geld verdient werde und damit neue Geschäfte finanziert werden müssten. Außerdem rechtfertigte sie den hohen SUV-Anteil damit, dass die Kunden diese eben wünschten und Daimler diese "hochattraktiven Produkte" daher verkaufe, bevor es andere täten. Es sei schwierig, den Kunden Elektromobilität nahe zu bringen, die Reichweitenängste seien groß.

Keine Reichweiten-, sondern Zukunftsängste

Demgegenüber stand die Ansicht, dass es nicht um Reichweiten-, sondern um "Zukunftsängste" gehe, wie die Campact-Campaignerin Luise Neumann-Cosel formulierte. Millionen von Fahrzeugen in Deutschland sind aus Sicht der NGOs überflüssig, man solle wegfallende Jobs in den Fabriken durch einen Aufbau von Jobs im ÖPNV kompensieren. Man müsse außerdem über die Branche hinausblicken, wie es etwa bei der Kohleindustrie der Fall gewesen sei.

Ernüchterte Bilanz der NGOs

Nach dem Gespräch äußerten sich die NGO-Vertreter ernüchtert: „Das Streitgespräch hat gezeigt: Die Autoindustrie hat überhaupt nicht verstanden, wie existenziell die Klimakrise ist“, befand Luise Neumann-Cosel. Kerstin Haarmann, Bundesvorsitzende ökologischer Verkehrsclub VCD meinte: „Wer sagt, wenn wir die Autos nicht bauen, bauen sie andere, hat das Ausmaß der Krise nicht verstanden. Und Ernst-Christoph Stolper, stellv. Vorsitzender des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) konstatierte: „Der Verkehr hat in Deutschland bisher nicht zum Klimaschutz beigetragen. Die Autoindustrie und ihr Verband sind nach wie vor nicht bereit, die notwendigen Maßnahmen zur Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels mitzutragen".

Stolper schlug eine CO2-Steuer, ein Bonus-Malus-System beim Kauf von Neuwagen und eine ambitionierte Elektromobilitätsquote vor. "Allein auf Anreize und technische Maßnahmen dürfen sich die Klimaschutzanstrengungen der Branche nicht beschränken", erklärte der NGO-Mann. Scheinlösungen wie Synthetische Kraftstoffe seien für die enorme Herausforderung einer echten Verkehrswende völlig unzureichend.

Bürgerdialog und Großdemo

Zur IAA hat ein Bündnis von NGOs am 14.9. zu einer Rad-Sternfahrt und Großdemo aufgerufen. Der Verband der Automobilindustrie (VDA) wiederum lädt ein zu einem öffentlichen Bürgerdialog über die Mobilität der Zukunft, der am Freitag, 13. September 2019 unter Beteiligung von VDA-Präsident Bernhard Mattes.

Was bedeutet das?

Immerhin, man "redet miteinander, statt aufeinander zu schießen", wie es BUND-Mann Stolper in dem Streitgespräch trefflich formulierte. Und: Man ist sich in der Zielsetzung völlig einig: Die CO2-Emissionen müssen runter- und die Elektromobilität dafür raufgefahren werden. Doch dann erschöpfen sich die Gemeinsamkeiten zwischen Autoverband und Umwelt-NGOs auch schon relativ rasch, vor allem an der simplen "Wie"-Frage.

Es gilt, einen klugen Mittelweg zu finden, der die Interessen ausgleicht, einen halbwegs kontrollierten Übergang vom Fossil- ins Elektrozeitalter schafft, natürlich auch die Arbeitsplätze nicht aus dem Blick verliert und etwa neue Jobs in der Smart Mobility statt alter Industriearbeitsplätze schafft, der aber radikal genug ist, dass die CO2-Emissionen am besten ab heute sinken statt auf irre hohem Niveu zu stagnieren. Hier darf es keine Tabus oder Verharren in alten Denkrastern geben, der SUV-Boom muss ebenso hinterfragt werden wie Diesel- und Dienstwagenprivilegien, aber auch die Viel-Fliegerei oder massenhafte Billig-Kreuzfahrten.

Auf das "Ei des Kolumbus" zu hoffen, sprich nur auf technische Lösungen und Anreize zu setzen, greift bei weitem zu kurz. Wir brauchen auch neue Formen der Mobilität, eine andere Mobilität als die rein individuelle. Dafür gilt es, den ÖPNV erst einmal zu einen echten "Auto-Alternative" zu ertüchtigen, sonst ist alles Makulatur und jedem Öffi-genervten Pendler das Hemd im Zweifel näher als der Frack. Für eine Mobilitätswende braucht es Regularien wie es im Verkehr ja auch Regeln gibt, an die sich jeder zu halten hat. Und die müssen strikt ausgerichtet sein am Klimaschutz. 

Feststeht: Diese IAA wird zur Wendemarke, vor allem auch für den VDA und die Industrie. Dass man das eben doch verstanden hat, zeigt zum einen die Gesprächsbereitschaft gegenüber den NGOs. Zum anderen Formate wie der Bürgerdialog. Der Gesprächsfaden darf jetzt nicht mehr abreißen und die Debatten während der IAA dürfen ruhig scharf sein. Das entspricht nur dem Ernst der Lage. Nur für Alibi-Veranstaltungen ist keine Zeit mehr.

 

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