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Hybrid-Taxi: Mit dem London-Cab auf Tour durch Berlin

Geely-Tochter LEVC strebt mit dem TX auch auf den deutschen Markt und erwartet davon einen Durchbruch. Wir ließen uns mit dem Hybrid-Taxi durch Berlin chauffieren.

Check in: In den TX steigt man mindestens so bequem ein wie in einen Vito-Kleinbus. | Foto: J. Reichel
Check in: In den TX steigt man mindestens so bequem ein wie in einen Vito-Kleinbus. | Foto: J. Reichel
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Johannes Reichel

"Da kiekste wa, wie der abgeht. Und wenden tut der auffer Stelle": Unser "James" spricht astreines Berlinerisch und chauffiert uns mit dem TX-Hybrid-Taxi durch den rummeligen Berliner City-Verkehr rund ums Brandenburger Tor. Wohlgemerkt: Er sitzt links, was auch die Ernsthaftigkeit und den europäischen Anspruch des Herstellers unterstreicht. Großbritannien ist den LEVC-Macher und ihren chinesischen Eignern längst zu klein. Anlass unserer Spritztour ist die Premiere des TX-Modells des britisch-chinesischen Herstellers LEVC, das jetzt auf den deutschen Markt kommt. "Wir erwarten uns einen deutlichen Schub für das ganze Projekt. Deutschland ist ein anspruchsvoller Markt, ein Schlüsselmarkt. Wenn es das Fahrzeug hier schafft, dann kann es überall erfolgreich sein", ist sich LEVC-Chairman Carl-Peter Forster sicher. Er verweist auf die gute Resonanz, die das Fahrzeug schon in den Niederlanden oder Norwegen erzielt hätte und gibt sich zuversichtlich.

Auch im Gespräch mit den lokalen Taxi-Funktionären, die durchaus angetan sind vom dem Cab-Konzept, die aber schon noch ein paar Verbesserungsvorschläge hätten. Zuvorderst ist natürlich der Preis ein Thema: Über 60.000 Euro für ein Taxi, das ist schon ein Brett. Und Forster hat alle Hände voll zu tun, die Herrschaften, die ihn umlagern, zu überzeugen. "Wir haben wir ein absolut auf den Taxieinsatz zugeschnittenes Produkt im Premium-Segment, das speziell auch für die Taxi-Fahrer hohen Komfort und Sicherheit bietet", argumentiert der frühere BMW- und Opel-Manager. Man habe auch die Batteriegröße exakt auf den Ablauf im Taxi-Alltag abgestimmt, in den Fahrpausen könne problemlos nachgeladen werden. "Und wenn doch mal eine längere Tour anliegt, haben wir den Benzinmotor als Range-Extender an Bord", erläutert Forster weiter. Außerdem bittet er die Verbandsoberen eines nicht zu vergessen: "Wir sprechen hier von einer deutlich längeren Haltedauer bei weit niedrigeren Betriebskosten zum konventionellen Diesel". Von fünf bis zehn Jahren geht Forster mal aus, die ein TX im Fuhrpark verbleibt.

Fest wie eine britische Burg: Alu-Chassis

Die Solidität dafür hätte er jedenfalls dem ersten Eindruck nach: Die aus Aluminumverbundprofilen zusammengeklebte Karosserie soll die doppelte Zugkraft von Stahl aufbietet, verwindet sich auch bei Kanaldeckeln keinen Millimeter. Die Fuhre wirkt steif wie die sprichwörtliche Burg. In Folge dringt auch kein Knistern oder Knacken aus den hochwertigen und langlebig wirkenden Verkleidungen und Armaturen. Taster und Schalter, Griffe und Boden, die nicht unangenehm straff gepolsterten Ledersitze, das alles wirkt wirklich wie für die Ewigkeit gebaut. "Man spürt die 2,3 Tonnen Gewicht schon, aber nicht beim Beschleunigen, das ist schon irre rasant", schwärmt unser Chauffeur und drückt lustvoll auf die Tube, worauf die 110-kW-E-Maschine die Passagiere in die passebel bequemen Stühle drückt - respektive die gegenläufig Platzierten fast aus den Klappstühlen zieht. Anschnallen sei hier wärmstens empfohlen, was mit den sitzfesten Gurten nicht schwer fällt. Zudem liege der Wagen satt auf der Straße, lenke sich für das Format leicht und wendet "fast wie ein Smart", wie der Fahrer schwärmt.

Per Lautsprecher unterhält er sich mit seinen Passagieren und liest derweil die verbleibende Restreichweite vom Zentraltablet ab, das aus den Regalen der Konzerngeschwiester von Volvo übernommen ist, wie vieles andere auch: 55 Kilometer im Elektromodus verbleiben, die "Tanknadel" vermeldet etwa Halbzeit. Das käme den versprochenen 130 km im EV-Modus schon nahe, obwohl unser Chauffeur zur Demozwecken ordentlich Stoff gab. Stoff geben muss übrigens auch die Klimaanlage an diesem brütend heißen Sommertag in der Hauptstadt. Das riesige Panorama-Glasdach jedenfalls ist knalleheiß, absorbiert aber das Licht zu 95 Prozent. Trotzdem wünschte man sich für solche Sahara-Verhältnisse ein Rollo, schon um die Klimaanlage zu entlasten, die ihren Job aber wirkungsvoll und zugfrei versieht. 
 

Ansonsten fühlt man sich pudelwohl im Fond, arrangiert sich auch bei langen "Gräten" problemlos mit den bis zu fünf Mitfahrern. Angenehm ist der Einstieg über die gegenläufig und weit aufschwingenden Türen auf den topfebenen Boden, wobei man schon den Kopf ein wenig einziehen sollte, um nach innen zu gelangen, wie unser Fahrer unsanft erfahren musste. Dass der TX sogar Rollstuhl-tauglich ist, versäumte unser Chauffeur auch nicht vorzuführen: Flugs war die Rampe seitlich aus dem Rahmen gezogen, auch sie machte einen hochsoliden Eindruck, der Klapperatismus wirkte ebenfalls langlebig. Trotzdem: Das ist ein ganz anderes Taxi-Gefühl als in einer E-Klasse oder einen Prius. Eher wie in einem kleinen Bus. Die Rundumsicht ist ebenfalls klasse, das Handy kann man in Fahrt an die USB-Buchse stöpseln oder ins Bord-WLAN einloggen.

Ergonomischer Arbeitsplatz, toller Sitz

Der Fahrer vorne freut sich über einen ebenso hübsch mit hochauflösenden LCD-Instrumenten verzierten wie übersichtlichen und wunderbar schlicht designten Arbeitsplatz, an dem man exzellente Übersicht über die Kurzhaube und zu Seite genießt. Auch die hochformatigen Spiegel sind dem Fahrzeug angemessen dimensioniert. Der hochwertige Fahrersitz mit einem recht luftigen "Mesh"-Bezug ist bestens konturiert und angenehm straff gepolstert, das hat Recaro-Format. Das Lenkrad ist ein wertiger, angenehm griffiger Kranz. Allenfalls fühlt man sich hier ein wenig eingemauert - aber das wahrt auch die britische Distanz zu den Fahrgästen, von denen einen zudem eine solide Plexiglasscheibe trennt. Konsequent ist da die Verlagerung des Gepäckraums auf die Beifahrerseite, da im Heck kein Platz bleibt - wobei hier eine flexiblere Lösung Platz für einen siebten Passagier ließe. Vielleicht war das ja auch einer der Wünsche der Taxi-Oberen an Carl-Peter Forster.

Der kann sich derweil noch ganz andere Anwendungsfelder für den TX vorstellen. Dass er als Cargo-Variante kommt, war ohnehin schon vermeldet worden, erste Bilder und Infos dazu gibt es auch. Mehr aber einstweilen nicht. Das Design wurde auf die Zwecke angepasst, der Radstand verlängert - und es gibt Schiebetüren. Die Qualität soll auf dem Niveau des TX liegen, die Technologie wird weitgehend übernommen. Wobei: Die Leistungsentfaltung könnte man eher auf maximale Reichweite denn auf Beschleunigung programmieren. Spaß hat's trotzdem gemacht. Thanks a lot, James.

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