Homeoffice statt Dienstreise: VCD und Borderstep sehen viel Potenzial

In einer Umfrage zu Videokonferenz und Homeoffice ergeben sich große Chancen für den Klimaschutz. Reiseniveau könnte ein Drittel niedriger bleiben. 700.000 Pkw obsolet, drei Mio. Tonnen CO2 einsparbar.

Zoom statt Flug: Die Corona-Pandemie beschleunigte auch die Digitalisierung der Berufswelt - und eröffnete Chancen, die dienstliche Mobilität drastisch zu reduzieren und das Klima zu schützen. | Foto: Screenshot/VCD
Zoom statt Flug: Die Corona-Pandemie beschleunigte auch die Digitalisierung der Berufswelt - und eröffnete Chancen, die dienstliche Mobilität drastisch zu reduzieren und das Klima zu schützen. | Foto: Screenshot/VCD
Johannes Reichel

Wie der alternative Mobilitätsclub VCD und das Borderstep Institut für Innovation und Nachhaltigkeit in einer repräsentativen Umfrage ermittelt haben, liegt großes Potenzial in der Nutzung von Videokonferenzen statt Dienstreisen und Pendeln. Ein großer Teil der Mobilität entstehe durch berufsbedingte Wege, 2019 sei in Deutschland hier mit 195 Millionen geschäftlichen Trips ein Höchststand erreicht worden, konstatiert die Studie. Die Befragung von Geschäftsreisenden zu ihrem Mobilitätsverhalten während der Pandemie sowie der Nutzung von digitalen Möglichkeiten ergab, dass das Niveau auch nach Abklingen der Krise dauerhaft um ein Drittel niedriger liegen könnte.

"Videokonferenzen statt Dienstreisen haben ein hohes Potenzial für den Klimaschutz. Damit könnten circa drei Millionen Tonnen Treibhausgasemissionen im Jahr eingespart werden. Allein der Anteil der nicht gefahrenen Autokilometer bei dieser prognostizierten Reduktion der Geschäftsreisen macht rechnerisch 700.000 Pkw überflüssig und stellt die Frage nach dem Dienstwagenprivileg neu", erklärte Dr. Jens Clausen vom Borderstep Institut gegenüber der VCD-Mitgliederzeitschrift "fairkehr".

Das gelte, obwohl das eigene Auto wegen der Angst vor Ansteckung häufiger für die Wege zur Arbeit gewählt werde, allerdings das Pendeln absolut zurückgegangen sei. Die Effekte "mehr Homeoffice, bei mehr Autonutzung" könnte demnach zu einer Einsparung von etwa 1,5 Millionen Tonnen an Treibhausgasen führen. Man sieht hier zudem weitere Faktoren, die die Bilanz positik wie negativ beeinflussen könnten:

  • zusätzlich notwendige Fahrten, die früher beim Pendeln mit erledigt wurden
  • Aufwand für das Heizen im Homeoffice (falls dies zusätzlich erfolgt)
  • das mittelfristige Anmieten größerer Wohnungen, um Platz für das Homeoffice zu haben
  • die Wahl eines vom Arbeitsplatz weiter entfernten Wohnortes, da die Pendelentfernung an Bedeutung verliert
  • mittelfristig geringere CO2-Emissionen durch möglichen eingesparten Aufwand für die Bereitstellung von (beheizter) Bürofläche durch den Arbeitgeber

Nach dem Dafürhalten von Michael Müller-Görnert, verkehrspolitischer Sprecher des VCD, könnten Videokonferenzen und Homeoffice helfen, Verkehr generell zu vermeiden. Dieser gehe immer auch einher mit CO2-Emission, Stau, Lärm, Unfällen und Abgasbelastung.

"Mit Zoom zum Meeting ist besser für Umwelt und Klima als der Flug zum Meeting", bringt es Müller-Görnert auf den Punkt.

Er forderte von der Politik, die nötigen Anreize und Rahmenbedingungen zu schaffen. Dazu zählten etwa die technischen Voraussetzungen, aber auch Reise- und Datenschutzrichtlinien. Auch die Einführung von Mobilitätspauschalen oder Diensträdern hält man für zielführend. Dagegen verlangt man die Abschaffung von Dienstwagenprivileg und Entfernungspauschale. Stattdessen solle man lieber Bahnen und ÖPNV mit Kampagnen unterstützen, das Vertrauen der Fahrgäste zurückzugewinnen und ihre Angebote auch um flexible Tickets erweitern zu können, empfehlen die Autoren Jens Clausen und Stefanie Schramm vom Borderstep Institut. Unternehmen, Politik und Mobilitätsanbieter seien gefragt, das mobile Arbeiten sowie die Nutzung von Videokonferenzen anstelle von Geschäftsreisen zu verstetigen, so der Appell.

Die Autoren verweisen auch auf die "weichen Faktoren" des Homeoffice: Videokonferenzen böten einen dreifachen Gewinn für die Beschäftigten, für die Unternehmen und für die Umwelt. Auf Seiten der Geschäftsreisenden stehe der Gewinn an Freizeit, auf Seiten der Arbeitgebenden die Kosteneinsparung. Besonders praktikabel seien Videokonferenzen den Ergebnissen der Befragung zufolge bei regelmäßigen Meetings von Teams, die sich bereits kennen.

Was bedeutet das?

War ja nicht alles schlecht mit Corona, trotz aller katastrophalen wirtschaftlichen Folgen und dem unfassbaren menschlichem Leid, das das Virus anrichtete und noch anrichtet. In jeder Krise liegt tatsächlich auch eine Chance: Etwa die Digitalisierung der Arbeitswelt voranzutreiben - und die in Sonntagsreden der Politik so oft beschworenen Potenziale jetzt auch für den Klimaschutz zu nutzen. Es gilt, dranzubleiben und die auf Zoom, Teams, Webex & Co eingeübten Officepraktiken zu institutionalisieren, bevor geimpft alle wieder in den alten Bürotrott zurückverfallen, inklusive Pendelwahnsinn, Zeitverlust, Lärm und Stress. Ganz ehrlich: Vergnügungssteuerpflichtig war das doch noch nie, weder im eigenen Auto noch in den Öffis.

Und wer sich quasi erst durch dienstliche Eintages-Fliegerei in seiner eigenen Wichtigkeit bestätigt sehen musste, ja, der hat wohl den "Knall nicht gehört" - und der heißt: Alles auf Klimaschutz!

So hätte die gewaltige Disruption einer Pandemie wenigstens diesen Sinn, wie ihn die Soziologie intensiv erforscht hat: Die eingeübten Gewohnheiten auf ihre Sinnhaftigkeit zu überprüfen - und dann das Verhalten möglicherweise neu zu justieren und zum Besseren zu verändern. Schließlich hat sich gezeigt, dass vieles eben doch per Videotool aus dem Homeoffice lösbar ist, wenn auch nicht alles, etwa in der Fertigung, der Logistik oder im Handel. Und ein oder zwei Tage die Woche persönlichen Austausch im Büro, das man dann am besten bevorzugt mit der Bahn oder dem Bike anfährt. Denn der klimafreundlichste Verkehr ist immer noch der, der gar nicht erst entsteht.

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