Has.to.be launcht europaweites Lade-Roaming

Im Gespräch mit VM wirbt der Anbieter für seine "white-label"-Lösung, will bis Ende des Jahres über 90 Prozent der Ladepunkte eingebunden haben und wirbt für kulante Auslegung der Gesetze im Markthochlauf.

Unter Strom durch Europa: Der Anbieter has.to.be sieht derzeit starkes Wachstum bei der Ladeinfrastruktur und will als "technischer Enabler" und Roaming-Anbieter punkten. | Foto: has.to.be
Unter Strom durch Europa: Der Anbieter has.to.be sieht derzeit starkes Wachstum bei der Ladeinfrastruktur und will als "technischer Enabler" und Roaming-Anbieter punkten. | Foto: has.to.be
Johannes Reichel

Der österreichische Ladeinfrastrukturanbieter has.to.be hat einen europaweiten Roaming-Service vorgestellt, der Mitte April an den Start gehen soll. Mit dem sogenannten eMSP.Operation-Roaming-Service sollen Kunden lediglich eine Ladekarte oder App benötigen, um Zugang zu einem stetig wachsenden europaweiten Ladenetzwerk zu bekommen. Das will der Anbieter bis zum Ende des Jahres auf über 90 Prozent der Ladepunkte in der EU27 ausbauen, wie has.to.be-CEO Martin Klässner bei einem Pressegespräch in München ankündigte. Ziel sei es einerseits, schnell eine große Abdeckung aufzubauen und andererseits auch ein finanziell nachhaltiges Volumen an den Säulen zu generieren. Der Anbieter will die die vertragliche Abwicklung mit den Betreibern der Ladestationen übernehmen. Auch die automatische Prüfung aller Ladevorgänge und die monatliche Erstellung übersichtlichen und kostentransparenten Sammelrechnung aller Ladevorgänge zählt zu dem Service.

Kunden würden diese direkt an has.to.be bezahlen, die Weiterverrechnung werde automatisiert über die hauseigene Tarifverwaltung abgewickelt. "Mobilitätsserviceprovider sparen mit diesem System in vielen Bereichen. So entfallen etwa die Kosten für die Einrichtung von technischen Schnittstellen oder für die Transaktionen im E-Mobilitätsbetriebssystem", wirbt der Anbieter. Durch die vollautomatische Abwicklung ergäben sich zudem Einsparungen in der Rechnungsprüfung und Rechnungszahlung. Zudem will der Dienstleister den Ladekartenanbietern gute Konditionen durch Volumeneffekte sichern, die man für sie aushandle. Die Ladekarte und App könne zudem im eignen Corporate Design gestaltet werden, als "white label"-Dienstleister bleibe has.to.be hier völlig im Hintergrund. Das System eigne sich auch für Dienstwagenflotten mit eigner RFID-Karte, wo am Ende des Monats unabhängig von den Ladepunktbetreibern eine einheitliche Sammelrechnung erstellt wird für alle Ladevorgänge der Flotte, samt automatischer Aufteilung auf Mitarbeiter oder Kostenstellen.

"Wir sehen uns als Enabler der Disruption", meinte Klässner und sieht mit dem Aufkommen der E-Mobilität die Chance für komplett neue Player im Mobilitätssegment, ihr Portfolio abzurunden.

So kooperiert die Firma etwa mit der Telekom Austria für die Abrechnung von Ladevorgängen über die Mobilfunkrechnung. Auch dass Großhandelskonzerne wie Lidl massiv in die Ladeinfrastruktur investierten und für die sogenannten "Destination Charger" an den Filialen ein Netz von 400 Säulen aufbauen will, deutet Klässner als starkes Zeichen.

Im Markthochlauf die Vorgaben nicht zu strikt auslegen

In dem Zusammenhang warb Klässner auch für eine rasche Einigung in Sachen der Preisgestaltung an den Ladesäulen und ob es sich um eine Lieferung von Strom oder eine Leistung im Sinne eines Service handle. Aus seiner Sicht mache es für den Markthochlauf der E-Mobilität keinen Sinn, die Preisangabenverordnung und das Eichrecht von Seiten des Gesetzgebers zu strikt auszulegen, weil dann viele Anbieter durch die hohen Umrüstkosten abgeschreckt werden könnten. Auch die Bepreisung von Ladestrom sollte aus seiner Sicht nicht rein nach "Lieferung" von Strom in kWh, sondern auch nach "Leistung" inklusive "veredelter" Services wie Vorbuchung, Hotline, Stellplatz erfolgen können, sprich flexibler in der Ausgestaltung. Das Thema Vorbuchung an der Säule pilotiert man derzeit etwa mit BMW. Klässner hält es für eine Übergangsphase für akzeptabel und ratsam, die Abrechnung kulanter zu handhaben, wie das etwa Staaten wie die Niederlande praktizierten. Auch Pauschalabrechnungen pro Ladevorgang sollten einstweilen weiter möglich sein, wenn eine Umrüstung noch nicht möglich oder rentabel ist.

Wichtig ist ein gemeinsamer Nenner

"Allerdings sollten, wenn das Volumen an E-Fahrzeugen auf den Markt kommt, alle Anlagen mit den gleichen Voraussetzungen abrechnen", meinte der CEO des österreichischen Software- und Ladenetzspezialisten. Im derzeitigen, frühen Stadium hält er Faktoren wie Eichrechtskonformität für kaum differenzierend und in einem Markt mit kleinen Stückzahlen nicht wettbewerbsentscheidend. Er befürchtet eher, dass Alleingänge einzelner der Gesamtentwicklung schaden könnten und lobt ausdrücklich die gemeinsamen Bemühungen im Rahmen der S.A.F.E.-Initiative bei der Transparenzsoftware.

"Was jetzt neu auf den Markt kommt, sollte aber natürlich die gängigen Normen erfüllen und auch eichrechtskonform sein", präzisierter Klässner.

Für den Bestand mahnte er aber "pragmatische Lösungen" an, die die Betreiber nicht überforderten. "Wenn dann daraufhin der Ladestrom teurer wird, hat niemand etwas davon", mahnte er.

Interesse bei kleinen und mittleren Flotten - die großen zögern

Klässner sieht derzeit vor allem in kleinen und mittelgroßen Betrieben verstärktes Interesse, auf Elektromobilität umzustellen. "Die großen Flottenbetreiber fürchten häufig die administrativen Aufwände und Umstellungen in den corporate Prozessen". Außerdem frage man sich natürlich, wie sich die Restwerte bei E-Fahrzeugen entwickeln würden, meint Klässner. Er sieht es aber auch als Frage des "Mindset" und der Einstellung, die bei kleinen und mittleren Flotten derzeit eher vorhanden sei. Dort stelle man aber auch zunehmend fest, dass eine Flotte aus E-Fahrzeugen deutlich kostengünstiger zu betreiben sei. Anders lägen die Dinge bei Industriekunden wie Audi, für die has.to.be derzeit als "Technologie-Drehscheibe" für die interne Werksladeinfrastruktur fungiert. Das soll die Abrechnung und Bilanzierung der Ladevorgänge im Dienstwagenfuhrpark des Ingolstädter Herstellers auch zwischen den Werken deutlich erleichtern, wenn jetzt mit dem e-tron erste E-Modelle in größerer Zahl auch in die hauseigene Flotte rollen. Generell könne man hier eine deutliche Verschlankung der bilanziellen und buchhalterischen Prozesse garantieren, wirbt Klässner für die eigene Dienstleistung.

Säulennutzung: Selten bis 100 Prozent

In Sachen Nutzungszeit an den Ladesäulen berichtete Klässner, dass diese häufig nur erstaunlich kurz zum Zwischenladen verwendet würden, in den seltensten Fällen, um ein E-Fahrzeug komplett zu laden. Im HPC-Bereich liege der Schnitt bei etwa zehn Minuten, bei gut 20 Minuten an den 50-kW-DC-Säulen und bei einigen Stunden im AC-Segment. Mit dem Betriebssystem namens be.energised steuert der Anbieter derzeit weltweit 15.000 bis 16.000 Ladestationen, davon betreibt man 3.900 selbst. Martin Klässner sieht hier derzeit ein starkes Wachstum von 200 Prozent jährlich, in Europa kämen pro Monat derzeit 1.000 Ladepunkte hinzu, so seine Schätzung.

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