Grüner Wasserstoff und E-Fuels: Kohlendioxid als Mangelware

Bei der Euphorie um Wasserstoff und E-Fuels könnte ausgerechnet der Klimakiller Kohlendioxid zum Flaschenhals werden. Denn für die Produktion ist CO2 unabdingbar. Ein höchst fragwürdiger Prozess. 

Rewind-Taste für den Treibhauseffekt: Die Climworks-Technologie für die CO2-Abscheidung aus der Luft wie hier in Island funktioniert. Aber die Rechnung geht nur auf, wenn die Anlagen mit Ökostrom betrieben und das CO2 anschließend dauerhaft gespeichert wird. | Foto: Climeworks
Rewind-Taste für den Treibhauseffekt: Die Climworks-Technologie für die CO2-Abscheidung aus der Luft wie hier in Island funktioniert. Aber die Rechnung geht nur auf, wenn die Anlagen mit Ökostrom betrieben und das CO2 anschließend dauerhaft gespeichert wird. | Foto: Climeworks
Johannes Reichel

Vor dem Hintergrund der sich häufenden Ausstiegsansagen internationaler Autokonzerne und einzelner Länder aus der Verbrennertechnologie schwinden auch die Hoffnungen auf sogenannte E-Fuels. Diese sollen den Vorstellungen einiger Anbieter und auch des Verband der Automobilindustrie dafür sorgen können, Verbrennermotoren noch weiter verwenden zu können, quasi emissionsneutral, wenn etwa der Wasserstoff zur Produktion der synthetischen Kraftstoffe etwa aus Ökostrom hergestellt wird. Jüngst hatte auch die Bundesregierung den Hoffnungen Auftrieb gegeben, indem sie bei der sogenannten Erneuerbare Energien Richtlinie II neben der dreifachen Anrechnung von Ökostrom an Tankstellen auch E-Fuels zumindest doppelt anrechenbar auf die Umweltbilanz der Tankstellenbetreiber oder Sprithersteller machte. Auch mit der im vergangenen Jahr verabschiedeten Nationalen Wasserstoffstrategie soll das Thema gepusht werden.

Ungeklärte Frage: Woher kommt das Kohlendioxid?

Weniger beleuchtet dabei wird aber, und darauf weist jetzt ein fundierter Beitrag des Spiegel hin, dass die Produktion grünen Wasserstoffs eine zweite Zutat benötigt: Ausgerechnet Kohlendioxid ist dafür unabdingbar. Wobei unklar ist, woher das schädliche Klimagas kommen soll.

"Es ist verblüffend, dass die Politik und auch die Umweltverbände die Frage nach den möglichen CO2-Quellen für synthetische Kraftstoffe bislang fast völlig ignorieren", konstatiert Oliver Geden, bei der Stiftung Wissenschaft und Politik Experte für Klimaschutz.

Die naheliegende Lösung das CO2 aus der Nähe fossiler Kraftwerke zu generieren, stellt allerdings nur eine Verlagerung der Emissionen dar und fossile Kraftwerke sollen zudem sukzessive abgeschaltet werden. Wolle man diese als Quelle für "grünen Wasserstoff" nutzen, könnte dies die Laufzeit möglicherweise verlängern, befürchtet etwa Daniel Münter vom Ifeu-Institut Heidelberg. Kohlendioxid aus Biogasanlagen oder Biomassekraftwerken wären hier zwar besser, sind aber kapazitär bisher begrenzt und würfen irgendwann die bekannte "Tank-statt-Teller"-Problematik auf, wie der Beitrag weiter ausführt.

Technologie-Traum: Die Emissionen rückgängig machen

Daher richten sich große Hoffnungen auf die sogenannte Direct-Air-Capture-Technologie, die das CO2 direkt aus der Luft abscheiden kann. Pionier ist hier etwa die Schweizer Firma Climeworks, die Pilotanlagen in Zürich sowie auf Island betreibt und beweist, dass die Technologie für sich funktioniert, wenngleich unter ihrerseits hohem Aufwand an Energie, die dann wieder aus regenerativen Quellen stammen müsste, damit die Rechnung fürs Klima aufgeht. Allerdings ist der Prozedere nur dann wirklich klimadienlich, wenn das gewonnene CO2 gespeichert und nicht für E-Fuels weiterverarbeitet würde.

Dem Plan gemäß ließe sich ein Teil der Treibhausgasemissionen rückgängig machen. Und Klimaforscher des IPCC gehen beim derzeitig fortgeschrittenen Stand des Klimawandels davon aus, dass diese unabdingbar wären, um die Klimaziele noch irgendwie zu erreichen. Das würde durch die Verwendung in E-Fuels konterkariert, es bestehe ein Zielkonflikt, wie Oliver Geden gegenüber dem Spiegel warnt. Ebenfalls energieintensiv ist die Herstellung von Wasserstoff.

"Wollten wir hierzulande alle fossilen Kraftstoffe im Straßenverkehr durch E-Fuels ersetzen, wäre dafür mindestens 2,5-mal so viel Strom notwendig, wie wir heute in Deutschland insgesamt verbrauchen", mahnt Münter.

Für die Experten ist daher ebenso wie für die Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) klar, dass E-Fuels nur in Bereichen eingesetzt werden sollten, in denen es keine andere Möglichkeit gibt. Derzeit gilt das für Flug- oder den Schiffsverkehr. Bei letzteren etwa sollen bis 2030 zwei Prozent des Kerosins ersetzt werden. Für den Straßenverkehr empfiehlt auch Münter die Elektrifizierung - mittels direkter Stromnutzung.

Was bedeutet das?

Es mutet an wie ein neuer Streich von den Bürgern aus Schilda: Für die Produktion von angeblich "grünem" Wasserstoff Kohlendioxid aus der Atmosphäre entfernen, das man zuvor im fossilen Kraftwerk emittiert hat, um hernach mit Pseudo-Öko-Sprit den fossilen Irrsinn mit anderen Mitteln fortsetzen zu können. Wenn wir schon so weit gekommen sind, dass wir die Klimakrise, wie es der IPCC leider bestätigt, nur noch durch Negativemissionen, sprich Abscheidung von CO2 aus der Atmosphäre, irgendwie in den Griff bekommen, weil wir es seit den frühen Warnungen in den 70er-Jahren leider verpennt oder bewusst aus kurzsichtigen Profiterwägungen heraus verzögert haben, nicht zuletzt unsere Mobilität CO2-frei zu gestalten, dann muss dieses entzogene CO2 auch entzogen bleiben, so gut und so lange es geht. Es für die Produktion von E-Fuels zu verwenden, ist an Absurdität kaum zu überbieten.

Es beißt die Maus keinen Faden ab: Wir müssen runter von der fossilen Droge, so schnell und so weit es geht.

Jeder Verbrenner, der im Jahr 2021 noch auf den Markt kommt, ist einer zu viel, wenn man überlegt, dass "langdrehende" Produkte wie ein Automobil zehn bis 15 Jahre in der Welt bleibt und Abgase emittiert. Dann ist man auf der Zeitleiste schon Mitte der 30er-Jahre, wenn viele Hersteller und Länder keine Verbrenner mehr neu zulassen wollen. Wie konstatierten Wissenschaftler des Global Carbon Project und der East Anglia sowie Stanford-Universität jüngst: Wir bräuchten CO2-Einsparungen in der Größenordnung des Corona-Knicks 2020 (Minus sieben Prozent) in Permanenz, um den Klimawandel noch irgendwie einzudämmen.

"Die Emissionen lagen 2020 niedriger, weil die fossile Infrastruktur nicht genutzt wurde, nicht, weil sie stillgelegt wurde", erklärte Mitautor einer Studie zum überaus mangelhaften Umsetzungsstand des Pariser Abkommens fünf Jahre später.

Er sieht ganz klar die Gefahr eines Rebound-Effekts der Emissionen, wie in die Klimawissenschaft, aber auch Soziologen oft in der Gesellschaft beobachtet haben. Man kennt das auch als "Jojo-Effekt" nach einer Diät. Nur dass es hier nicht um nachgeholte Nahrungsaufnahme, sondern Spritkonsum geht. Ähnlich zeigte sich das verheerenderweise auch nach der Finanzkrise 2009.

So groß die Sehnsucht nach der "alten Normalität" sein mag, es wäre besser, wir kehrten nie mehr dahin zurück, in eine Welt voller sinnloser Dienstreisen und abstrus billiger Kreuzfahrten und uninspirierter Fernflugtrips.

Wie schon zuvor die EU-Kommission und insbesondere Vize und Klimaschutzkommissar Frans Timmermans feststellte, sollte die Überwindung der Corona-Krise für eine Weichenstellung auf emissonsfreie Technologien oder Mobilitätsformen genutzt werden, gerne mit den Hebeln und Instrumenten der Marktwirtschaft wie einem ehrlich die externen Kosten abbildenden CO2-Preis.

Mit Planwirtschaft hat das übrigens nichts zu tun, nur weil man einen Plan hat, und einen Klimaschutzplan erfüllen will, nein muss.

Die Forscher halten den Moment für günstig, die Städte fuß- und fahrradfreundlich umzugestaltet, E-Mobilität und regionalen Tourismus zu fördern - und sie sehen auch eine Chance in den jetzt so gründlich eingeübten digitalen Kommunikationsformen.

Und den "Champagner" unter den Kraftstoffen, "grünen Wasserstoff", sollten wir den Fällen vorbehalten, für die es wirklich keine andere Lösung gibt.

Mit anderen Worten: Hört auf mit dem Quatsch und der Illusion, man könne einen Verbrenner grün machen und wir steigen jetzt einfach von Benzin auf Methan und Wasserstoff um. Das funktioniert in einem gewissen Rahmen, wenn etwa Biomethan aus Reststoffen für den Antrieb verwendet wird und birgt auch noch längst nicht konsequent genutzte Potenziale. Fünf Millionen Fahrzeuge ließen sich alleine mit Biomethan aus Strohresten ein Jahr lang betreiben, hat ein Biomethanhersteller vorgerechnet. Und das geht schon jetzt und ohne komplizierte CO2-Abscheidung und H2-Produktion.

Der erste Schritt beim Klimaschutz ist immer: Vermeiden! Der zweite Reduzieren. Und dann vielleicht und weil's nicht mehr anders geht, das Reparieren.

Der mit Abstand aufwändigste Schritt, der seinerseits wieder viel Energieeinsatz erfordert. Womit sich, um im tierischen Bilde zu bleiben, die Katze in den Schwanz beißt. Denn Energie, mag sie noch so grün sein, muss produziert werden. Dass die Kalkulation fürs Klima aufgeht, können nur Technologiegläubige annehmen. Die Erde schickt keine Rechnung, aber irgendwann die Quittung.

 

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