Greenpeace-Studie: Toyota, VW, GM und Hyundai überziehen Verbrenner-Budget um 330 Millionen Fahrzeuge

Autobauer überschreiten die für das Erreichen des 1,5-Grad-Ziels zulässige Zahl von Diesel und Benzinern um mehr als das Doppelte, rechnet eine Studie des Automobilwirtschaftlers Stefan Bratzel vor. 400 Millionen Autos zu viel kämen auf den Markt. Toyota patzt krass, VW vertändelt gute Position.

Überziehen ihren Kredit um's Doppelte: Die großen Autohersteller wollen insgesamt 400 Millionen mehr Verbrenner-Pkw produzieren, als für das Erreichen des 1,5-Grad-Ziels zulässig wäre, kritisiert eine Greenpeace-Studie. | Foto: Greenpeace
Überziehen ihren Kredit um's Doppelte: Die großen Autohersteller wollen insgesamt 400 Millionen mehr Verbrenner-Pkw produzieren, als für das Erreichen des 1,5-Grad-Ziels zulässig wäre, kritisiert eine Greenpeace-Studie. | Foto: Greenpeace
Johannes Reichel

Die Absatzpläne der Autoindustrie für weitere Pkw mit Verbrennungsmotoren sind unvereinbar mit dem Klimaziel von 1,5 Grad. Eine neue Greenpeace-Studie mit dem programmatischen Titel "The Internal Combustion Engine Bubble" zeigt auf, dass Toyota, VW und Hyundai/Kia mindestens doppelt so viele Diesel und Benziner verkaufen wollen, wie das ihnen verbleibende CO2-Budget erlaubt. Für die gesamte Autoindustrie liegt die geplante Überproduktion laut Studie bei etwa 400 Millionen Verbrenner-Autos – etwa das Fünffache der 2021 weltweit produzierten Autos.

„Mit ihrer ökologischen Geisterfahrt befeuern die Autokonzerne die Klimakrise. Sie verabschieden sich viel zu langsam aus dem Öl-Zeitalter. VW und die anderen Autokonzerne müssen ihre Verantwortung wahrnehmen und viel schneller aufhören, weitere Diesel und Benziner zu verkaufen", kritisiert Mauricio Vargas, Greenpeace Finanzexperte.

VW verspielt gute Ausgangsposition mit langsamen Ausstiegstempo

Die von Autoexperten Stefan Bratzel mitgeschriebene Studie berechnet zunächst, wie viele Verbrenner-Autos weltweit noch verkauft werden dürfen, um innerhalb des verbleibenden CO2-Budgets für 1,5 Grad zu bleiben. In einem zweiten Schritt schlüsseln die Autoren diese Anzahl auf die vier großen Hersteller Toyota, Volkswagen, Hyundai/Kia und General Motors auf und vergleichen sie mit deren Absatzplänen für Verbrennerautos. Mit einer Überschreitung seines verfügbaren Verbrenner-Budgets um bis zu 184 Prozent schneidet Toyota dabei am schlechtesten ab. Und rechfertigt sich in seinen Klimaschutzerklärungen mit Floskeln wie, es handle sich "um eine komplexe und umfangreiche Aufgabe. Wir werden unser Möglichstes tun, um sie zu erreichen".

Volkswagen hatte 2021 mit 450.000 verkauften Stromern die höchsten E-Auto-Verkäufe der vier Großen - allerdings auch nur fünf Prozent des Gesamtportfolios. Immerhin wäre das die beste Ausgangsposition, so die Autoren. Der Konzern plane jedoch seinen E-Auto-Anteil vergleichsweise langsam zu steigern. Dadurch überstiegen die geplanten Verbrenner-Absätze von VW die für 1,5 Grad noch vertretbare Zahl ebenfalls um mindestens das Doppelte (100 bis 136 Prozent), prognostiziert die Studie - auch wenn etwa die Nobel-Tochter Audi bereits bis 2030 keine neuen Verbrenner mehr bringen will.

Erwartbarer Reflex: VW zweifelt Methodik an

Bei VW verwehrt man sich generell gegen Berechnungen dieser Art. Gegenüber der Süddeutschen Zeitung merkte der Konzern an, die Projektionen seien mit "erheblichen Unsicherheiten belastet", angesichts unterschiedlicher Marktentwicklungen und Definitionen. Der CO2-Fußabdruck der Konzern-Pkw sinke im Schnitt, was auch zertifiziert worden sei. Auf diesem Weg wolle man fortfahren und bis 2026 52 Milliarden Euro in die E-Mobilität investieren, heißt es aus Wolfsburg. Doch die Greenpeace-Experten bleiben bei ihrer Kritik.

„Die Absatzpläne der Hersteller stehen auf tönernen Füßen. Sie stellen auch für Investoren ein hohes Risiko dar. Angesichts der immer drastischeren Folgen der Erderhitzung beschließen mehr und mehr Länder, Städte und Regionen Verbote für Autos mit Verbrennungsmotor. Wer nicht schnell genug umstellt, droht auf Millionen unverkäuflicher Diesel und Benziner sitzen zu bleiben. Für Unternehmen, die so stark verschuldet sind wie VW oder Toyota, kann daraus schnell eine brenzlige Situation entstehen", meint Mauricio Vargas, Greenpeace Finanzexperte.

Als Parameter dienten die heutigen Jahresfahrleistungen, unterschiedliche Motor- und Modellgrößen, eine Betriebsdauer von 15 Jahren (in Europa) sowie die vorliegenden Pläne für die Elektrifizierung der Palette. Hier sei das Tempo entscheidend, so die Autoren: Eigentlich müsste der Verkauf von Verbrennern nämlich schon im Jahr 2030 beendet werden, will man das 1,5-Grad-Ziel schaffen - gesetzt den Fall, die Parameter ändern sich nicht und die Neuwagen würden auf einmal kleiner und sparsamer. Dieser Trend ist allerdings nicht in Sicht, weltweit boomt das Segment der SUV und Geländewagen am meisten, Fahrzeuge legen weiterhin an Format und Gewicht zu. In Europa wurde das Verbrenneraus jüngst auf 2035 fixiert, in China gibt es längst feste Quoten für den Anteil an E-Autos am verkauften Portfolio.

Studie kommt vor dem Hintergrund der UN-Klimakonferenz

Die Studie kalkuliert die Verschuldung der zwölf größten traditionellen Autohersteller auf 1,2 Billionen Dollar (September 2022). Mit 239 Milliarden Dollar liegt sie bei Volkswagen am höchsten. Derzeit beraten Vertreter:innen aus 200 Staaten auf der UN-Klimakonferenz im ägyptischen Scharm El-Scheich über Wege, den Temperaturanstieg wie 2015 in Paris beschlossen auf 1,5 Grad zu begrenzen. Verkehr verursacht etwa ein Fünftel der weltweiten CO2-Emissionen, etwa drei Viertel davon stammen aus dem Straßenverkehr.

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